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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1 . I : i. Mo. 39. Jahrgang iv. MMHemeine Merlin, 27. September 1895 vi Herausgeber: Ä. Levin, Berlin. §iftyntnn. Bezugspreis: viertetjäyrl. 2 Mir. Erscheint an jebem Areitag. Wczngspreis für das Ausland: Mir. 2,'.tt. <i>n beziehen durch die Post, unsere Expeditionen und den Buchhandel Airh^Lt: Unsere Kultur I. Von Tr. T. Bernfeld. i'n«^uiirukokest. Von Tr. 2. Niemirower. x'vom stippur. Äon B. Toewentlial- Aus der Berliner ckcmeiiide. Zur Lage. - Ztachelzanndraht. Aus dem (Ghetto in Ncw-Bork. Nathanaja. Bon Tr. (5arl Weil. Wochenchronik. Tose Blätter - Anzeigen. Iliism Kultur. Bon Tr. 2. Bernfeld. (Nachdruck, auch im einzelnen untersagt). I. Ich habe mich einst mit statistischen Studien beschäftigt und wollte nun diese meine Studien aus ein mir naheliegendes (gebiet ansdehnen; ich wollte statistisch seststellen: was lesen heutzutage unsere Glaubensgenossen in Berlin? Zu diesem Zwecke habe ich Fragebogen an viele Inden versandt des Inhalts: Was lesen Sie? oder vielmehr: Was wird in Zhrer Familie gelesen? Mit der größten Liebenswürdigkeit wurden jene Fragebogen, mit der passenden Antwort versehen, aii mich zurückgeschickt, und ich konnte nun so mein statistisches Material verwerten. Da ich nichts für mich behalten will, so sollen die Leser dieser Zeitschrift das Resultat erfahren: ältere Generation war aus Spielbagen und Louise Mühlbach eingeschworen; auch Felir Dahn und Gustav Freytag fehlten nicht. Aber das waren alte Marotten von Leuten. die in der Zeit zurückgeblieben sind. In modernen Kreisen verehrt man neue Götter, vor allem Zola. Ich konnte konstatieren, daß in der Familie keine strenge Geisteseinhest herrschte; die junge Tochter, welche in der Familie den Ton für Bildung und Litteratur angiebt, lieft, wie gesagt, Zola, ob im sranzöstschen Original, oder in einer schlechten deutschen Uebersetzung, weiß 'ich nicht; die Mama schwört aus Wildenbruch — das hat nämlich seinen Nebenzweck, indem aus den Kommerzienrats oder aus den Hoslieserantentitel spekuliert wird; der Papa liest ausschließlich den Kurszettel; und last not least der „junge Herr" — liebenswürdige Briese von sehr liebenswürdigen Damen. Der geehrte Leser wird wohl merken, daß mein Material aus dein Tiergartenviertel ftaimnt-— £od) ick will nicht renommieren; z ich habe keine Fragebogen verschickt, westlich keine Beziehungen zu dem'Tiergarteuviertel habe. Sollte mir jemand doch dort begegnet Htedalilion und Verlag: E,r Kamburgcrstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Bk», nehmen alle Annoneen-Lrpeditionen sowie unser Burean entgegen. sein, so diene ihttt zur Ausklärung, daß es sich um den Besuch eines Kollegen handelt, der bescheidentlich in beut „Hinterhause" wohnt; mit dem „Vorderhause" - um bei dieser weisen Einteilung Sudermann's zu bleiben — habe ich nichts zu thun. Jni übrigen bin ich gewitzigt genug, um zu wissen, wie derartige „Taktlosigkeiten" aufgenonunen würden, und wie wenig Recht mir zusteht, mich um das geistige Leben vteiner reichen Glaubensgenossen zu kümmern. Vor etwa zehn Jahren habe ich mal einen solchen „unzeitgemäßen" Versuch gemacht; das Resultat war in keinem Falle ermunternd, und ich ließ es seitdem sein. Auch dies sollen die Leser erfahren, und diesmal handelt es sich um eine wahre Begebenheit und um keine Renommage. Ich muß vor allem verraten, daß ich damals bei weitem jünger war, als heute; ich trug vlich noch mit einem Ballast von dummen Idealen herum, die in der leichtsinnigen Jugend wohl verzeihlich sind, welche aber rechtzeitig mit Stumpf unb Stiel ausgerottet werden müssen, wenn man nicht Schaden an Leib und Seele nehmen will. Eine reiche Dame, natürlich auch schön und gebildet, pflegte mich aus Neugierde hin und wieder zu empfangen — ja, ja, leibhaftig und im Salon und durch den Aufgang aus der Haupttreppe — „Ausgang nur für Herrschaften!" — und mit mir, wenn nichts bess'res vorlag, auch zu plaudern. Worüber? Nun ja, wenn Die Erörterungen über die Toiletten und die zu besuchenden Bälle erledigt waren, wurde ich empfangen und wir sprachen — über Litteratur. Eines Tages, ich hatte gerade die Gedichte Jchudah Ha-Levi's im Original gelesen und mich an deren unvergänglicher Schönheit berauscht, hatte ich den allerdings originellen Gedanken, mit der Dame über unser goldenes Zeitalter zu sprechen, das Zeitalter der beiden Jbn-Esra, Moses und Abraham, und des Jehudah Ha-Levi, den meine Dame schon aus Heine kannte, wie dieser den großen Dichter ebenfalls erst aus zweiter Quelle gekannt hat. Und ich meine nun in meiner jugendlichen Naivität, es könnte sehr schön werden, wenn Israels Söhne und Töchter Zola und Spielhagen initsamt Felir Dahn und dem weidlichen Felir Dahn, d. h. Louise Mühlbach, anderen Leuten überlassen sollten und sich mit mehr Interesse unseren großen Schriftstellern und Dichtern widmeten; ich meinte ferner, daß wenn ein anderer Volksstamm solche Poesien und eine solche Litteratur hätte, all dies gesammelt wäre und in unzähligen Ausgaben seine Verbreitung im Volke gesunden hätte, während mir es noch immer nicht zu einer Klassiker-Ausgabe unserer unvergänglichen Dichter gebracht haben. Ich ging sogar so weit, zu behaupten, Israels Söhne und Töchter thäten besser daran, weniger Bälle zu besuchen und weniger dort zu glänzen, wo man sie am allerwenigstem gerne steht, dafür aber mehr Selbst-

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