Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 618

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 618 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608934--0772-9608936
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

cito 618. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 89. achtung zu besitzen und Zwecke zu fördern, die dem Judentum zum Ruhm und zur Ehre gereichen würden. Ich sprach, wenn ich mich recht erinnere, den Gedanken ans, daß nur unsere ruhmreiche Kultur uns die Daseinsberechtigung verleibt, nicht aber die schönen Toiletten der schönen Damen, daß ein Zigeuner selbst in Frack und weißer Binde ein Zigeuner bleibt. Solches und Aehnliches sprach ich in meine?, durch die Jugend verzeihlichen Begeisterung, während die Dame mir mit offenem Munde, vor Erstaunen sprachlos, zuhörte. Es verursachte mir große Freude, den Eindruck zu sehen, den ich auf die Dame machte, und ich träumte von einer neuen Mission, von einer Art „inneren Mission", die uns Juden sehr Not thut, um die welken Blätter an unserem Baume wieder zu erfrischen. Beim Abschied begleitete mich die Dame ernst und nachdenklich bis an die Thüre und ich war über den erzielten Erfolg nicht wenig stolz. Aber, o des Jammers! Meine Freude sollte nicht lange dauern. Wenige Tage darauf sprach mich ein Freund, der ebenfalls jene Familie zu besuchen pflegte, und der erzählte mir, vor wenigen Tagen hätte die Hausherrin sehr mitleidsvoll über mich gesprochen; ich sei sonst ein ganzer „netter" Mensch, aber es wäre mir ein Unglück widerfahren, vor lauter Grübeln sei ich übergeschnappt. Seitdem ließ ich meine schönen Träume und meine gut gemeinten Ideale. Ich behalte Jehndah Ha-Levi für mich und überlasse meinen schönen Stammesgenossinnen Zola und Felix Dahn und Louise Mühlbach. Aber es sind dies Kinderkrankheiten, die man nie los wird. Manches Mal beschleicht mich ein namenloses Weh über all die Herrlichkeiten, welche Israel einst in gottbegnadeter Zeit aufgehäust hat und die nun darniederliegen, von keinem Menschen verlangt und von niemandem genossen. Dabei waren es keine sorglosen Zeiten, wie jetzt, wo Israel, trotz aller Anfeindungen, an Leben und Gut geschützt ist; jene herrlichen Geistesprodukte sind zu einer Zeit entstanden, in der die Welt der Inden voller Unruhe und Gefahr mar. Abraham Jbn-Esra verließ seine Heimat, das teure Spanien, welches er mit allen Fasern seines Daseins liebte, weil die wilden, fanatischen Almohaden unzählige jüdische Gemeinden mit Feuer und Schwert vertilgt hatten. Arm und mit gebrochenen: Herzen — seinen einzigen Sohn sah er zum Islam übergehen — führte er ein Wanderleben, überall, wie er sich ausdrückt, „Briese schreibend und Poesien dichtend". Alan denke sich heutzutage einen solchen jüdischen „armen Gelehrten"; er würde in keinem jüdischen reichen Hause auch vorgelassen; alle Diener sind ja daraus dressiert, „Schnorrern" den Eintritt zu verwehren. Zu Ehren unserer Altvordern sei es gesagt, daß Abraham Jbu-Esra, dieser Sonderling, der nicht einmal orthodox war, wie der unjüdische antipathische Ausdruck heutzutage lautet, sondern sehr ketzerische Ansichten äußerte, daß dieser Dichter, Exeget und Philosoph überall eine glänzende Ausnahme fand. Rabbi Jakob, .genannt „Tam", Enkelsohn des großen Raschi, der in Paris mindestens das Ansehen eines orthodoxen Rabbiners genoß, oder ohne Satire — unsere modernen Juden würden keine Satire verstehen — gesagt, die größte damalige Autorität der deutschfranzösischen Juden war, empfing unfern modernen Gelehrten oder „Schnorrer", wie man jetzt sagen würde, mit der größten Auszeichnung und strengte sich sogar an, zu Ehren des Gastes ein Gedichtchen zu verfassen, was dieser sehr kritisch zerfaserte. In seiner Bescheidenheit entschuldigte sich der große rnbbiuische Gelehrte und legte sich dem berühmten Dichter zu Füßen. > In Buziers wurde Abraham Jbn-Esra mit solcher Feierlichkeit empfangen, daß noch spätere Generationen davon zu erzählen wußten. Jedajah, der Dichter aus späterer Zeit aus jener Stadt, erzählte das mit Stolz, ein Stolz, der jedenfalls berechtigter und schöner ist als der, den unlängst ein reicher Jude in Wien erlebte. Dieser nämlich machte im Kasehause die Bekanntschaft eines vornehmen Griechen — mau denke: eines „Griechen" und „vornehm" —, lud ihn in sein Haus, sah mit Freude, daß sich seine schöne Tochter in den Gast . verliebte und war geneigt, diesen zum Schwiegersohn zu erwählen, auch unter der Bedingung, daß sich die Braut taufe. Aber, o weh! Oer vornehme Grieche entpuppte sich in der Folge als der Chef einer Einbrecherbande. . . Dies ist der große „Judenschmerz", wie Heine sagt, der unsereinen nicht losläßt, und wenn man sich tausendmal verschwört, nichts zu reden, da man die Sache doch nicht besser machen könne, so giebt es Momente, in denen einen die schöne Vorsicht verläßt und eine Art Heimweh beschleicht. In solcher Bestimmung will ich die folgenden Betrachtungen schreiben, aber ohne jede Beimischung von Satire, denn schließlich sind es ja meine eigenen Stammes- und Glaubensgenossen, deren Thorheiten zu verspotten mir den größten Scknnerz verursacht. Unesanne tokef. Von Dr. I. Niemirower. 'Nach einem Soharausspruch sind auch die Thorarollen vom Glücke abhängig; die einen werden oft benutzt und fleißig gelesen, die anderen hingegen selten gebraucht, kaun: beachtet. Auch die Feste — kann man bei oberflächlicher Betrachtung sagen — unterliegen dem, was man Glück nennt. Während leider die meisten Feste des Judentums in der Jetztzeit nicht allgemein begangen werden, üben L-osest haschaiia und Jom Kippur fast aus alle unsere Glaubensgenossen einen mächtigen Zauber aus. Worin liegt die unwiderstehliche Macht dieser heiligen Tage? In ihrer Idealität, die ohne jede Beimischung nationaler und geschichtlicher Elemente an die rein religiöse Idee ankünpst? oder, im Gegenteil, in den selbstischen Befürchtungen und Hoffnungen, die mit dem ^Begriffe dieser Festtage als Tage des Gerichts verbunden sind- Worin besteht die Stärke der Tischrifesttage, in dem, was lie dem einzelnen, für sich ein Ganzes bildenden Individuum bieten, oder in dem, was sie der Gesamtheit Israels künden - Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Bedeutung dieser „erhabenen und furchtbaren" Tage in der Vereinigung der verschiedenartigsten Elemente sucht, iu der Mischung höchster Idealität mit Erwartungen und Besorgnissen irdischer Art, in den: Umstande, daß sie sowohl den: Geiste als auch den niedern HerzeuSaffekten Nahrung bieten. Der Umstand verleiht auch dem Nesanne tokef deu Eharakter des Haupt' gebetes au unseren Festtagen. In Bezug aus religiöse En habenheil wird es von so manchem Gebete überragt, bei dem der Andächtige seinem vergänglichen Ich ganz'entrück ist und in Begeisterung das Ende des Bösen und die Verbreitung des Gottesreiches herbeiwünscht. In Bezug auf ernste Wirkung jedoch ist das Nesanne tokef der umfassendste mit) zugleich kräftigste Ausdruck unserer „großen Tage", denn es hat Seele und Körper; es erhebt einerseits zu den Höhe» der Heiligung des göttlichen 'Namens, zu den höchsten Jenseits-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.