Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 2× ep/1048155
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Nr. 38. Allgemeine Isrnelitische Wochenschrift. Seite 609. n: ('•himbt' gelebt werde, damit die lU'bm’inttiiiuiiutnj, die den alten (Gottesdienst hielt und befestigte, auch dem neu gestalteten zu gute komnre. Doch soll tmrd) die Einführung dieser schützbaren Melddiensammlung keineswegs der Möglich, keit neuer Komposition der Weg versperrt werden; vielleicht weckt die würdiger gestaltete Synagogen- und Gebetordnung irgend einen Begabten, der sein musikalisches Talent der .Hebung und Verherrlichung der Anbetung Gottes weiht. Als das Angemessenste in Rücksicht ans die Mittel hat sich der Ehör herausgestellt, in welchem außer dem musikalischen noch, wenn ich so sagen darf, das erziehende Element für die Gemeinde in ihren: Verhalten zu dein Vorbeter und den von ihm vorgetragenen Stücken, von großer Wichtigkeit ist. — Wäre die Gemeinde durchiveg musikalisch, so wäre sie der natürliche Ehor; sie ist es nicht, und so muß ein künstlerisch gebildeter Ehor sie vertreten, doch keineswegs so, daß er sie der Teilnahme an dem Gebete enthebt und statt ihrer betet. Sie schließt sich in leiser Andacht dem von jenem Gesprochene:: an, so z. B. bei pjotr' ysr cnp rnp, in dem Antiphanin des U7-. Das ist nicht blos für den Anstand und ganze Haltung oes Gottesdienstes wichtig, sondern auch in sofern, als es ihn vereinfacht und kürzt. Wen z. B. gegenwärtig der pn die Worte T.:Xi r: “'s* m xip\ gesprochen, schreit die Gemeinde ihr dreifaches ‘*'~p> das dann der Ehor nochrnals singend wiederholt. Da ist dieser denn ganz zwecklos und bildet ein überflüssiges Echo der Gemeinde; sie hat bereits für sich selbst gesorgt und er erscheint als unnützer Nachzügler. Ganz anders, wenn er, nachdem der stn feine Aufforderung vollendet hat, anhebt und mit ihm die Geineinde. Schon um diese niederhaltende, die Gemeinde beherrschende und leitende Macht üben zu können, bedarf es einer nachdrücklichen Verstärkung; je kräftiger, aushallender und eindringlicher feine Stimme und infolge deren feine Gefamtwirkung, — desto sichrer drängt er die Gemeinde aus ihreut maßlosen Schreien iw die Grenze,: des Anstandes zurück. Die Bestiminung, bis zu welcher Anzahl er verstärkt werden soll, fällt natürlich dem Kunstverständigen anheim. Ein verstärkter Ehor erfordert aber auch einen ihn ansührenden Vorsänger, dem ein reicher Stimmfond verliehen ist, und der diesen geschickt und kunstgerecht zn verwalten weiß, ivas ich für den Fall einer eintretenden Anitellung besonderer Berücksichtigung empfehle. Eine schöne kraftvolle Stimme und eine gehörige inusikalische Bildung sind außer den anderweitigen, sich von selbst ver- Itebendeu Erfordernissen in einen: stn von ivefentlicher Bedeutung. Ist ein solcher vorhanden und wird von einem gut eingeübten Ehore unterstützt, so wird derjenige Teil der Gemeinde, den früher das Dede und Unerfreuliche der üblichen Gesangs- und Vortragsweise von dem Gotteshause entfernt batte, sich wieder zum Besuche desselben angezogen fühlen. Daß den: Ehore eine angeinessene Stelle angewiesen werden müsse, an welcher er eben so wenig feine nächste Umgebung behelligt, als von ihr gestört oder gar gemeistert werden kann, verjteht sich. Ich sehe allerdings, daß es bei der Bauart der hiesigen Synagoge kaum einen solchen Platz giebt, und _ doch ist es in mannigfachen Beziehungen nicht nur wünschenswert, sondern fall unerläßlich, daß für die Beamten und Fungierenden, die zunächst an der Abhaltung des Gottesdienstes beteiligt sind, ein abgesonderter Raum vorhanden sei, wie dies denn auch in Wien und Dresden bei dem Neubau, in Prag bei dem Umbau der Synagoge gefühlt und in angeinessener Weise berücksichtigt worden ist. yp„i tniicllscht» iMibriitiiiii. Von Tr. Erich F r e u n d. (Aus dein „Berliner Börien-Eourier". Tunis, im Juli. (Schluß). Während nuferes Rundgangcs war Unterrichtszeit, und ich konnte inich von den: guten Aussehen und der Sauberkeit der Schüler, ihrer frischen, intelligenten Art, zu antworten, selbst überzeugen. In Geschichte und Geographie gab es durchweg tadellose- Antworten. Sogar in Deutschlands Geographie zeigte sich eine höhere klaffe vortrefflich beschlagen. Hier sah ich auch Aufsätze über schwierige, meist historische Themate, die stilistisch, wie orthographisch fehlerlos waren. Wenn man bedenkt, daß das Französische den tunesischen Kindern in: Grunde eine fremde Sprache ist, so ist das hier Erreichte als ganz außerordentlich zu rühu:en. In der Mädchenschule entwickelte sich das Frage- und Antwort-Spiel weniger in: gewohnten Geleise, denn die jungen Dainen bewiesen den: unerwarteten Besuche so viel 'Neugier, daß die Aufmerksamkeit ganz erheblich darunter litt. Auch die hier vorgelegten Hefte wiesen häufigere, orthographische Mängel auf. Doch soll auch außerhalb Tunis die Orthographie nicht die stärkste Seite der weiblichen Bildung sein. Ich verließ die Anstalt mit herzlichem Dank für Herrn Parienti und n:it hohem Respekt vor dem schönen, humanen Kulturwerke, das die Opserwilligkeit der Allianz und der beharrliche, zielbewusste Eifer der Lehrkräfte auf diesen: schwierigen Boden errichtet haben. Wrnige Tage später hatte ich Gelegenheit, zur rechten Kontrastwirkung einen Blick in die freinde Welt des orthodoxen tunesischen Judentums zu thun. Durch Vermittelung des Hotelführers, der in seinen Mußestunden übrigens „Kollege" des Herrn Parienti, nämlich Vorsteher einer kleinen Rabbinatsschule ist, erhielt ich Zutritt zu einer jüdischen Hochzeit. Die Sittcn und Gebräuche ähneln in mancher Hinsicht stark den arabischen, wie denn auch die Stellung der jüdisch-tunesischen Frau sich ::::: Weniges über das Niveau des Haremdaseins erhebt. Selbst die Vielweiberei soll unter den hiesigen Juden noch Vorkommen. Herr Parienti verneint dies zwar und giebt blos einen außerordentlichen Leichtsinn in: Scheiden und Wiederverheiraten zu, von anderer Seite aber wurde versichert, daß eine Reihe von Haushaltungen mit mehreren Herrscherinnen besetzt feien, von denen freilich nur die Erste völlige Legitimitätsrechte habe. Ter traditionelle Hochzeitstag ist der Mittwoch, die Zeit für den Beginn der Zercinonie der späte Nachmittag. Gegen 6 Uhr ist der Zugang zur Synagoge, die in: Souterrain eines unscheinbaren Hauses liegt, mit Kindern und Bettlern reich besetzt. Aus den Gitterfenstern und von den flachen Dächern der benachbarten Häuser sehen unzählige, grellbunt gekleidete Mädchen, darunter reizende Typen, auf die Straße hiuab. Der Hochzeitszug des Bräutigams läßt nicht lange auf sich warten. Ihn: schreitet eine Schar von Knaben voraus, die unter der Aegide eines blinden Kantors einen mißtönenden Gesang vollführen. Ter Bräutigam, ein hochgewachsener, stattlicher Mann mit inartialisch aufgedrehtem Schnurrbart, hat tadellosen schwarzen Salonanzug, Gehrock gnd runden .put angelegt. Seine Freunde und Verwandte tragen sich dagegen höchst zwanglos. Einige sind nach europäischer Manier, die meisten orientalisch gekleidet. Das ^Innere der Synagoge, der größten, die Tunis