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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 592 (sequence 8)
Language
German
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Nr. 37. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 592. heißt nichts anderes, als ein neues Unrecht für die Praxis empfehlen; wohl aber unterschreiben wir den Schlußsatz, sofern er auf die ganzen Verhältnisse bezogen wird, ganz und voll: „Der Zustand, wie er jetzt ist, ist unhaltbar, denn er beruht auf einer angeblichen, in Wahrheit nicht vorhandenen llcbereinstimmung von Gesetz und Leben, er beruht auf einer nicht zugestandenen, aber vorhandnen und, wie alle Lügen, gefährlichen Lüge." — (flfinrnrrau bei brn sshHbiin. Der französische Ministerstürzer a. D- Herr Georges Clemenceau befindet sich gegenwärtig in Karlsbad und schreibt von dort an das Pariser „Journal“ Briefe, die sehr unterhaltend und belehrend sind. In dem neuesten Briefe schildert er das Aussehen und Leben der galizischen Juden, die zur Zeit in großer Anzahl in Karlsbad zu treffen sind. Er bemerkt zunächst, daß diese Inden weit davon entfernt sind, den Anblick einer einheitlichen Rasse darzubieten; der größere Teil zeige nicht die Geiernase des klassischen Juden, sondern das platte Gesicht und die kleine Nase mit den unverschämt offenen Nasenflügeln der Tartaren oder das gelbe bartlose Gesicht mit den schief geschnittenen Augen der Mongolen, während eine andere Gruppe unverkennbar den slavischen Typus an sich trage. Das sei eine Mischung, die das jüdische Volk wohl selbst nicht für möglich halte und ebenso auch manche seiner Feinde. Clemenceau erinnert dann daran, daß einzelne mongolische Stämme in historischer Zeit das Judentum annahmen, und so mochten auch andere gethan haben. Alle diese verschiedenen Züge hätten nur einen Charakterzug gemeinsam: das unruhige asiatische Auge voll Gemütlichkeit, gepaart mit Zurückhaltung, voll Begehrlichkeit gepaart mit Demut. Im Aeußern haben sie alle, ob reich oder arm, sauber oder schmutzig, den fast aus der Erde schleifenden Kaftan und an der Schläfe die sogenannten Pejes-Löckchen. Diesen Löckchen schreibt Elemeneean einen besonderen Nutzen zu. Er will nämlich bemerkt haben, daß sie bei trockenem Wetter sich höher kräuseln, während sie bei feuchtem Wetter schlaff herabhängen. Diese Eigenschaft mache sie geeignet zu — Wetterpropheten; wenn er die Löckchen lang herabhängen sehe, nphine er stets einen Regenschirm mit, und das fei stets gut gewesen. Die galizischen Juden sind alle streng orthodox und sie lassen ein Scheermesser so wenig an ihre Schläfe kommen, wie an ihren Bart. To halten sie sich auch an die Vorschrift, daß der Jude das Haupt nicht entblößen solle. Um nicht unhöflich zu sein, ziehen sie den Hut ab, aber sie haben darunter ein Käppchen, das sitzen bleibt; so ist auch dem Anstand und dem Gesetz Genüge gethan. Da Clemenceau erfahren hatte, daß diese Juden nicht in die Synagoge gehen, sondern unter sich gemeinsam beten, so ließ er es sich angelegen sein, einmal einer solchen Gebetsversammlung am Sabbat beizuwohnen. Sie fand in dein kleinen Zimmer eines ärmlichen Wirtshauses statt, und etwa dreißig Männer waren anwesend, die alle in den Gebetmantel gekleidet waren, den ne mit dreizehn sch Jahren erhalten und in dem sie begraben werden. Clemenceau entwirft nun eine anschauliche Schilderung dieser Andacht, die nicht blos mit den Lippen, sondern auch mit Händen und Füßen und sonstigen Körperbewegungen ausgesührt wurde. „Diese ganze^Gmnnastik", fährt er dann fort, „hat den Zweck, auch den Körper mit Gebete des Geistes teilnehmen zu lassen. Es sind Muskeln und Knochen, die den Schöpfer aus ihre Weise ehren. Bei den amerikanischen Methodisten, die doch authentische Christen sind, habe ich Aehnliches gesehen. In Wirklichkeit ist es eine nervöse Erscheinung, die man gleich dem Geschrei und den Zuckungen der Derwische unter den äußerlichen Manifestationen der religiösen Erregung zählen muß. Was mir bei meinen polnischen Juden, an deren Aufrichtigkeit nicht zu zweifeln ist, am ineiften ausfiel, das war die Leichtigkeit, mit ber sie mitten unter den heftigsten Körperbewegungen den Besitz ihrer selbst zu gewinnen vermochten. Eine Tabaksdose wenigstens, die still von Hand zu Hand ging, liefert den Beweis, daß trotz des Gebetes zum Mindesten die Nasen sich der irdischen Begehrlichkeit nicht entziehen konnten." Besonders auffallend fand Clemenceau einen hagern Greis in seidenem Kaftan, unter dem Mt/ vorgeschriebenen Wollsäden heraushingen, und enormer Pelzmütze; er betete ntit der größten Andacht und Beweglichkeit. „Man sagte mir, daß es ein sehr reicher Mann sei, der viel Gutes thue. Dank dem Edelmut solcher Persönlichkeiten, können auch arme Juden die Bäder von Karlsbad gebrauchen. Unser Andächtiger, der viel reist, geht nie von Hause fort, ohne seinen Rabbiner (gemeint ist ein Schochet. Red.) mitzunehmen. Reist er aber in ein Land, wo es keine Juden giebt, so nimmt er ein Dutzend Geführter mit, da Moses vorschreibt, daß man zum Beten immer wenigstens zu Zehn sein soll. Beim Ausgang trug jeder Teilnehmer seinen Gebetsmantel aufgerollt über die Schulter; wenn sie ihn in der Hand trügen, wäre es eine „Arbeit", (?) die für die ganze Dauer des Sabbats untersagt ist. Schon am Abend vorher hatte ich manchen Juden gesehen, der sein Taschentuch um den Leib gebunden trug; das sollte heißen: „Wir haben nichts mehr in den Taschen, wir handeln nicht mehr der Sabbat hat begonnen!" Zum Schluß schreibt Clemenceau: Ich habe treulich berichtet, was ich gesehen habe. Ist es lächerlicher, den Kopf zu schütteln wie eine Ente, als irgend eine andere Haltung anzunehmen oder irgend eine andere Bewegung auszuführen, um Gott zu ehren? Ich glaube nicht. Christen und Inden sind Geschwister. Ich habe im Walde Frauen gesehen, die den Kops und die Wunden eines fürchterlich bemalten Jesusbildes küßten. Alan kann gewiß nicht behaupten, daß diese Art Andacht ein Fortschritt sei gegen jene. Der große Streit zwischen Christen und Juden ist nur ein Familienzank. Man erzählt, daß ein alter orthodoxer Jude, als er in's Paradies kam. sich weigerte, zttr Rechten des Ewigen zu sitzen; er verbarg sich in einen Winkel. Wegen dieses sonderbaren Be nehmens vor. Gott gcrusen, gestand er, daß er zwar schuldlos sei, sich aber doch der Ehren deS Himmels für unwürdig balle, denn sein Sohn sei aus der Art geschlagen, Man behaupte sogar, er habe sich taufen lassen! Woraus der Herr: „Jst's weiter nichts als dies?" Run, da bist du nicht allein in dem Falle. Genau dasselbe wird auch mir nachgesagt ..." — Fziloui tuiKlifdirn iuöcntiiiH. Von Tr. Erich Freund. (Ans dem „Berliner Börien-Eonrier"). T n n i s, im Juli- Ein wahrhaft großartiges Unternehmen Ijct die Alliance israelite durch die Begründung ihrer tunesischen Schulen

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