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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 587 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 587. heit mußte, daß eines der Brautleute die Speifevesetze Übertritt, oder daß sogar die Eltern des Bräutigams gergeffen hatten, an diesem die Beriß Milah vornehmen zu lassen? Wer von den Herren hat schon die Teilnahme an der Beerdigung und das Halten einer „recht ergreifenden" Leichenrede bei einem reichen Manne veriveigert, welcher bei allen sonstigen erhabenen Mannes-Eigenschasten selbst den Jom Kippur nicht vorschriftsmäßig hielt? Muß man das Leben des Heimgegangenen billigen, wenn man einem würdigen Berstorbenen einen Nachruf widmet? Man mag über Wiener, der seiner Zeit weit vorausgeeilt ist, so weit, daß die Epigonen, deren tüchtigsten er an Wissen „von der Schulter auswärts" überragte, ihm nicht nachhinken können, denken, wie man will; daß er aber ein würdiger Greis, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle gewesen, ein geistiger Niese, an den nur wenige heranreichen, ein Mann, der ein Märtyrer seiner Ueberzeugungen, für die er seine Gesundheit und seine Kräfte, wie kein zweiter preisgegeben, geworden ist, das werden doch die anmaßendsten Zeitgenossen ihm nicht zu bestreiten wagen, das härte doch Stoff genug für einen Nachruf geboten, mehr als die pietätlosen Splitterrichter und die vorn geistlichen Hochmutsteufel besessenen Gesinnungsfere in ihren Gemeinden jemals wieder vorfinden werden. Muß übrigens eine Leichenrede lediglich eine Lobhudelei für den Verstorbenen und nicht vielmehr ein Trostwort für die Leidtragenden sein? Rust nicht schon der Prophet ein „Wehe" über die Hirten Israels, die nur sich selbstgefällig weiden, das Fett der Herde essen, in ihre Wolle sich kleiden, die Herde aber nicht geweidet, die Leidenden nicht gestärkt, die Seelen kranken nicht geheilt, die Verwundeten nicht gelabt und zurückgeführt, und mit Strenge und Härte nur gewirtschastet haben? Verderblicher als der Antisemitismus von außen ist die Unduldsamkeit von innen; und wenn man den Rabbinern mit Unrecht die Schuld beimißt für jedes Unrecht, das in unserer Mitte geschieht, in diesem Falle haben die geistlichen Herren, die den traurigen Mut der — Feigheit gezeigt haben, eine schwere Verantwortung aus sich geladen. Und jedermann in Israel ist berechtigt, ihnen ihre Unduldsamkeit vorzuwersen, sie mit den bittersten Worten zur Rede zu stellen, ihnen die Faust zu weisen bis sie die Fähigkeit zeigen, nachträglich noch zu erröten. Wie, Eatilina steht vor den Thoren Roms und Ihr beratet - mittlerweile wie Ihr einen Toten beleidigen könnet, einen Toten, den ihr bei Lebzeiten mit der ganzen .siraft des . - Selbsterhaltungstriebes nicht anzugreisen wagtet?! Draußen stehen Klagende, welche einen labenden Trunk von Euch begehren, und Ihr fasset den heroischen Entschluß, ihnen glühendes Salz zu reichen? Selbst im orthodoxen Lager wird man für diese hohe Weisheit (r^r,";’c> kein Verständnis zeigen. Unsere Altvordern werden sich darob im Grabe umdrehen, denn es steht in diesem Augenblicke ein Vorkommnis vor unseren Augen, das vor etwa drei Jahrzehnten sich ereignete. Damals starb in einer hervorragenden deutschen Gemeinde ein Rabbiner, der zu einer weit extremeren Haltung sich bekannte, als der selige Wiener. In der Gemeinde existiert eine besondere Friedhoss-Reihe für verstorbene Rabbiner, und ein der strengorthodoxen Richtung augehörender Rabbiner desselben Ortes wurde um sein Gutachten angegangen, ob der Heimgegangene in der „Rabbinerreihe" beigesetzt werden solle. Ec bejahte die Frage, mit der Motivierung, der Verstorbene sei ein Rabbiner und ein „Lamden" gewesen, und für sein Thun aus Erden habe er einem höhern Richter Rechenschaft abzulegen. Ach, daß dieser Mann tot ist! Gebt uns unsere alten ehrlichen orthodoxen Rabbiner wieder, und nehmt Euch für jeden Einzelnen von ihnen zwölf - macht ein Dutzend — von den modernen Gesinnungsbolden, und selbst die anständige, zielbewußte Reform wird dabei ein glänzendes Geschäft machen. Sie haben ihre Zeit weniger mit Gutachten gegen neue Gebetbücher vertrödelt — bis auf einen einzigen Fall, wo sie wegen des principiis obsta eine prinzipielle Gegenftellung einnahmen — aber sie haben auch niemanden mit rasftnierter Behaglichkeit gekränkt und verletzt. Wenn man, nach dein Ausspruche unserer Weisen, um die Beleidigung eines Lebenden seines ewigen Seelenheiles verlustig geht, um wievielmehr wegen öffentlicher Herabwürdigung eines wehrlosen Toten! Gebt uns unsere alten Toten wieder, oder gehet hin, machet Euch für Eure mittelmäßige Moral und für Euren ganz untergeordneten Anstand einen neuen Kodex. Nennet euch, mit diesem ausgerüstet, moderne Männer, oder gar Reformer; wenn dies geschieht, dann — ja dann, werden wir anderen, zähneverbeißend, lieber in den Schoß der alleinseligmachenden Orthodoxie zurückkehren.-— — 3iiiii letzten Male: Die KmiMtrimmg der Mohlthiitlljkkit in Kerlin. *) Verehrter Herr Redakteur! Ein Freund der Armen erwidert in der dir. 36 Ihres geschätzten Blattes auf meine in der Rr. 35 enthaltene Zuschrift, und ich kann es mir nicht versagen, auf diese Erwiderung wiederum zu erwidern: Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß der Herr Verfasser der guest. Zuschrift ein wirklicher F r e u n d der Armen ist, doch ist das Bild, welches er zeichnet, ein Idealbild, das wohl nie, am allerwenigsten aber durch die neue Zentralstelle verwirklicht iverden wird. Das neue Institut ist, wie ich wiederholt behauptet und wie der Herr Verfaffer des Artikels aus meiuer Zuschrift in Nr. 35 ganz richtig herausgelesen hat, von Leuten ins Leben gerufen morden, die wenn auch nicht gerade ungern, so doch nicht mit dem Herzen geben. Aus keinem Gebiete sind Mißbräuche ausgeschlossen; warum sollte es daher auf dem Gebiete der humanitären Bestrebungen nicht auch solche geben? Die Beispiele von der Brandschatzung der „Wohlthäter" durch auswärtige Arme, von den die Rede ist, gehören nicht in dieses Kapitel, denn hier haben wir es nur mit d en h iesigen Anncti zu thun, in deren angeblichem Interesse die Neueinrichtung geschaffen sein soll. Was den Mißbrauch anbetrifft, so verweise ich hier aus das Beispiel von Sodom und Gomorrha, die um zehn Gerechter willen vor dem Untergange bewahrt bleiben sollten. Wenn hin und wieder die Wohlthätigkeit mißbräuchlich in Anspruch genommen wird, so kann dies den wirklichen Wohlthäter nicht hindern sein Liebeswerk sortzusetzen, da um einiger Professionsbettler wegen nicht viele wirklich Bedürftige leiden dürfen. Sobald es sich um einen Armen handelt, kann die Frage der Würdigkeit meines Erachtens nur in letzter Reihe Bis am weiteres sei mit dieser Erwiderung die Diskussion geschlossen; sie kann ja später eiuuial in anderer Form wieder ausgenominen werden. Red.

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