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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 596 (sequence 12)
Language
German
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Seite 5!)(>. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 97. dem neuen Gebetbnche eliminierten Gebete nicht beibehalten wollen, ohne Rücksicht auf die Billigung oder Mißbilligung seitens der Orthodoxie. Das ist freilich ein schlagendes Argument, dem man mit einem Hinweis ans den Schnlchan Aruch nicht beikonnnen kann. * r Zur Lage in Rußland. Als Zar Nikolai .11. den Dhron bestieg, setzten die russischen Inden übertriebene Hoffnungen auf fein Regime; gab es doch Vertrauensselige, die glaubten, daß sämtliche über die Inden verhängte Ausnahmemaßnahmen aufgehoben würden. Ein günstiges Zeichen sah man auch in dem gnädigen Empfang, der einigen jüdischen Deputationen seitens des Zaren zuteil wurde. _ Dazu kam noch, daß der Senat plötzlich in der Indenfrage eine Wendung zum Bessern machte; er kassierte konsequent sämtliche Resolutionen der Gouvernementsbehörden, die dem jüdischen Element gegenüber den früheren bedrückenden Eharakter trugen. Aber die Erfahrung der wenigen Monate von damals bis heute hatte die Hoffnungen der russischen Inden etwas abgeschwücht. Wie sich nun der Zar eigentlich zu der Jndenfrage verhält, das läßt sich aus einem dieser Tage von dem Minister des Innern erlassenen Rundschreiben an die Geueralgollverueure des 'Nord- und Südwestgebiets und die Gouvernementsbehörde von Bessarabien beurteilen. Laut diesem auf Befehl des Zaren ergangenen Rundschreiben werden die gegen die Inden erlassenen Ausweisungsdekrete zeitweilig Wert. Danach dürfen Juden, die sich außerhalb des ihnen zugewiesenen Ansiedelungsrapons niederließen, dort wohnen bleiben; jedoch dürfen sie ans diesen Orten nicht wieder in andere verbotene Gebiete übersiedel». Dieser Zn stand wird, wie das Rundschreiben erklärt, so lange währen, bis eine allgemeine Regelung der Jndenfrage auf legislatorischem Wege stattgefunden hat. Man hat sich also doch auf eine Neuerung gefaßt zu machen und vielleicht wird das neue Iudengefetz iveniger streng werden. Es empfiehlt sich aber, in den Erwartungen Maß zu halten. Inzwischen erließ die Gonvernementsregiernng von Podolien an die Kronrabbiner die Vorschrift, die neugeborenen Israeliten nur mit rein jüdischen Flamen zu beuenuen. Die Gouvernementsregierung begründet ihre Vorschrift mit der Erfahrung, daß in letzter Zeit vornehmlich den gebildeten Ständen ungehörige Inden ihre Namen willkürlich in christliche Namen umgeändert hätten. Eine ähnliche Verfügung hat das Departement für ausländische Konfessionen bereits 1N91 an die Kronrabbiner in Daganrog und Woronesh erlassen. *s Aus Frankreich. Die Mildthätigkeit von Madame Fnrtado-Heine kennt keine Grenzen. Es vergeht kaum eine Woche ohne die Ankündigung einer von ihr in's Werk gesetzten mildthätigen Handlung. Unlängst machte sie dem KriegSniinisterium ihre Villa in 'Nizza zwecks Unterbringung von fünfzig invaliden Offizieren zum Geschenk. Das Geschenk schließt auch eineu jährlichen Zuschuß der allgemeinen Ausgaben ein. Die Villa liegt an der Promenade des Anglais und war einst die Residenz von Pauline Borghese, der Schwester Napoleons I. — Ein DanksagnngS-Gottesdienst fand in der portugiesischen Synagoge, in der Rue Buffault, Paris statt, ans Anlaß der Errettung des Baron Alphonfe von Rothschild aus der fein Leben bedrohenden Gefahr. — Herr P. M. Oppenheim wurde als Nachfolger des verstorbenen Herrn Eduard .Holm zum Schatzmeister der Alliance Jsra<Nite Universelle gewählt. * Juden in Nord-Afrika. Herr Joseph E. Hyam, Herausgeber des „Algerischen Rathgebers" schreibt: „Während meiner letzten Reise in Algerien, 'Marokko und Tunesien hatte ich Gelegenheit, zu bemerken, daß die Nachrichten von Feindseligkeiten gegen die Juden, von welchen wir leider so oft aus mehreren indirekten Quellen hören, stark übertrieben waren. In Marokko iverden allerdings noch manche Jahre vergehen, bevor unser Volk hoffen kann, mit etwas mehr Achtung behandelt zu werden, aber in Algerien, das die Franzosen, seit 1 S(H) in eine herrliche und nutzbringende Kolonie verwandelt haben, genießen die Juden nicht nur dieselben Rechte und Vorrechte, welche den französisch-algerischen Bürgern gewährt worden sind, sondern sind in mancher Hinsicht noch begünstigter als die letzteren, infolge der Sondergesetze, welche nach dem Kriege von 1870-71 für sie von Eremieux gemacht wurden, und welche damals die Ursache großen Lärmens und großer Eifersüchteleien waren. In der Regentschaft Tunis genießen die Juden genau dieselben Rechte und Vorrechtc wie der Rest der Bevölkerung, uub sie werden mit Wohlwollen und Achtung behandelt. Uns will es scheinen, als ob Herr Hyam mit seinen Mitteilungen offene Thüren einrenne; denn es hat noch niemand daran gezweifelt, daß die Juden in Algerien und in Tunesien menfchivürdig behandelt iverden, betreffs Marokko's aber hat Hyam lediglich das bestätigt, was schon längst bekannt war. * Der französische Schriftsteller und Zeitungs-Korrespondent Pierre Lotti hat im Frühlinge Palästina bereist, und kam dabei nach Nablus, dem Samaria der Bibel, welches von den Römerit Neapvlis genannt wurde. Selbstverständlich unterließ er es nicht, die dort befindliche kleine Kolonie der Samaritaner, die ihr Stadtqnartier mit Fuße des Berges Gerisim haben, aufznsnchen. Da es in der Nacht zuvor geregnet hatte, waren noch alle Straßen dieses Viertels mit Kot bedeckt, was den Besuch desselben nicht besonders angenehm machte. Herr Lotti fand das ganze Viertel wie ausgestorben, da kein 'Mensch ans den Straßen zu sehen war, und selbst die HauSthüren und Fensterläden waren hermetisch geschlossen. Endlich gelangte er zu der Synagoge der Samaritaner, ans der eben deren Oberpriester (V), Eohen Jakob, trat. Dieser hieß den Fremden willkommen und machte ihn zugleich daraus aufmerksam, daß die Samaritaner morgen ihr Paffahfest feiern und wären sie deshalb mit Weib und Kind auf die Spitze des Berges Gerisim gezogen, um dort das Paffahlamm zu opfern. Daher seien alle Straßen ihres Viertel menschenleer. Die Zahl der Lämmer, die Heuer geopfert werden, betrage sieben. Er, der Oberpriester, sei auch mit seiner Familie auf den genannten Berg gezogen; da er aber in der Synagoge etwas vergessen hätte, so sei er wieder herabgestiegen, um es zu holen. Hierauf teilte er Herrn Lotti mit, daß sie vom jüdischen Könige Menascheh veranlaßt wurden, die Lehre Mosis anzunehmen, und neunen sie daher alle ihre religiösen Feste und Zeremonien nach diesem Könige. So nennen sie auch das Passahfest: Menasche's Passah (cs'JB Vtr nns). ^Eohen Jakob zeigte hieraus Herrn Lotti ihre weltberühmte Thorarolle — dieselbe ist bekanntlich noch mit nltphonicischen Lettern geschrieben, und wurde, wie eine Note am Ende der Rolle besagt, von PinchaS, dem Sohne Elasar's und Enkel des Hoh'epriesterS Aaron im vierzehnten Jahre nach der Ankunft der Kinder Israels im gelobten Lande geschrieben. Herr Lotti übergab dann dem Oberpriester eine kleine Geldspende für seine Synagoge. IWir geben diese 'Nachricht mit Vorbehalt.-

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