Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 612. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. Juda. Und das köstlichste, das van selbst träufelt von den Aesteit des Baumes, das sammelte mein Herr sorgfältig, verkaufte es nicht den Sidouieru, wie den Saft, der aus den Einschnitten quillt, sondern er brachte es dar dem Herrn Jahr für Jahr, auf daß die Heiden sich nicht rühmen möchten mit denn Salböl, bestimmt für das Haupt des gottgeweihten Priesters." Gar oft kam sie auf diesen Gegenstand zurück, so daß denn Mädchen das Herz am Ende schwer ward, und es gar sich sehnte, auch einmal zu schauen das Haus, wo der Ewige thronte ans den Flügeln der Eherubiu, und so tiefe Ehrfurcht vor denn heiligen Propheten Gottes sie im Herzen trug, so herzlich sie auch wünschte, das Antlitz eines gotterwählten Sehers zu schauen, so lauschte doch ihr Ohr noch aufmerksamer, freudiger schlug ihr das Herz, wenn sie hörte, daß der Herrscher in Israel, der Herr des Weltalls, es nicht verschmäht hatte, mit seiner heiligen Prophetenweihe auch hie und da ein schwaches Weib zu begnadigen. Gar oft wiederholte sie bei der Arbeit den Siegesgesang der Prophetin Deborah, oder ergriff nach vollbrachtem Tagewerk die Aduse und sang den: Ewigen mit tönender Stimme. So wuchs Nathanaja heran, wohl unterrichtet in häuslichen Arbeiten, gestärkt durch die Lehre des Herrn, die das Herz erfreut, blühend wie die Rose ant Fuß des Hermon, wie die Zeder aus Libanons Höhen. Von ihr konnte man mit devl königlichen Sänger sagen: Wie schön bist du, Schäferin, wie schön! Deine Augen, Täubchen zwischen deinen Locken; Dein Haar wie Geinsenhaare, dort aus Gileads Berge. Deine Zähnereihen, Lämmer ans der Schwemme, Zwei und zwei gepaart, auch nicht Eines fehlet; Purpurn deine Lippen, lieblich deine Stimme; Wie an dunklen Felsen die Granaten schimmern, Schimmern deine Wangen durch der Locken Pracht; Wie schön in den Sandalen schreiten deine Füße, Es sind die schlanken Hüften dem Rehe zu vergleichen. Bon Elfenbein ein Thiirmchen, glänzt deines Halses Weiße; Es prangt darauf das Köpfchen, so wie Libanons Teste, Tie gen Damaskus schaut! Doch Nathanaja kannte ihre Schönheit nicht, würde sie auch nicht geachtet haben, wenn sie sie gekannt hätte, denn wohl wußte sie, was der Sänger gleichfalls sagt: „Anmut ist trügerisch, Schönheit vergänglich, doch ein tugendhaft Weib rühmenswert!" Es wohnte aber dicht neben der frontnten Witwe und ihrer schönen Tochter ein gar armer, schwer bedrängter Mann, Benoni genannt, der hatte fünf kleine Kinder, aber keine Mutter war da, sie zu versorgen, denn der Ewige hatte sie zu sich genommen. Der Mann ward arnr und immer ärmer, der Mraut warf ihn auf's Krankenlager; er verpfändete seinen Acker, sein Haus; Fremde liehen ihm, und als er nichl zahlen konnte, kam der hartherzige Gläubiger und nahm ihn zum Knecht. Da kam nun herbei das große Jubeljahr, und Herolde durchzogen das Land und verkündeten in allen Straßen Freiheit des Ewigen denn Volke. Gelöst war nun das Band, das den Sklaven an den Herrn, die Magd an die Gebieterin knüpfte; nun gehörte wieder dem Armen der Acker, den er verkauft, die Wiese, die er verpfändet hatte. Da gab es weder reich noch arm, gleich war nun w'.eder das Land geteilt, jeder jetzt ein freier Mann aus seinem eigenen Erbe. Ter Sklave, der gestern noch diente im Staube, heute sitzt er in der Versammlung des Volkes dicht ireben seinem Herrn, die Sklavin, die gestern den Riemen der Sandalen löste, heute ist sie wieder eine glückliche Mutter, glücklich durch Jehovahs Willen. Als nun diese Segenszeit der Bedrückten und Bedrängten herbeigekommen war, da weigerte sich der Herr des Benoni, ihn ziehen zu lasten, denn es war ihn; mehr um den Acker als um die Person des Dieners zu thun. Nathanaja aber, die in den Zeiten der Trübsal bei den fünf armen Kindern, als die Mutter gestorben, der Vater weggesührt worden war in Sklaverei, Mutterstelle vertreten hatte, erhob jetzt, die schwache Jungfrau, ihre Stimme vor den Aeltesten Engedis am Thore der Stadt. Aber es waren schon die Zeitn, vone denen Moses sprach: „der Fremde wird zum Haupt, du aber wirst zum Schweif werden;" denn die Aeltesten Engedis wagten es nicht von dem reichen Ammoniten mit Gemalt zu erzwingen, was ihre Bitten nicht vermocht hatten. Die Klage des Mädchens wurde nicht gehört, umsonst war das Jammern per hilftosen Kinder, und der Böse trug den Sieg davon. Da sprach Nathanaja in ihrem Herzen: „Ich will vorübergehen lassen das Freiheitsjahr, denn der Frevler könnte znrückkehren von seinen Wegen. Ist es aber verflossen, und der Fremdling läßt unfern Bruder nicht ziehen, so gelobe ich hiermit dem Herrn Jehova: Ich will nicht berühren Spindel und Spule, will nicht teilnehmen an den Tänzen meiner Gespielinnen in den Palmengärten Engedis, ja ich will selbst nicht sehen das Angesicht meiner Mutter; sondern ich null mit meinen Füßen hingehen gen Jerusalem, in die heilige Stadt, nach welcher meine Sehnsucht ist, will dem König Hiskijahu das Unrecht klagen; denn ich weiß, er ist gerecht und wandelt vor Gott; er wird die Waisen nicht verlassen und die Klage der Jungfrau nicht zurückweisen. Und der Herr, der Gott Israels, wird mit meinen; Munde sein, so wie er mit dem Munde der Abigail war, die klüglich den Zorn Davids besänftigte nüt verständigen Worten, und wird mir verleihen den Geist des Weibes von Thekoa, daß der König meine Klage gnädig anhören möge. Auch Miriam wagte es, zu reden mit der Tochter Pharaos, und rettete dem göttlichen Bruder das Leben; ward nicht ganz Israel und Juda gerettet durch Deborah? Wie sollte ich es nicht wagen mit dem Könige zu reden, der doch von meinen Brüdern ist aus Israel und noch dazu ans meinen; Stamme?' (Fortsetzung folgt.) Wochen-(Lhronik. Berlin, den 17. September. * Berliner Nachrichten. In der letzten Sonntagsnummer politischer Blätter sind nicht weniger als 24 — vierundzwanzig! — Privatgotte^dienstc für die bevorstehenden hohen Feiertage angezeigt. Für einen Psychologen ist die Abfassung dieser Anzeige von Interesse. Die Einen zeigen an: Gottesdienst an da und dort, Billets bei diesem und jenem. Das ist die schlichteste Fassung, die noch lange nicht ans schlechteste Leistung der „Funktionäre" schließen läßt. Etwas anspruchsvoller treten andere auf. die „Gottesdienst mit Predigt" anzeigen, ohne ihren „Prediger" zu nennen, andere bieten gleiche religiöse Genüsse ans mit Nennung der Akteure. Doch bewegen sich diese Anzeigen noch immer im Rahmen des Anstandes, — jenes Anstandes, der der Sache würdig ist, obwohl hier kraß wie noch nie aus der Religion ein Geschäft gemacht wird. Diesen Rahmen verlassen Anzeigen, die (Gottesdienste etwa wie alte Hosen an-, wie saures Bier ansbieten. An den seligen Mühlen-