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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 593 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 37. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 593. ins Leben gerufen. Die jüdische Bevölkerung von Tunis zahlt über 40 000 Seelen. Für die Binder dieser umsangreichen Olenreinde gab es bis in die neueste Zeit _ nur die äußerst primitiven Rabbinats-Schulen, in denen ausschließlich hebräischer Religions- und Lese-Unterricht erteilt wurde. Aus Betreiben des Barons von Eastelnouvo, eines italienischen Philanthropen, richtete die Alliance ihr Augenmerk hierher und eröffnete J878 in einem, im europäischen Viertel gelenen, zu diesem Zweck erworbenen Hanse zuvorderst eine Knabenschule. Trotz des Mißtrauens, das die Rabbiner und der überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung gegen die abendländische Neuerung hegten, betrug dennoch schon die Ansaugssreguenz 750 Schüler, ein Erfolg, der in erster Reihe dem Umstande zu danken war, daß nicht nur der Unterricht gratis erteilt, sondern auch allen Kindern, die daraus Anspruch machten, freie Beköstigung gewährt wurde. Auch sonst wurde des guten Zweckes wegen diplomatisch vorgegangen, indem man für den Anfang den Lehrkörper hauptsächlich mit Rabbinern besetzte und nur einige wenige Elementarlehrer anstellte. Allmählich mit dein Erstarken des Unternehmens wurde hierin Wandel geschaffen Zur Zeit sind die Rabbiner lediglich aus den Religionsunterricht beschränkt. Alle übrigen Fächer: Französisch, Arabisch, Arithmetik, (beschichte und Geographie werden von wissenschaftlich gebildeten Lehrern erteilt. Im Jahre 1880 wurde dann eine Mädchenschule gegründet, die mit 22 Zöglingen begann. Hier war als einzige Bedingung per Ausnahme europäische Kleidung vorgesehen. Bald daraus eröffnete man eine Art Vorschule (eeolo innimwoUv), in der die ganz Kleinen, und zwar Mädchen und Knaben gemeinsam, die ersten Weisheitslehren empsangen. Die Entwicklung dieser Schulen von ihren Anfängen bis zur (Gegenwart ist eine außerordentliche. SR umfassen jetzt 1200 Knaben, (500 Mädchen und 400 Vorschüler. Daneben ist ein ausgedehnter Handwerks-Unterricht eingerichtet, verbunden mit einem Abendkurs, der es den Handwerksschülern ermöglicht, ihre Schulstudien sortzusetzen. Mit besonderer Vorliebe ivird seitens der Zöglinge das Buchdruckerei-Gewerbe erlernt. Aber auch Wagenbauer, Marmorarbeiler, Kunstschmiede ic. werden ansgebildet. Die Schulen der Alliance sind nunmehr in zwei Häusern untergebracht, von denen besonders das den Mädchen reservierte ein stattliches, freundliches (Gebäude ist. Die Einnahmen^ des Unternehmens bestehen aus einer den Schulen überwiesenen Flestchueuer, einer baren von der Regierung gezahlten Subvention (gegenwärtig 10000 Frks.), den Ueberschüffcn ans den Mietverträgen der Häuser und den Zuschüssen der Alliance. Die Ausgaben für Beköstigung und Bekleidung der Zöglinge haben sich verringert. Man hat mcht mehr nötig, diese Vergünstigung als Lockmittel für den Schulbesuch auszuwersen, nachdem die Eltern allmählich eingesehen haben, welche Vorteile ihren Kindern durch einen geregelten Unterricht Zuwachsen. Rur den rvirklich Bedürftigen wird noch der Freitisch gewährt. Weniger erfolgreich ist man mit der Einführung eines entsprechenden Schulgeldes gewesen. Kaum 8 Prozent der Unterrichteten zahlen heute einen Entgelt, aber man hofft mit der Zeit, auch hier eine Besserung zu erzielen. _ Als vortrefflich sind die Erfolge der Schule zu bezeichnen. c:u' besitzt das Recht, ihren nach bestandener Schlußprüsung abgehenden Schülern das bivvet elenientaire auszustellen, das zum Erteilen von Unterricht an jeder französischen Nor malschule berechtigt, und verleiht dieser Diplome jährlich ungefähr acht. Die Abiturienten ohne Schluß-Examen erhalten ein Studienzcugnis, das ihnen bei der Erlangung voir Stellen, insbesondere bei der französischen Administration, von Nutzen ist. Ein gleiches Zeugnis erhalten die Mädchen, wenn sie die Schule verlassen. Der beste Beweis für die Leistungen des Instituts ist wohl die Thatsache, daß bei dem letzten Schul-Wettbewerbe die israelitische Schule die höchste Auszeichnung erhielt. Sie wurde lrovs conccmrs gestellt. Der Lehrkörper besteht aus dem Direktor, einigen Rabbinern und ungefähr zwanzig Elementarlehrern, von denen mehrere aus der Anstalt selbst hervorgegangen sind. An der Mädchenschule unterrichten eine Vorsteherin und zehn Unterlehrerinnen. Darunter befanden sich noch vor Kurzem zwei deutsche Dameu, die Vorsteherin Fräulein Unger und die Lehrerin Fräulein Braun. Beide wirken gegenwärtig in Adrianopel. Bemerkenswert ist, daß der Lehrplan nur sogenannte „moralische" Strafmittel kennt. Schläge, Einsperren, Strafarbeiten .'c. sind ausgeschlossen. Man bewirkt dadurch, daß die Kinder mit Freuden die Schule besuchen; ein Nachteil für die Disziplin ist durch diese Milde bisher nirgends erwachsen. Ueberhaupt ist grade auch der moralische Einfluß der Schule sehr hoch anzuschlagen. Tausende von Kindern, die früher der Straße oder der einseitigen, orthodoxen Erziehung durch unwissende Eltern überantwortet waren, wachsen nun unter der sicheren Obhut der Schule zu gebildeten Menschen heran. Illach unberechenbarer ist der Nutzen für den weiblichen Teil der Schüler. Die Lehren, welche die Mädchen hier im jahrelangen Unterricht empsangen, hindern sie natürlich, sich später wieder dem fast harmartigen, unwürdigen Scheinleben der tunesischen Jüdin anzupassen, und so ist die wachsende Zahl der weiblichen Zöglinge die beste Garantie für die allmähliche Ermöglichung einer Emanzipation von den bisherigen, erniedrigenden Gewohnheiten. Ich verdanke die bezüglichen Mitteilungen der Güte des gegenwärtigen Direktors per Schulen, Herrn Parieuti. Herr Parienti, trotz seines italienischen Namens, ein Franzose, ist eine kräftige Erscheinung mit energischen GesichtSzügen und scharfblickenden Augen. Er wurde erst vor kurzem nach Tunis berufen, nachdem er bis dahin für die Alliance in Rußland thütig gewesen war. Aber die kurze Zeit seiner tunesischen Wirksamkeit war bereits genügend, um ihm die Achtung der Behörden und die Liebe der ihm untergebenen Lehrer und Schüler zu gewinnen. Herrn Parienti ist ein weiterer Schritt nach Vorwärts zu verdanken. Anläßlich einer Urlaubsreise nach Paris erwirkte er nämlich beim Präsidium der Alliance Erlaubnis und Mittel zur Gründung einer Ackerbauschule. Bereits wurde ein geeignetes Terrain von l 5.50 Hektaren erworben, dreiviertel Stunden von Tunis entfernt bei Djedvida gelegen. Am 1. Oktober soll die Besitzung mit einem halben Hundert Knaben belegt werden, die bei freier Station unter fachmännischer Leitung praktisch und theoretisch den Ackerbau erlernen werden. Zum ersten Mal seit Bestehen der Schulen in Tunis hat sich anläßlich dieses Unternehmens auf französischer Seite eine gewisse Opposition bemerkbar gemacht, die darauf hindeutet, daß man die jüdische Konkurrenz im Ackerbausache fürchtet. Herr Parienti hat als einzige Antwort auf diese Treibereien die -Mitteilung ergehen lassen, daß er bereit sei, bis zu einem gewissen Prozentsätze auch Knaben katholischen, wie mohame-

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