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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-20 · 38 (20.9.1895) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
38 (20.9.1895)
Date
1895-09-20
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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Nr. 38. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 606. Mit deinem einten CnnicI, der zur Rechte», Und mit dem, der zur sinken, dem Böse», dem Schlechten, Der unwillig selbst doch sagen muß „Amen" Zu Brochoh des Guten in Gottes Namen. Daß „Hal'wni" über acht Tag, frei von Schmerzen, Voll Gottesfurcht, mit einem fröhlichen Herzen Soll man dich Schabbos wieder aufnehmen mit Freuden Und dich heilig halten bis zu deinem Scheiden. Nun ziehe mit Gluck, mit Freuden und Frieden In die Häuser von deinen frommen Juden: Mau wartet auf dich dort schon Stundenlang, Um dich aufznnehmen mit Gesang und Klang. Zur fuge der Juden in tzulim». Von Dr- I. Niemirower. Der alte Streit zwischen der idealistischen und materialistischen Geschichtsauffassung, zwischen der Geschichtsphilosophie und der Geschichtsökonomie macht sich in hohem Maße geltend, so bald man sich im Sinne einer ethischen Praxis fragt, ob man zur Hebung der Juden Galiziens in erster Reihe die Erleuchtung, die ihnen fehlt, in ihre Mitte tragen soll, in der Hoffnung, daß mit dem Schwinden der geistigen Nacht, die Begleit- und Folgeerscheinungen dieser Finsternis: das materielle Elend, schwinden werde, oder ob im Gegenteil mittels sozial-ökonomischer Reformen, die den Wohlstand der galizischen Juden zu fördern imstande sind, ihr Geistes¬ und Herzensleben auf die Bahn des Fortschrittes zu lenken sei. Armut und Unkultur sind bei unseren Glaubensgenossen im österreichischen Halbasien so eng verbunden, durch so viele Fäden verknüpft, so ineinandergewachsen, daß man nicht weiß, welche von beiden das Primäre und welche das Sekundäre sei. Ist es die herrschende wirtschaftliche Rot, die den Gesichtskreis verengt und den Schritt auf den Pfaden der Kultur verlangsamt? oder ist umgekehrt die materielle Armut ein Schmerzenskind, eine traurige Konsequenz der Kulturlosigkeit der beschränkten Auffassung von Gott und Welt, Natur und Menschheit, der Unkenntnis des Weltgetriebes in seinen immensen, modernen Formen? Man kommt jedoch wohl der Wahrheit am nächsten, wenn man das Verhältnis der geistigen und der materiellen Armut zu einander in Bezug aus die Juden Galiziens paralleliftisch saßt, wenn man eine Wechselwirkung zwischen denselben annimmt. Einerseits sind Aberglauben, Unwissenheit, Fortschrittsfeindlichkeit oft Folgen sozialen Jammers, Folgen einer gedrückten Stimmung, die den: Geist jeden Schwung raubt. Andererseits vermögen Leute, die sich den Offenbarungen des Zeitgeistes verschließen, auch in industriell-kommerzieller Beziehung nur schwer den Sturmschritten der Entwickelung zu folgen und im Wettkampfe der Weltkonkurrenz über diejenigen zu siegen, die mit dem Wissen des Jahrhunderts ausgerüstet sind. Es gilt daher in den galizischen Zelten Israels sowohl Altäre dein (leiste wahrer Bildung zu bauen, als auch Werkstätten praktischer Arbeit zu errichten; sowohl Tempel materiellen Fleißes als auch Heiligtümer idealen ForschenS emporsteigen zu lasten. Es gilt, den Juden Galiziens sowohl den neuen Himmel, als auch die neue Erde zu zeigen, sie für die Wissenschaft im allgemeinen und die Wissenschaft des Judentums im besonderen zu begeistern und gleichzeitig mit den praktischen Errungenschaften der Neuzeit bekannt und vertraut zu machen. Dieses erhabene Ziel steckt sich auch die Philanthropie des Baron Hirsch. Gründung von Schulen, Unterstützung galizischer Jünger der neuerwachten Wissenschaft des Judentums, Anleitung und Anseuerung zum Ackerbau ist ihr Programm. Diesem edlen Streben treten nun leider jene entgegen, denen es gilt, die Sklaven des Fanatismus, die Knechte eines verwildernden Pauperismus zu erhalten. „Weg mti dein Licht!" rufen sie, „mit dem Lichte, baäjo viele in unserer Mitte geblendet, daß sie den alten Himmel nicht sehen. Ihr wollt uns die Erlösung bringen?" sprechen sie mißtrauisch. „Ihr, die Ihr eine andere Sprache sprechet und andere Gefühle habet als wir. Ihr wollt. . . Wohlan, zeigt uns zuvor Eure Schaufäden und Gebetriemen, sagt, ob Ihr heute gebetet, und bekennet, ob Ihr an unfern Gottesmann, an unfern Wundermann, an den Rabbi glaubet — und wenn nicht, so rufen wir Euch mit dem Talmud zu: „Menschliche Biene, weder Deinen Honig, noch Deinen Stachel!" Wie traurig diese Erscheinung, von der die „Allg. Jsr. Wochenschrift" neulich Notiz genommeu, auch sei, welche religiöse Verirrung und Verwirrung sie auch verrät, sie ist dennoch psychologisch begreiflich und darum verzeihlich. Wer darum aus diese Fanatiker einen Stein werfen will, der blättere in ihrer Leidensgeschichte, und er wird den Stein fallen lassen. Denn die Geschichte der polnischen Juden Oesterreichs erzählt, daß sie Opfer ihrer Verhältnisse, Produkte einer langen Entwickelung sind, daß ein Umformen ihres Charakters mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, daß man endlich bei der Beeinflussung und Bestimnmng ihrer Zukunft eine gewisse Rücksicht auf ihre Vergangenheit zu nehmen hat. Wesentlicher noch als die Kenntnis der Vergangenheit ist die Erkenntnis der Gegenwart der galizischen Juden für alle diejenigen, die ihrem Elend steuern möchten. Diesem Zwecke dient ein jüngst erschienenes Buch von einem Herrn I. Siegel, betitelt „Moderne Wohlthätigkeit". Der Verfasser ist auch bei der Baron Hirsch-Stiftung thätig gewesen, was er aus Bescheidenheit auf dem Titelblatt, wo wir ihn als Mitglied des Israel. Humanit.-Vereins „Solidarität Bnai- B'rith in Krakau" kennen lernen, verschweigt. Das Buch ist zu empfehlen, weil es einen Beitrag zur Lösung der Judenfrage enthält, nicht der Judenfrage nach außen hin — ein solches Werk würde ich vielleicht nicht empfehlen, weil über die Judenfrage in Beziehung zu den Richtjuden der Jude leider nur in der antisemitischen Presse liest — sondern der Judenfrage nach innen. Die innere Frage, die Sorge um die Gestaltung der Zukunft großer Kreise unserer Glaubensbrüder ist auch entschieden bedeutsamer, als der Kampf mit den Schatten der großen Zeitbewegungen, bedeutsamer als der Kampf mit Antifem. Das gewichtigste Unheil, das der moderne Germanismus stiftet, besteht vielleicht darin, daß die eifrige Beschäftigung der Israeliten mit dem „Fluche Hainaus" ihre Aufmerksamkeit von den Fragen ablenkt, die den „Segen Mardechais", das Wohl und Weh Hundertlausender unserer Stammesgenossen betreffen, und wenn sich Interesse zeigt für die innern Irren und Wirren der Judenheit, so erstreckt es sich zumeist nur auf die Lage der russischen Juden und nur äußerst selten aus die eigenartigen Zustände der Juden GaUzien s. Und doch, um unter dem Schutze einer wohllöblichen Regierung als Vollbürger des österreichischen Staates zu gelten, haben diese die Freiheit — wie es Pros. Menger im Parlament bezeugte, das ä rin st e Proletari a t d e r W e l t darzustellen, mit dem weder die armen Weber im Erzgebirge noch die arnren Leute in Irland verglichen werden können!

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