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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-20 · 38 (20.9.1895) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
38 (20.9.1895)
Date
1895-09-20
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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Seite 604. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 68. das Provinzial-Schulkollegium gestattet. Es bestand nicht der Wunsch, die Berufungen über das Zahlenverliältnis der Schüler der verschiedenen Konfessionen liinaus zugunsten jüdischer Schulamtsanwärterinnen anSzndehnen, denn man ist binter diesem ZablenverhältniS zurückgeblieben. Die Bestätigung durch das Provinzial-Schulkolleginm ist die Regel gewesen, die durch eine vereinzelte Ausnahme nicht durchbrochen erscheint. War es nun notwendig und klug, die vereinzelte Ausnahme zum Altlaß für die Stellung der Prinzipienfrage zu machen? Und wenn man es dafür hielt, war es notwendig und klug, die Antwort des Provinzial-Schulkollegiums, die vor Anrufung der Ministerialinstanz nicht als entscheidend angesehen werden konnte, mit der Einladung an die jüdischen Schulamtsanwärterinnen zu quittieren, daß sie alle Hoffnung auf Anstellung fahren lassen sollen? Den jüdischen Schulamtsanwärterinnen ist damit ein schlechter Dienst erwiesen worden, besonders soweit sie der Einladung Folge geleistet haben. Ich hoffe, daß es nur wenige gethan haben, und bin sicher, daß die anderen in ihrem hartnäckigen Vertrauen auf Gerechtigkeit und Billigkeit der staatlichen Aufsichtsbehörden keine Enttäuschung erfahren werden. Da ich einmal das Wort genommen habe, über die Rechtslage jüdischer Lehramtsanwärter, die Anstellung betreffend, zu sprechen, so will ich die Gelegenheit benutzen, auch über den Erfolg meiner Bemühungen, das Recht der jüdischen Kinder ans obligatorischen Religionsunterricht in allen öffentlichen Schulen zur Anerkennung zu bringen, eine Mitteilung zu machen: Es unterliegt staatsfeitiger Prüfung, inwieweit das Gesetz vom 26. Juli 1847 über die Verhältnisse der Inden noch in Geltung, inwieweit es durch die Verfassung und spätere allgemeine Gesetze aufgehoben ist. Von dem Ergebnis dieser Prüfung, deren Abschluß bald zu erivarten ist, wird es abhängen, wem die Kosten des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts zuzuweisen sind, ob dein Staate, der Kommune oder der jüdischen Gemeinde. Die Anordnung obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts — es fei auf Grund des Gesetzes vom 26. Juli 1847 oder auf Grund der Verfassung — ist beschlossene Sache. Das ist, denke ich, zum neuen Jahr eine frohe Botschaft. Das anlorknk Paradies. Von einem Reformrabbiner. Dhne weitere Einleitung: Das verlorene Paradies der modernen Jndenheit ist der Sabbat. Und wiederum ohne weitere Einleitung: Wie ist der Bruch im religiösen Bewußtsein der modernen Israeliten, der durch die Profanation des Sabbats, durch die systematische Verletzung eines der zehn Gebote entstanden ist, zu heilen? Diese Frage läßt sich nur versuchsweise und nur zum Teil beantworten. Zunächst ist daran zu erinnern, daß das ewige Anpreisen und Verhimmeln der Reform nicht etwa blos als eine aus den Zeitverhältnissen hervorgegangene, den Zeitumständen gemäße Form, sondern als die allein berechtigte, mustergiltige und lebensfähige Gestalt des Judentums, daß dieses ewige Anpreisen der Reform, sagen wir, die falsche, in vielen Beziehungen verhängnisvolle Vorstellung erzeugt hat, als ob nur, die sogenannten Reformer, die einzigen Vertreter und Träger der jüdischen Religion seien, daß daher, was sich an religiösen Ideen und Bräuchen bei uns nicht findet, für das Judentum überhaupt nicht vorhanden sei, für dasselbe alle Vitalität verloren habe! Die reformistisch gesinnten Israeliten bilden aber in Wahrheit selbst nach höchster Schätzung kaum den zehnten Teil der Gesamtjudenheit. Die von dieser Minderheit vertretene Richtung bildet immerhin nur eine Phase des religiösen Gesamtlebens. Alan mag die Leistungen der Reform und ihre verjüngenden Kräfte so hoch als nur denkbar anschlagen; die in den Kulturländern wohnenden Israeliten mögen ihre übrigen Religionsgenossen, besonders die auf slavifchem Gebiete weilenden, an allgemeiner Bildung unendlich überragen, — so macht die Minorität, falls sie sich nicht absondern und ein Ganzes für sich bilden will, doch nur einen Bruchteil des ganzen- Israel aus, und ihr Geistesleben deckt sich nicht mit dem Gesamtbewußtsein der Religionsgemeinschaft. Wir Sabbatverletzer in Deutschland und Amerika, in denen dieser Gegensatz zwischen Theorie und Praxis, zwischen der Anerkennung der zehn Gebote als oberstes Sittengesetz und der Uebertretnng des Sabbatgebots zu einem unheilbaren Bruch in unserem Bewußtsein geführt hat: wir sind weil davon entfernt, das gesamte Israel religiös ausschließlich zu repräsentieren, etwa weil wir an der zivilisatorischen Arbeit hochentwickelter Nationen teilzunehmen das Glück haben. Wie gedrückt, häßlich und znin Teil Mitleid erregend unsere Brüder in Rußland, Polen, Rumänien, der Türkei und Maroceo infolge des mannigfaltigen Elends und Druckes sich ausnehmen möge, so lebt in jenen Juden das, was das innerste Wesen der Religion ausmacht; die innigste und selbstloseste Hingabe an Gott, die freudigste Bereitwilligkeit, das Teuerste der Heiligung seines Namens zu opfern, diese Momente des echten religiösen Bewußtseins leben in jenen verachteten Israeliten und offenbaren sich mit einer glühenden Begeisterung, die sie deir Januner des Daseins vergessen mrd das Leben verklären lassen. In allen diesen Manifestationen des überzeugungsstarken GottesglanbenS übertreffen und beschämen sie uns stolze Resormmenschen, die wir von den Einflüssen der modernen Kultur im Guten wie im Schlimmen so übermächtig beherrscht werden. Die Griechen der alerandrinischen Periode überragten gewiß alle früheren Zeitalter an natnr wissenschaftlicher Kenntnis wie an allgemeiner Volksbildung. Dennoch war die Zeit des Aeschylos, waren die verhältnismäßig unwissenden Marathonkümpfer religiös unendlich reicher, als die gebildeten und aufgeklärten Alexandriner. Die Refornt hat das düstere Gewand, welches die bösen Geister der Verfolgung, des Hasses, des schrecklichen Druckes in der Nacht der letzten sechs Jahrhunderte gewoben, vom Jndentuur entfernt uud es der Menschheit in seiner Lichtgestalt gezeigt. Weil sie aber rücksichtslos, plötzlich, gemalt sam, oft ohne Berücksichtigung der historischen Mächte J»> Judentum zerstörungssüchtig vorging, hat sie auch zum Teil die Seele der Religioir ausgetrieben. Daher das beschämende Schauspiel, daß die der Reform huldigenden Juden so schon vom Judentum und seiner Mission sprechen und es dennoch in seinem Kern, in einem der zehn Gebote verletzen. Bel der überwiegenden Mehrzahl der Israeliten, auf die wir mit solch souveräner Verachtung herabblicken, existiert der verderbliche, von uns besprochene Bruch im Bewußtsein durchaus nicht; bei ihnen lebt der Sabbat wie in den schönsten Tagen seiner Jugend das kräftigste, gesündeste Leben. Sie repräsentieren iroch heutzutage das Judentum in Bezug auf den Sabbat in seiner vollsten Integrität. Machen mir es uns ein für allemal klar, daß das Wsamtbewußtsein des Judentums nur bei einem Bruchteu

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