Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608917--0763-9608927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
r $ . r Seite 610. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. besitzt, bietet in seiner Schmucklosigkeit wenig Besonderes Die Frauen besuchen hier die Synagoge nicht, bedürfen also auch keines besonderen Platzes für sich. Die Zeremonie ist rasch erledigt. Der Nabbi psalmodiert einige Gebete, die von der Gemeinde wiederholt und durch Wippen mit den Füßen begleitet werden. Unterdessen gehen Bettler von Bank zu Bank und suchen die Gelegenheit zu nützen. Tie kleinen Sänger von vorhin treiben in einem Winkel Unfug. Mein Führer fühlt den Schuldirektor iu sich erwachen. Er kneift den Haupträdelführer in die Ohren und verspricht den klebrigen eine Bastonnade, wofür jede Rabbinatsschule eine besondere Maschinerie besitzt. Kurz, es geht nicht übermäßig andächtig zu im tunesischen Gottcshause. Nach erledigter Andacht begiebt sich der Zug zum Hause der Braut. Der kleine Hof, sauber mit blau-weißen Majolikaplatten gepflastert, wird von der Gefolgschaft des Bräutigams eingenommen, an den engen Gitterfenstern der Wohnräuure pressen sich Verwandtschaft und Freundinnen der Braut und über die hohe Hofmaner hinweg schauen neugierige Nachbarinnen, von denen man nur die Köpfe sieht, die sich scharf gegen den tiefblauen Himniel abheben. Ein seltsames Bild von verwirrender Farbenfülle! Die Brautführer verschwinden über eine halsbrecherische, schmale Stiege im Innern des Hauses. Der Eine kehrt alsbald mit einer Stange wieder, auf der eine riesige weiße Hand, mit Fackeln statt der Finger, befestigt ist. "Nach einigen Minuten erscheint, von Vater, Mutter und Verwandtet: geleitet, die 16 jährige Braut. Es ist keine Kleinigkeit, das junge Mädchen ungefährdet die steile Treppe herunterzubringen, denn die Verlobte ist von einer unglaublichen Korpulenz. Bei ihrem Erscheinen bricht alles in den gellenden, nervenzerreißenden Rns: „Girigirigi" aus. Dieses im Verlauf der Zeremonie fortwährend wiederholte Zauberwort bietet nämlich ganz vortreffliche Garantien für den glücklichen Verlauf der Ehe. Man befördert die Braut mühsam durch das Gewühl des Hofes, fetzt sie auf einen Stuhl und lehnt sie an die Mauer. Der Bräutigam stellt sich neben sie. Die Braut trägt ein orientalisches, reiches Gewand aus himmelblauem Atlas, dicht mit Gold besetzt; von der hohen, zuckerhntförmigen Haube hängen kostbare Münzen herab, die unförmigen, mit Hennah rot gefärbten Finger sind mit Ringen besteckt. Ein langer, weißer Schleier verhüllt das Gesicht nur wenig. Die Züge sind regelmäßig, aber schlaff, aufgegnollen und apathisch. Wie das junge Mädchen, ohne sich zu rühren, dasitzt, als ob die ganze Sache sie gar nichts anginge! Die Fackeln werfen phantastische Lichter über ihre goldstrotzenden Kleider, sie gleicht einem erotischen Götzenbilde auf ein Haar. Die dumpfe Apathie der Verlobten ist übrigens kein Wunder. Ganz nach mohamedanischen Begriffen gilt auch den tunesischen Juden die dickste Braut für die schönste. Darum werden die unglücklichen Oieschöpfe vom Momente ihrer Verlobung an regelrecht genudelt. Sie dürfen keine Bewegung mehr machen, müssen Unmengen von Kouß-Konß essen, eine mit gepfeffertem, durstreizendem Fleisch gefüllte Mehlspeise, und so schwelleit die arnien Wesen in wenigen Monaten oft zu dem Doppelten und Dreifachen ihres bisherigen Umfang auf. Der Rabbi spricht nunmehr den Segen über das Paar, der Bräutigam steckt einen Ring an die fleischige Hand der Erkorenen, beide nippen an einem Glase Rotwein, das dann zu Boden geworfen wird, und die religiöse Feier ist zu Ende. Die Herrenwelt beginnt sich um die Weinreste in der für das Ehepaar benutzten Flasche zu raufen, da der Aberglaube diesem Wein eine besonders glückbringende Kraft zuspricht. Dann wird die Braut in ihre Gemächer zurückgeführt, denu erst am nächsten Morgen, zu Beginn der zweitägigen, festlichen Schmauserei, betritt sie ihr künftiges Heim. Schon in der Frühe beginnt das Gelage. Tie Tafel ist schmucklos, aber mit Speisen in verschwenderischem Maße überladen. Das oben geschilderte Nationalgericht Kouß- Kouß bildet auch hier die piece de resistance. Getrunken wird hauptsächlich Schnaps, besonders ein in Tunis fabrizierter süßlich-scharfer Anisette. Mehrere Gäste berauschen sich schnell, indem sie die diversen Schnäpse rnischen. Für die Unterhaltung sorgt ein einheimisches Tänzerinnen- und Süngerinnen- Korps, das, so oft es gewünscht wird, seine Künste zum Besten giebt. Toaste, die Schrecken der europäischen Hochzeitstafeln, kennt man hier zunl Glücke nicht. Wer das Bedürfnis fühlt, seinen übergnellenden Gefühlen für die Verehelichten Luft zu machen, der geht hin und küßt das Paar auf die Wangen. Schon dachte ich an einer: geordneten Rückzug vor den immer neu anstürmenden Blaffen von Speisen und Getränken, als sich nur ein Brautführer mit geheimnisvoller Miene nähert und mir mitteilt, daß mir als dem Ehrengäste mit zwei anderen Honoratioren die Ehre zugedacht worden sei, der Braut bei ihrem demnächstigen Toilettewechsel — sie trägt während der Festesdauer sieben verschiedene KostümeS — zu. Helsen. Ein Blick auf die in ihren Strapazen lieblich schwitzende Dame, und ich erkläre mich sehr geehrt von dieser besonderen Gunst, aber ich wäre ein wenig unwohl und müßte ui ich auf kurze Zeit entfernen. So bleibt der Toilettewechsel bis zu Ihrer Rückkehr, meint höflich der junge Mann. Ich aber ergreife schleunigst die Flucht und hoffe nur, daß man nicht bis zum heutigen Tage aus meine Rückkunft wartet. KiMapllische iJmtrtrinr. - - Dr. Eeligmamr Baer Am 7. Tischri (25. September) wird Dr. Selig mann Baer in Biebrich a. Rh. das Alter von 70 Jahren erreicht haben. Wenn seine Gemeinde ihn als ihren Lehrer beglückwünschen wird, so haben dies auch in den weitesten Kreisen, in denen die jüdische Wissenschaft noch ihre Vertreter findet, auch Me diejenigen zu thun, welche in Dr. Baer die erste zeitgenössische Autorität auf dem Gebiete der Masorah anerkennen. Allerdings ist gerade dieses jüdische Wissensgebiet am meisten unangebaut geblieben — und nicht allein in der Gegenwart, sondern auch in früherer Zeit. Diese Vernachlässigung der Masoralst) hat sich bitter gerächt. Die allererste Zusammenstellung für den Druck ihres Materials haben wir aus den Händen eines Apostaten entgegennehmen müssen. Jacob b. Ehajim, der um 1520 aus Tunis nach Venedig kan:, besorgte die Korrektur der rabbinischen Bibel v. I. 1 für welche er seine nach handschriftlichen Aufzeichnungen bearbeitete Masorah nebst 0 Ein eklatantes Beispiel hierfür biete ich nächstens in ansführlicher Weise. i i »jr }