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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 620 (sequence 4)
Language
German
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:ci!c 620. Allgemetne^Jsraelitische Wochenschrift. Nr. 39. lich stört die Mcsusa die modernen Juden nicht. Sie ist aus ihren Hausern verbannt und wenn nicht — so steht sie draußen vor der Tbnre, nicht in dem Hause, nicht vor dem Herzen. Sie beherrscht nicht das jüdische HanS, sondern ist blos eingekerkert in demselben. Tie Tefillin behelligen den Juden der Jetztzeit nicht, er legt sie nicht um Hand und Haupt, und wenn schon — so tragt er die Tefillin an dem Haupte, nicht in dem Haupte, — schmückt er sich mit dem Gehäuse des Sch'ma, nicht mit dem Sch'mabekenntnis. Tarum währt so lange unsere Bedenkzeit und die Jugend ist so tief in der Irre, daß sie sich sogar nicht bedenkt, ob sie sortsetzen soll die Geschichte Israels. Es ist auch nur zu begreiflich. Denn große unheilvolle Umwälzungen haben sich vollzogen in unserer Mitte. Im alten Israel war der Vater die „Tefillah des Hauptes", d. h. er war bestrebt, Sinn und Geist des Kindes im Dienste des Judentums zu bilden. Heute sorgt der Vater nur für die allgemeine Verstandsbildung des Kindes, aber nicht für eine spezifisch jüdische Geistesentwickelung. Im alten Israel glich die Mutter der Handtefillah, die man in die Herzgegend legt, indem sie ihren Kindern eine Herzensbildung angedeihen ließ. Gegenwärtig sind die jüdischen Mütter hauptsächlich bedacht, ihren Kindern freie Hand im Leben zu schaffen, sie mit einem mächtigen Arm für den Kamps des Daseins auszurüsten. Die Gattin des R. Amnon schmieg, als ihr ihr Gatte seine Absicht, sich für das Judentum zu opfern, kundgab. Tie Jüdinnen unserer Tage schweigen nicht, sondern sprechen oft gar beredt gegen die jüdische Erziehung ihres Kindes, aus Rücksicht aus die Zukunft desselben. Trotz alledem glauben wir an einen Versöhnu ugstag in unserer nächsten Entwickelung, an eine Versöhnungszeit, in der sich die Juden versöhnen werden mit ihrer Vergangenheit, mit ihrer Religion, mit sich selbst. Rur derjenige verzweifelt, der die religiösen Zustände der Juden losgelöst von den religiösen Verhältnissen der gegenwärtigen Menschheit betrachtet. Wer aber die allgemeinen Beziehungen der Jetztzeit zur Religion iu Betracht zieht, wird einsehen, daß die Juden der Gegenwart zwar in mancher Hinsicht weniger religiös als ihre Vorfahren sind, jedenfalls aber den Bekennern anderer Religionen in Bezug aus religiöse Juuigkeit uicht nachstehen. Wir klagen uns so oft des Mangels an Religiosität an, weil wir, das klassische Volk der Religion, an uns hohe Ansprüche stellen müssen, weil wir uns von Alters her gerne selbst anklagen, weil wir das Volk des Jomkippur sind, an dem man so oft seine Sünden bekennt. Wir hoffen daher, daß ein Jomkippurgeist, ein Geist des R. Amnon — freilich in sanften, milden formen — auch iu der Zukunft uns beherrschen werde! kaum der Abend seine Schwingen, Leise rauschend, senkt hernieder — Staunt der Abendröte Leuchten, Schon verschwunden hinterm Berge, blähet schon mit scheuen Schritten Israel dem strengen Richter, Einigt sich vor seinem Gotte, Betend, die Gemeinde Jakobs. Jom hakippur, Tag der Sühne, Tag des Rechtens, naht sich leffe, Und die Söhne Jakobs zittern Bor den Sünden ihrer Seele. Stille herrscht, wie vor'm Gewitter In des Tempels heil'gcn Räumen, Nur ein flüsternd Beten surret Turch die hohen, weiten Hallen. Und cs rücket nah' die Stunde, Wo das Urteil wird gefallet, llnd aus tiefstem Herzen dringen Seufzer, schwer und unerforschlich. Wer durch Wasser, wer durch Feuer, Wer durch Unglücksfall soll sterben, Wer im Glücke, wer zur Freude, Wer im Unglück auch soll leben- Jom Kippur. Wer bestraft und wem verziehen. Wer verdammt, wer freigesprochen. Heute wird es dort besiegelt Und das Buch liegt aufgeschlagen. Turch die Herzen geht ein Zagen Und die Häupter sinken nieder. Tiefgebeugt vom Erdenjoche, Bon den Lasten schwacher Seelen. Plötzlich durch die tiefe Stille Erst im „Nigen", leise, leise, Tann erhebend, trillernd, lauter Sich die Srimm' des Chasans findet. Alles lauscht, fast ohne Atem Tiefen mächt'gen Rollaccordcn llnd „Kol nidre“ tönt es furchtbar Tröhnend durch die Lüfte zitternd. Und von jeder Brust ein Stöhnen, Jedem Auge eine Thräne — Tumpf verhallend tönt der Nigen Leise von des Ehasans Lippen. Noch der angcbroch'ne Morgen Findet Israel im Staube, Noch des Frührots glühend Leuchten Findet cs vor seinem Gotte. Nicht ein Tropfen netzt den Gaumen, Steine Speise stärkt den Körper; So kasteit sich die Gentcinde Und so büsten Jakobs Söhne. Wie der Morgen, so der Abend Findet sie vor ihrem Richter, .Hoffend immer noch auf Gnade Bon dent Allbarmherz'gen Herrscher. Tunkel wird es in den Hallen, Leis' nur tönen die Gebete, Leis' und innig, flüsternd traurig Flehend zu dem etnz'gen Bater. Adonay el rachum, rachum, Trennest tönt's aus einem Munde Bon dem Rabbi vorgesungen Der Gemeinde nachgebetet. Bor Erschöpfung matt die Stimme Tönet dreimal: „Sch'ma Jisroel“ „Sch'ma Jisroel“ Gott ist einzig Ewig sei gelobt sein Name. Siebenfach hallt es dann schaurig Weinend, schluchzend, dumpf und traurig: Adonav liu elohim Adonay hu elohim Er ist Gott, der Ewig-Einz'ge, Er ist Gott, der Weltbeherrscher. — Tiefe Stille dann im Hanse. „Tkio“. Dumpf und markdnrchbebend Tönt die heilige Posaune — Und persöhnt mit seinem Gotte Ist das ganze Israel. F r e h st a d t - B e r l i n- Bernhard L o e w e n t h a

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