Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- Seite 594 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 594. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. dänischen Glaubens kostenfrei in seine Ackerbaukolonie auszunehmen. Ein Rundgang durch die Schulen, aus dem mich Herr Parienti geleitete, zeigte ein sehr freundliches Bild. Die Knabenschule ist in einem Gebäude der me Malta Strida untergebracht, in dessen Bordertrakte sich elegante Mietswohnungen befinden, deren eine der Direktor inne hat. Durch deu Hausflur gelangt man in einen langen, viereckigen Hof, der mit schattenspendenden Bäumen bepflanzt ist. In einer zweistöckigen Veranda, die diesen Hof umgiebt, befinden sich die ca. 20 Schulzimmer, die sich durchweg luftig und hell, wenn auch ein wenig eng präsentieren. An den Hof schließt sich ein Garten, der für die Spiele in den Pausen frei gegeben ist. Ein großer Gartensaal dient als Refektorium für die von der Anstalt Beköstigten. Das Haus, in dein die Mädchen und die ganz Kleinen lernen, liegt im arabischen Viertel in der Nähe der place Cartliagena. Es hat etwa den Typus eines italienischen Palazzo und birgt sehr hohe, geräumige Säle, deren Fußböden und Wände mit Porzellan ausgelegt sind. Hier befindet sich auch eine vielbenutzte, kleine Schülerbibliothek. (Schluß folgt). Feuilleton. Ein bräipta Erlaß. Von M ÜJhtel. (Nachdruck verboten.) (Schluß). „2354 Gulden! Da mags nun drin'n steh'n, wofür, aber ich kann nicht lesen. Deine schöne Mitgift, Ruth, Deine schöne Mitgift!" Draußen dämmerte es bereits, es wurde Abend, es wurde Rächt. Moschele saß, den Kopf auf die Hände stützend, am Tische und grübelte über die Ursache des Befehles. Frau und Tochter rieten dies und jenes, er hörte es nicht, er war ganz in Gedanken versunken. Er wußte schon einen, der ihm Aufklärungen geben, der ihm vielleicht helfen konnte, aber dieser Eine war sein Todfeind, diesen Einen hatte er vor wenigen Stunden abgewiesen, jetzt würde dieser ihm wohl höhnisch die Thüre weisen. Moschele verbiß sich förmlich in diesen Gedanken. Endlich aber sprang er auf. Half ihm Jsakowicz auch nicht, was konnte ein Versuch schaden? Er eilte die Straße hinab und blieb vor einem halbverfallenen Häuschen stehen. Durch den rissigen Fensterladen schaute er ins Zimmer. Es war finster darin; Moschele klopfte erst leise, dann lauter. „Wer ist draußen?", fragte Jsakowicz Stimme von Innen- „Ich, Moische Dann." „Tretet ein", sagte Jsakowicz, als er nach einigen Minuten den Riegel der Hausthürc zurückschob und beim Scheine einer Talgkerze die verstörten Züge Moschele's erblickte. „Was wollt Ihr so spät von mir?" „Lest das", sagte Moschele hastig, indem er ihm das Schriftstück reichte; „der Landdragoner hat das gebracht. Sagt mir, ich bitt' Euch, wofür habe ich das viele Geld zu geben? 2354 Gulden! Man wird nicht stehen bleiben dabei, Jsakowicz", fuhr er erregt fort; „wem man das Viertel nimmt, von dem will man das Ganze." Jsakowicz las. Während des Lesens wetterleuchtete es in seinem Gesichte, seine Oberlippe hob sich ein wenig empor und ließ seine grünen Zähne sehen; er lachte in sich hinein. Moschele zitterte. Worüber konnte auch sein Feind lachen, wenn nicht über sein Unglück. „Was lacht Ihr über mich?" schrie er „Wer hat Euch denn diese Schrift vorgelesen?" fragte Jsakowicz höhnisch. „Der Landdragoner." Jsakowicz lachte laut auf; dann ernster werdend fragte er: „Und was soll ich dabei thun?" „Sagen sollt Ihr mir, warum man mir 2354 Gulden abpressen will, das Geld meiner Ruth, und ob ich nichts dagegen thun kann." „Höret, Dann, ich will Euch was sagen. Ihr seid in mein elend Haus gekommen, der Reiche zum Armen, um zu bitten; Ihr habt Euch gedemütigt vor dem unansehnlichen Jsakowicz, vor seinen Kenntnissen. Ich müßte lügen, wenn ich sagte, daß mein Herz darüber nicht frohlockt, denn wenn Dann zu Jsakowicz bitten kommt, so ist Jsakowicz der reiche Mann und Dann ist bettelarm. Nicht so?" Moschele stand vor ihm, den Kopf gesenkt und die Augen zu Boden geschlagen, wie einer, dem man das Todesurteil vorliest; er machte eine Bewegung, als wollte er vor dem fürchterlichen, stolzen Manne niedersinken, aber er biß seine Lippen wund und bezwang sich. „Seid Ihr fertig?" fragte er tonlos. „Nein, Dann", sagte Jsakowicz feierlich, „der reichere Mann ist auch der bessere. Seht, ich könnte Euch sagen: tragt das Geld, von dem Ihr sprächet, in die Stadt; es wäre verloren, Ihr wißt es; ich könnte Eure Unwissenheit ausnützen; aber ich thue es nicht, ich sage Euch, seid ruhig, die Sache hier hat Gott geordnet unterdessen." Moschele bemühte sich, ruhiger zu werden, aber das Lächeln, das fortwährend um Jsakowicz' Lippen zuckte, gefiel ihm nicht. „Was muß ich also thun, mn den Kreishauptmann gnädig zu stimmen?" „Nichts." Dieser Rat konnte doch sehr gefährlich sein. Moschele wußte ganz gut, daß der Landdragoner sich wegen „Nichts" in der größten Sonnenhitze nicht herbemüht hätte. „Ihr glaubt mir nicht?" rief Jsakowicz beleidigt, „gut, damit Ihr seht, daß ich gesprochen wie ein Ehrenmann, werde ich. meinen Sohn wecken, und auch er soll den Befehl des Kreishauptmanns lesen." Er ging in die Kammer und kehrte mit einem bleichen jungen Manne zurück, der in seiner Schlaftrunkenheit Moschele erstaunt ansah und dessen Rock zu betasten begann^ Jsakowicz reichte ihm das Schriftstück, sein Sohn las und konnte gar nicht fertig werden. „Wann habt Ihr das bekommen, Moische?" fragte er endlich sehr verwundert. „Heute". Der junge Mann lachte auf. „Ihr spottet nieiner", rief Moschele entrüstet; „Ihr habt Euch verabredet, mich zu verhöhnen." „Hört, Dann", sagte Jsakowicz ernst, „wir verhöhnen Euch nicht, aber ich glaube, der Landdragoner hat'S gethan- Wißt Ihr denn wirklich nicht, was das Papier da enthalt. „Nein, bei Gott nicht."