Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · p. Seite 595

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 595 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608900--0747-9608911
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 595. „Ihr foüt’o erfahren, aber vorerst gebt mir Antwort: , Wollt Ihr meinen Sohn znm Eidam nehmen? Ihr seid in meinem Hanse; es sei fern von mir, Euch zuzureden, saget frei und offen: Gebt Ihr Eure Ruth meinem Sohne znm Weibe?" „Ja", sagte Moschele ansatmend, „und wenn Ihr mir nochmals versichert, daß keine Gefahr vorhanden, so kommt gleich mit; mein Weib lind meine Tochter warten noch meiner Rückkehr; kommt, damit sich die jungen Leute das Wort geben." Jsakowicz zögerte noch. „Dann", sagte er leise, damit sein Sohn, der sich vollends ankleidete, ihn nicht höre, „außerdem müßt Ihr fünfzig Gulden geben, damit mein Sohn am Hochzeitstage nicht unbeschenkt bleibe von seinem Vater. Ich bitt' Euch darum." „So viel ist mir ein Schreiber schon wert," lächelte Moschele uno schüttelte Jsakowicz die Hand. Aber jetzt kommt." Sie gingen die ktirze Strecke. Die Rächt war schwül und es wetterleuchtete. Jsakowicz lachte in sich hinein und sein Sohn wich nicht von Moschele's Seite. Die grauen empfingen die späten Gäste mit Erstaunen, nachdem sie aber die Ursache erfahren und die Vater ihre minder verlobt hatten, saßen sie ganz heiter und tranken vom Weine, den Moschele ans seinem Keller gebracht hatte. „Wißt Ihr auch, wem Ihr dies Glück verdankt, nächst 5)09?" fragte Jsakowicz. Jedes der Brautleute schaute feinen Vater an. „Nicht mir, nicht Dann, sondern dem da." Damit zog er das kreisamtliche Schrifstück aus der Tasche, „dem da und dem Trunkenbold von einem Landdragoner." „Mann ich endlich erfahren, was drinn steht?" schrie Moschele ärgerlich. „Ja, das sollt Ihr", und er las: Zahl 2354 Der Jude Moses Dann wird hiermit als Vorsteher der Jndengemeinde z. I». aufgefordert, den unS durch Denunziation vom 17. Februar zur Kenntnis gelangten, den Verkehr nach der Stadt El), störenden, vor dem Bethhanse zn I. liegenden Schneehaufen binnen acht Tagen, vom Heutigen an gerechnet, auf Mosten der Indengemeinde zu I. weg räume» zu lassen, solchenmaßen die Bandstraße wieder in den Stand der Fahrbarkeit setzend. Widrigenfalls wird dem Inden Moises Dann enipnndliche Strafe angedrohet. Gegeben zn ttraifau, am 12. März Der f. f. Kreishauptmann Müller." I'nul) das geöffnete Fenster drang das Helle Lachen der Frauen in die warme Sommernacht hinaus. Moschele aber saß nachdenklich da; er mochte überlegen, wie gut cs fei, deutsch lesen zn können, wie ein Gelehrter, und zierlich schreiben, wie ein christlicher Gerichtsschreiber . . . i Mochen - (Lhronik. Berlin, den 4. September. * Berliner Nachrichten. Aus vielfache Anfragen erwidern wir an dieser Stelle, dal; die diesjährigen Reprä- 1 e ntaut e n w a h l e n nach dem alte it Modus vollzogen werdet;. Die Listen müssen, wie bisher, die Unterschrift'des Wählers tragen. -- Die „ W i ss en s ch a st l ich e V e reinig u n g jüdischer ^chnltnänner in Berlin" sdzte in ihrer ordentlichen Versammltttig an; Sonnabend Abend die Beratung der vom Gemeinde- , bund vorgeschlagenen Leitsätze zur Gründilng eitles Lehrerbundes fort. Die Sätze wurden mit verschiedenen Aenderungen und Erweiterungen angenommen. Dem AntisemitismtlS hat das b r a n d e n bur g i s ch e Provinzialschulkolleginm in diesei; Tagen weitgehende Konzessionen gemacht. Das Provinzialschulkolleginm für die Provinz Brandenburg hat bekanntlich eine Verfügung an die städtische Schnldepntation in Berlin erlassen, welche es unter-- sagt, küilftig jüdische Lehrer unb Lehrerinnen zu verwendet; beim Unterricht in Geschichte, Litteratnrgeschichte und deutschem Aussatz. Zugleich tvird verboten, die Zahl der jüdischeil Lehrer und Lehrerinnen zu vermehren, sofern iffcht die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts dies nötig macht. Eine solche Notwendigkeit sei nur danu anzuerkennen, wenn auf einen jüdischen Lehrer mehr als drei Kurse Religions unterricht und eine jüdische Lehrerii; mehr als zwei solcher Kurse entfallen. Die „Freis. Ztg." benlerkt hierzu: Diese Verfügung bildet den Abschluß der Verhandlungen, welche das Provinzialschulkolleginm vor längerer Zeit eingeleitct hat infolge der Nachricht, daß burd) einen Rektor eine jüdische Lehrerin aushilfsweise in einer Schttle veranlaßt worden sei, christlichen Kindern während etlicher Stunden Unterricht in der biblischen Geschichte zll erteilen. Die Schnldepntation hat beschlossen, gegen diese Verfügung bei dem Kultusminister Beschwerde zn erheben. Es ist indessen kaunr annehmen, daß das Provinzialschulkolleginm in einer so grundsätzlichen Frage Stellung genommen hat ohne vorheriges Einvernehmen mit dem Ministerium. Es ist unseres Wissens das erste Rial, daß derart dem Unterricht in der Geschichte, der Litteratnrgeschichte und dem deutschen Aufsatz ein derart spezifisch konfessioneller Charakter beigelegt wird. Weder Kultusminister v. Goßler noch selbst Graf Zedlitz hat dem Antisemitismus derartige Konzessionen gemacht, wie es gegenwärtig in dem Ressort des Herrn Boffe der Fall ist. - Bor einiger Zeit wurde — wir wissen nicht von welcher Behörde — an vermögende preußische Männer ein Zirkular geschickt, in welchem dieselben aufgefordert wurden, Beiträge für ein Seemannsheim zn zeichnen. Das Zirkular erhielt auch ein namhafter Industrieller in der preußischen Lausitz, einer der geachtetsten und wohlhabendsten Einwohner der betreffende,; Stadt. Den; Zirkular war ein Fragebogen beigesügt. Die erste Frage lautete, ob der Adressat sich bc teiligen wolle. Die zweite Frage ging dahin, mit welcher Summe er sich beteiligen wolle. Die Antwort lautete: „Mit 10,000 Mark." Welche Zinsen er dafür fordere? Antwort: „Keine." Welchen Zeitpunkt er für die Zahlung seines Beitrages bestimme? Antwort: „Denjenigen Tag, an welchen; der erste Jude zum Offizier der Armee ernannt werden wird!" ... Wir geben die kleine Anekdote, für deren Wahrheit wir einstehen können, ohne jeden weiteren Kommentar. * Der Ausschuß des westfälischen Oemeindeverbandes versendet ein Flugblatt gegen die Gutachten des Herrn Lewertoff in Hörter, über die wir in der vorletzten Nr. berichtet haben. Das Flugblatt stellt fest, daß die Behauptung des Herrn L-, die Gutachten rührten von 5«, „hervorragenden Rabbinern des In- und Auslandes" her, unrichtig ist. Die Gutachter amtierten, mit zweien Ausnahmen, entweder in kleinen, oder in orthodoren Separat gemeinden, und die Gutachten selbst seien zum Teil so schlecht und schwülstig stilisiert, daß man sie nur schwer oder gar nicht verstehen könne. Im wesentlichen erklärt das Flugblatt, daß die westfälischen Gemeinden nun einmal die in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.