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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-20 · 38 (20.9.1895) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
38 (20.9.1895)
Date
1895-09-20
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38. Allgemkine Israetitischc Wochenschrift. Seite 607. Jede Studie nun, nun; sie litterarisch beschaffen sein wie immer, jede Studie, die die haarsträubenden Zustände unserer Bruder in Galizien behandelt und zur Abschaffung derselben auffordert, ist mit Dank auszunebmen, und die Arbeit des Herrn Siegel um so mehr, als in ihr Zahlen reden, man möchte sagen Zahlen weinen, als in ihr nämlich eine interessante Statistik aller fraglichen Momente und Beziehungen enthalten ist. Die gegebenen Zahlen beweisen, daß die 772 000 jüdische Seelen Galiziens (Volkszählung 1890) ca. 172 000 Wohlhabende, 300000 Halb- und 300000 Vollbettler umfassen. 300000 Bettler und, noch schlimmer, gegen 300000 Halbbettler! Wer die Psyche des polnischen Inden kennt, seine Verehrung des Neichen, die sich in seiner häufigen Anwendung des Dalmudspruches „Nabbi ehrte die Neichen" kund giebt, seinen unbeugsamen Ahnenstolz, seinen Ehrgeiz, seine ans den Verhältnissen resultierende Verachtung der Armut, — wer die Psychologie und Ethnologie der galizischen Juden genau kennt, wird nicht nur wissen, sondern auch fühlen, was das heißt, ein polnisch-jüdischer Halbbettler zu sei; als reich! zu gelten, vielleicht gar — wie es in' Galizien üblich ist — ' als ein „Millionär mit einem Vermögen von zwanzigtausend Gulden" beneidet zu werden, und dabei in Wirklichkeit das Gespenst des öffentlichen Schnorrers stets vor Augen zu haben! Wer einen tiefen Einblick in das Seelenleben des jüdischen Galiziens gewonnen, wird sicherlich über seine , Eharaktersehler milde urteilen. Hütte Gustav Freytag, der ' in seinem berühmten Noman „Soll und Haben" die Zu- . driuglichkeit eines galizisch-jüdischen Kaufmanns zur Zielscheibe seines Spottes macht, eine wahre Einsicht in das Jnnnenleben eines solchen Mannes gehabt, ich bin überzeugt, ' er würde seine Figur, feinen Schamje TinkeleS, der sich : neunzigmal täglich gern verkaufen würde, um feine von ihm heißgeliebte Familie vor Armut und Schande — was für ihn identisch ist —zu bewahren, ganz anders gestaltet haben.! Denn, nach einer galizischen Wendung, sind alle zehn Prü- ‘ sungen, die unser Erzvater Abraham bestanden hat, unbedeutend - im Vergleiche zu dem „vielgeprüften" Leben eines solchen Menschen, dessen Leistungen eine Schöpfung aus dein Nichts, . ein Säen in der Wüste sind. Weshalb Galizien, für den Juden eine Wüste ist, ist wohl in dem Umstande zu suchen, daß es keinen jüdischen Bauernstand hat, so daß alle Juden 4 aus den darniederliegenden Handel angewiesen sind — eine ■i alte Wahrheit, die, wie es scheint, H. Siegel entdeckt zu haben glaubt. Behufs Aenderung der geschilderten Verhältnisse schlägt , Herr Siegel die Inanspruchnahme der modernen Wohlthätigl keit vor, die Organisierung, Systematisierung und Zentralijsicrung der Wohlthätigkeit in Galizien, das Zusammen- 1 schmelzen all der Vereine und Institute, die vom israelitischen Wvhlthätigkeitssinn getragen werden, die Gründung eines allgemeinen philanthropischen Vereines zur Linderung der -Not und Gesundung der Verhältnisse, zur Negulieiuug des -Armenwesens und Aufhebung des Bettelwesens der Juden In Galizien.. Ist auch die moderne Wohlthätigkeit insofern , injüdisch, insoweit sie gleich der antiken, gleich der römischen ' iberitas alle Sturmglocken der Oeffentlichkeit zur Selbstverlerrlichung läutet, so ist sie doch kraft ihrer Vereinigung ' üler Nachamonus-atoine zu einem leistungsfähigen Ganzen im tande große Ziele zu erreichen. Die moderne Wohlthätig- | eit soll freilich schon im inoralischen Interesse der Geber die t iltjüdische, die Privatwohlthätigkeit nicht vernichten, die nach dein Midrasch durch ihr p c rsö nl ich cs Wohlthun durch ihre unmittelbare Kenntnis des Lebens trauriger Seiten mehr empfangen als geben. Die private wie die öffentliche Wohlthätigkeit niüffen jedoch in ihrem Wirken für die Juden Galiziens durch ernste Nesormen, sozialer und geistiger "Natur unterstützt werden, Reformen die an vorhandene Momente anknüpfen etwa an den Zionismus, der im österreichischen Palästina, in (Galizien immer mehr erstarkt und au den EhassidismnS, der dort noch immer Trium pfefeiert,— Erscheinungen, auf die ich nächstens zurückkomme. Dr. Michael Aachs über Vorsänger und Chor. Bon Ed. Birnbaum Königsberg lPr.). Die alte Deutung des 'ah ’Tm 'Trb % welches im Akrostisch H'rs *) ergiebt, läßt sich mit Eintritt dieses Monats auch auf das Verhältnis des Vorsängers zu seiner Gemeinde anwenden. Indem die noch im Mittelpunkte des jüdischen Gemeindelebens stehenden Elemente vor Eintritt der hohen Festtage den gottesdienstlichen Fragen ein lebhafteres Interesse zuzuwenden pflegen, vergessen sie auch ihren Kantor nicht, der ihnen die alten liebgewonnen herrlichen Melodien wieder in's Gedächtnis ruft. Die Lehrer jüdischer Wochenblätter erwarten daher nun diese Zeit mit einer gewissen Sicherheit irgend eine Exposition über ein liturgisches oder synagogalmusikalisches Thema. Auch ich habe inich dann zur Zeit mit einen: Excurs eingesunden. Wenn ich diesmal dein großen Prediger und Gelehrten, den Berlin jen:alS in einer Person vereinigt besessen, das Wort über Vorsänger und Ehor überlasse, so weiß der Lehrer mit mir, daß das Thema in den besten Händen ist. Nur möchte ich zur Erklärung des Ursprunges dieser trefflichen Abhandlung einige historisch gewordene Uulstüitde dabei in Erinnerung bringen. Schon in meinen: ersten Artikel über Lewandowski (Jeschurun 1894 Nr. 8) wies ich aus die „Aktenstücke" hin, welche die „Aeltesten und Vorsteher der Judenschast" zu Berlin vor rund 50 Jahren — den 1. September 1845 — veröffentlichten, und fügte hinzu: „zumal das dort (in den „Aktenstücken") befindliche Gutachten von Michael Sachs: „lieber Vorsänger und Ehor" von bleibendem Werte ist." Aus -bestinnuten Gründen habe ich ineine Arbeit über Lewandowski nicht zu Ende geführt, obgleich das wissenschaftliche Material über diesen letzten hervorragenden Meister ans synagogal-musikalischen: Gebiete geschlossen vor mir liegt. Vielleicht daß mein Plan, es ii: Gestalt einer Monographie zu verwerten, einmal Erfüllung findet. Zu diesem Material gehören, wie gesagt, auch die oben bezeichnten „Aktenstücke", die ich für heute herausgreise. Diese haben aber ihre Entstehungsgeschichte. Als nämlich im Jahre 1844 in der Gemeinde Berlin der Drang nach Reform ein so mächtiger wurde, daß sich schließlich am 10. März 1845 die „Religionöresormer" von der Hauptgemeinde lostrennten (Kalifch, Berlins jüdische Reformatoren S. 149), hatten die „Aeltesten und Vorsteher der Judenschast" ihren neugewählten RabbinatS-Assessor und Prediger Dr. Michael Lachs unter dem 11. Noveinbcr aufgefordert, ein motiviertes Gutachten über einzuführende „gottesdienstliche Verbesserungen" abzugeben, *) Dieser Aufsatz war für eine der Elulimmmeru bestimmt, mußte aber zurückgestellt werden- Red.

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