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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 619 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 619. gedanke», es löst aber auch andererseits unsere Beziehungen zum Diesseits nicht. Unsere menschlichen Schwächen, die mannigfachen (Gegensätze menschlichen Erdenmallens werden als Diesseitsphänomene im Lichte der Neligion gezeigt. Das Judentum findet überhaupt im Diesseits gewisse Jenseitsmomente. Das Judentum weist einen realistischen, einen modernen Zug aus. Es umfaßt den ganzen Menschen, den Menschen als intelligibles Wesen wie auch zugleich als Natur,vesen, den Menschen als unabhängige Persönlichkeit wie auch zugleich als Glied sozialer und nationaler Gruppen. Ilosoli iiascliana und Versöhuungssest, sie wenden sich an den Menschen in seiner Totalität, als geschlossene Einheit, berücksichtigen aber auch die Gliederung dieser Einheit. Alles wird im Menschen an den Tagen des Gerichts rege gemacht, öas Ideale und das Reale, das Erhabene und das Niedere, das Individuelle und das Soziale. Das wirkungsvolle Nesanne tokef-Gebet, das so tief ergreift durch die Auszählung der Boten des Unheils, saßt den Juden nicht allein bei seiner Eigenliebe, sondern auch bei seiner liebevollen Teilnahme an seines Nachbars Schicksal. Mir will sogar scheinen, daß der Verfasser des Nesanne tokef bei seiner Gruppierung der bösen Mächte, die das Menschenleben bedrohen, ihre gefahrvolle Wirksamkeit in Beziehung zu Israel im Auge hatte. Bestimmt ivird am Versöhnungstage wer im Feuer sein Ende finden soll, kündet das fragliche Gebet. Der Ausruf „wer im Feuer", erinnert an die unzähligen Märtyrer, die die Feuerglut des Fanatismus den Flammen überliefert, erinnert der Heiligen, die mit glühender Begeisterung den Scheiterhaufen bestiegen, trotzdem sie die Zornesglut ihrer Feinde hätten löschen können mit dem Wasser der Taufe. Wer wegen Wasser zu (Grunde gehe, fährt das Gebet fort und ruft die Huuderttnusende ins Gedächtnis, die mit allen Werkzeugen der Hölle im 'Namen des Himmels gefoltert wurden, weil sie als treue Juden das Wasser der Taufe verschmäht haben. Wer durchs Schwert, ruft das Nesanne tokef aus, und wir erinnern uns, daß das Schwert großer Kriegsscharen gegen unsere Vorfahren gewütet, die Waffe ganzer Heere, die ins heilige Land gezogen, uni das Grab eines berühmten Juden vor barbarischer Beschimpfung zu bewahren. Die darauffolgende Bestimmung, wer durch Wild ende, hat wahrlich aus die Kreuzzüge Bezug, denn die frommen Pilger verwandelten sich iiw wilde Tiere, so sie das Antlitz eines Juden, eines Blutsverwandten ihrer Propheten erblickten. So lassen sich die meisten der im Nesanne tokef geschilderten Lebensunfälle allgemein fassen, als die Unfälle im Geschichtsleben Israels deuten. Wenn der Festesdichter den Betenden an die Schrecken des Hungers und Durstes erinnert, so erinnert es ihn an den großen Fasttag, an die große Fastzeit, in der unseren Vätern jeder Rahrungszweig abgeschnitten, jede Erwerbsquelle verstopft wurde. Freilich ist'ein Volk, das vom Jom Kippurgeist durchdrungen ist, ein Volk, dem ein Fall tag ein Feil tag ist, gewissermaßen unverwundbar, es erhält sich durch geistige 'Nahrung, durch ein Himmelsmnnua der Idealität und weiß auch neue Brunnen'des Erwerbes für sich und die Menschheit zu graben. Jedoch litt Israel im Sturme des Kampfes. Unser Gebet ruft die Zeit der Pest, die Zeit des schwarzen Todes als Beispiel ins Gedächtnis, in der Israel verfolgt wurde, weil der schwarze Aberglaube die Juden als Brunnenvergifter verdächtigte. Fürwahr die (beschichte unseres Stammes verdichtet sich in unserer Festesdichtung, im Nesanne tokef. Nicht umsonst verherrlicht die Sage den Verfasser desselben, stellt ihn als Heiligen dar, zeichnet ihn mit allein Farbenschmelz der Dankbarkeit, malt ihn so lebendig, daß wir im Spiegel seines Lebens die Judenheil der Gegenwart erblicken. — Zu Mainz lebte iin elften oder dreizehnten Jahrhundert, nach der Sage, ein R. Amnon, der im hohen Ansehen beim Landessürffen stand. Die Judenfeinde, an deren Spitze ein mittelalterlicher Prediger der Liebe außer Dienst, suchten seine Stellung zu untergraben, sie hüllten sich in den Bileamsmantel einer heuchlerischen Frömmigkeit und seufzten um die schöne Seele des R. Amnon, die zu Grunde gehe, wenn sie nicht rechtzeitig ins gelobte Land ihrer Religion befördert werde. Ihr Fürst ließ sich von ihnen bethören und forderte aus purer Menschenliebe den R. Amnon zur Taufe aus. Dieser schwankte einen Moment. Die Liebe zu seiner in Gefahr schwebenden Familie, die Dankbarkeit gegen seinen Herrscher, der ihm sonst wohl gewesen, ließen ihn wanken. Er erbat sich eine dreitägige Bedenkzeit. Kaum hatte er aber sein Haus betreten, als er sich selbst seines Schwankens wegen verurteilte. Alles in ihm und um ihn erschien ihm als Ankläger. Der Wächter des Judentums au der Thttre seines Hauses, die Mesusa, die Wächter seines Hauptes und feines Herzens, die Tesillin, schienen ihm „Verräter" zuzurufen. Auch seine Gattin, der er sein Leid geklagt, hatte für ihn kein Wort der Entschuldigung, sie schmieg. Es reifte daher in ihm ein fürchterlicher Entschluß, der darin gipfelte, daß er nach Ablauf der Bedenkzeit dem Fürsten keinen Bescheid gab. Als man ihn nun gefesselt vor den Fürsten brachte, bat er, daß man ihm die Zunge abschneide: „Die Zunge, die gelogen, die gegen den irdischen und gegen den himmlischen König gesündigt, soll bestraft werden", sprach in fürchterlicher Ruhe der Rabbi. „Rein," erwiderte mit grausamem Hohn der Fürst, „die Füße, die nicht gekommen, sollen Dir vom Leibe getrennt werden. Die Zunge magst Du behalten, damit Du Deinem Schmerze Ausdruck verleihen kannst". Gesagt, gethan. Das Urteil wurde vollstreckt dicht vor Rosch ha schauah. Am Roschhaschanah trugen die Schüler des R. Amnon den Mcnrn, dessen Geist sie Jahrzehnte getragen, ins Gotteshaus. Sie trugen auch die Glieder, die ihm der Feind geraubt, ins Gotteshaus — als Siegeszeichen der jüdischen Aufopserungssähigkeit! Alles trauerte, nur der Rabbi schwieg. Sein Schweigen brach er erst vor der Keduscha des Mußafgebetes. Er sprach in flammender Begeisterung das Nesanne tokef und verschied. Diese Sage berechtigt zur Annahme, daß es sich im Nesanne tokef weniger um das israelitische Individuum als um die Gesamtheit Israel handelt. Denn der verumtliche Verfasser befindet sich in einer Stimmung, die vom einzelnen absieht und das Allgemeine ersaßt. Wirkt es auch einigermaßen befremdend, daß R. Amnon in seinem Gebete sein Lebensschicksal nicht klar anoeutet, so läßt sich doch behaupten, daß er, sein Geistesauge in der Mürtyrergeschichte Israels versenkend, sich als bloßes Atom in der Welt jüdischer Aufopferung ganz vergaß. Was uns in der R. Amnousage als Zeitgemäßes entgegentritt, ist das Schwanken und Wanken des Rabbi. Denn unsere Zeit ist eine Bedenkzeit Israels. Die Drohungen der Feinde, die Lockmittel der falschen Freunde machen die Juden der Gegenwart schwankend. Es heißt allerdings nicht mehr Jude oder Bekenner eines andern Glaubens. Es heißt Jude oder jüdischer 'Nichtjude. Die Juden der Jetztzeit bedenken, wie der Mainzer Rabbi, klagen sich aber nicht selbst au, wie dieser. Frei-

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