Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- Seite 588 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 37. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 588. eine Rolle spielen, zunächst ist jedem Bedürftigen, ob würdig oder unwürdig zu Helsen. Was nun die gerechtere Verteilung der Liebesgaben anbetrifft, h\ erlaube ich mir die Frage: Wer ist denn kompetent für die Beurteilung der Bedürftigkeit der Bittsteller, welche sich an die jüdische Gemeinde wenden? Reiche teilte! Zu Ehrenämtern werden nur die Obersten der oberen Zehntausend herangezogen, nicht aber Männer, die dem Ringen um den Bedarf des Tages näher stehen. Doch Reichtum und Einsicht paaren sich .nur in den allerseltensten Fällen, und so kommt es, daß gerade diejenigen, die die größten Ansprüche an das Leben stellen, bei dem Armen eine libergroße Bedürfnislosigkeit voraussetzen und glauben, daß der Enterbte der Gesellschaft mit einem gereichten Almosen sehr lange Haushalten müsse und könne. Das ist nnjüdisch gedacht und gehandelt, und dieser Uebelstand wird durch das neue Institut nur vergrößert, wenn man sehen wird, daß der Arme hier und dort etwas erhält. Der Herr Verfasser — wie gesagt, ein Idealist — glaubt, daß das neue Institut nicht in bureankratischem Sinne gehandhabt werden wird; nach meiner Ueberzeugung und nach meinen Erfahrungen wird sich n u n der Schematismus, der auch bisher schon eine übergroße Rolle in der Armenpflege der jüdischen Gemeinde spielt, gerade zur höchsten Blüte entfalten. Ich komme jetzt zu den „verschämten" Armen, und in deren Interesse bedaure ich und mit mir wohl alle, die ein echt jüdisches Herz haben, auf das tiefste, daß ein Institut, wie eine Zentralstelle, von der jüdischen Gemeinde ins Leben gerufen werden konnte. Welche Demütigung ist es für den „verschämteil" Armen, wenn er bitten soll, geschweige wenn er fortan das Bewußtsein haben muß, daß die „Zentralstelle" Kenntnis von der Unterstützung, die ihm geworden, erhalten wird! Glicht genug, daß eine große Anzahl von Ehrenbeamten, die leider nicht immer in ihrem Berufe aufgehen und nicht immer verschwiegen sind, um die Hilfe weiß, nein, es muß noch der Diskretion eines Heeres von besoldeten Beamten vertraut werden, und wer die Sache kennt, weiß, was das heißt. Ein modernes Schlagwort spricht von der erziehlichen Wirkung der Armenpflege. Wirkt es erziehlich, wenn ein durch herbe Schicksalsschläge gebeugter Familienvater, der die Mildthätigkeit seiner Glaubengenossen anzurusen genötigt ist, das Gefühl haben muß, daß ein weiter Kreis um die Unterstützung weiß? "Rein und dreimal nein! Hat er selbst nur noch einen Rest von Ehrgefühl — gewöhnlich glauben allerdings die Reichen, daß sie ein solches in Erbpacht haben — dann muß er sich moralisch degradiert fühlen, und das nennt man „erziehliche Wirkung!" „Besser Du hättest dem Armen nichts gegeben, als daß Dn ihn durch öffentliche Gabe beschämest," heißt es im Talmud (Ehagiga üa.) Eine Gabe an „verschämte" Anne unter Mitteilung an eine Zentralstelle kommt einer öffentlichen gleich, darum fort mit dem neuen Institut, noch ehe es das Licht der Welt erblickt! Ein kundiger Thebaner. Rabbinttkleni» in — (Ofltcrrcirfj. iSoiamen miseris socio» habuis.se malorum. (Zpinoza, Gthik.) Alts jener längstvergangenen Zeit, in der das israelitische Getneindeleben noch einen jüdischen Sünderanstrich trug, ist uns eine charakteristische Anekdote überkommen: Die Chewra kaddischah einer Gemeinde hatte „für ewige Zeiten" die Bestimmung getroffen, keinen zu bestatten, deni man nicht irgend ein Lob nachsagen, oder, wie man sich dazumal auszudrücken pflegte: der nicht irgeitd einen „L'olius" hatte. Eines Tages segnete ein Individuuin das Zeitliche, — er s e gnet e das Zeitliche, indem er dieses mit Ewigkeit vertauschte,— welchem man nicht das mindeste Gute, wohl aber alles erdenkliche Böse hatte nachsagen können. Die Chewra kaddischah weigerte ihrer Satzung genräß die Bestattung. Ein findiger Kops aber erklärte, der frommen Brüderschaft aus der Verlegenheit helfen, dem unfrommen Verstorbenen einen „S’chus" nachsagen zu können. „Ich habe", so ließ er sich der gespannt und neugierig lauschenden Menge vernehmen, „einen Mann gekannt, der — noch schlechter war als dieser da." Und den Lebenden wie dem Toten war geholfen . . . Diese Anekdote ging mir durch den Kopf als ich hier die Artikel über die Lage der israelitischen Lehrer in Deutschland und in einem Wiener Blatte eine Zuschrift über die Verhältnisse der Rabbiner in Oesterreich las. Es schreibt nämlich jemand, der, genau wie hier, seinen Rainen nicht nennen darf, in der Oesterr. Wochenschrift: „So mißlich und unzeitgemäß es auch erscheinen mag, während wir unsere Kräfte mit dem äußeren Feinde messen, innere Schäden auszudecken und coram publico auf sie hinzuweisen, für ebenso notwendig und unabweisbar erachten wir diese Aufgabe, menu diese Gebrechen einerseits tief eingeriffeu sind, wodurch das Leiden ein akutes geworden, und sie andererseits auch unsere Stellung nach außen beeinträchtigen und schwächen. Dem Schreiber dieser Zeilen wurde jüngst von einem hervorragenden Führer der Abwehrbewegung in Deutschland zum Vorwurf gemacht, daß der moderne Rabbiner in Oesterreich trotz der großen Dosis Bildung, womit ihn die Seminarien, und trotz des amtlichen Charakters, womit ihn die Regierung ausstattet, sich nicht als Führer und Berater des Volkes im Kampfe um seine politische und soziale Stellung genügend bewähre. Von einem nicht minder angesehenen jüdischen Gelehrten wurde die spärliche litterarische Produktion beklagt, welche die jüdische Wissenschaft in unserem Vaterlande zeitigt. 'Wir glauben als Erklärung dieser beiden unerfreulichen Erscheinungen zunächst die eigentüinliche schwierige Amtsstellung angeben zu dürfen, in der sich fast jeder Rabbiner befindet. Wie Bleigewichte legen sich an die Flügel eines noch so strebsamen Geistes Thatfachen und Verhältnisse des Gemeindelebens, die ibrer Jmponderabilität ivegen nur Ironie, ob ihrer unerbittlichen Konsequenz aber Trauer und herbe Resignation Hervorrufen müssen. Die selbstverständliche Autorität und Macht, die früher jedern Rabbiner a priori eingeräumt wurde, sie ist durch die eingetretene Erschütterung des religiösen Bewußt seins auf bim Nullpunkt gesunken, so daß die nach Ersüllnng der Berufspstichten noch erübrigten Kräfte des Rabbiners von der Sorge absorbiert werden, rechtzeitig einen Sturm im (blase Wasser zu besäustigen, zwischen zwei um Nichtigkeiten kämpfenden Parteien glücklich zu lavieren oder der Laune lokaler Größen die Spitze abzubrechen. Woher nun jene Geistessrische nehmen, um über den durch unsagbare Kleinigkeiten eingeengten Gesichtskreis hinaus zur Gesamtheft des Judentums tum Blick streben zu lassen? Woher jenes ^elbstbewnßtsein endlich, das doch die Voraussetzung eines jeden thatkräftigen Eingreifens bildet, wenn der Boden, auf dem man steht, Flugsand, die Stellung, die man einnimmt, eine