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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 586 (sequence 2)
Language
German
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Seite 586. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. lediglich ihre Pflicht ihren Lesern gegenüber, und wir haben ebensowenig Veranlassung, ihnen darob zu zürnen, wie unsere (Gegner das Recht, uns dafür verantwortlich zu machen. — Doch erfahren diese Ritter vom (leiste seitens unserer (Glaubensgenossen eine glimpfliche Behandlung. Weniger glimpflich verfährt man mit den Vertretern des Judentums, die in Wort und Schrift unsre religiöse Lehre und unser bürgerliches Leben verteidigen. Man sollte meinen, daß gerade unsere Glaubensgenossen diese aufreibende Thätigkeit anerkennen müßten. Doch weit gefehlt! Fast in allen Gemeinden sind den Lehrern des Judentums, die sich gedrängt fühlten, antisemitischen Schreiern entgegenzutreten, Hindernisse in den Weg gelegt, ist den Rabbinern und Lehrern, die in judenseindlichen Versammlungen im Sinne der Abwehr als Redner ausgetreten waren, der harte Vorwurf entgegengeschleudert worden, sie hätten RischuS gemacht. Nur dadurch, daß wir so lange geschwiegen, zum Schweigen verurteilt waren, hat der Antisemitismus riesige Dimensionen angenommen. Kaum entzündet, würde man das Talglicht haben leicht zerdrücken können, das faule Holz, das nun unausgesetzt glimmt und dunkle Rauchwolken um sich wirst, kann jetzt nur schwer gelöscht werden. Am allerfchlimmsten ergeht es jedoch den religiösen Zeitschriften, die sich in den Dienst des Judentnms und seiner Bekenner gestellt haben. Die ineisten Juden scheuen die Lektüre jüdischer Zeitungen — gleichviel, welcher Tendenz — wie Gift; sie nehmen lieber ein antisemitisches Blatt zur Hand, als daß sie sich bei der Lektüre einer jüdischen Zeitung ertappen ließen. Mancher unsrer Großen würde vielleicht eine jüdische Zeitung halten, wenn sie nicht durch die Hand eines Briefträgers, Spediteurs oder Dienstmädchens gehen müßte. Das könnte ja Rischus machen! . . . . Aber nicht allein die unwissende Masse, nicht allein die jüngere Generation, deren Judentum in der Erinnerung an das Elternhaus oder an den Steuerzettel besteht, auch Männer, die wohl wissen oder vermöge ihres Amtes doch wissen sollten, welch ein wichtiger Faktor innerhalb des jüdischen Gemeindelebens die jüdische Zeitschristenpresse werden könnte, verhalten sich ablehnend, ja geradezu feindlich jüdischen Blättern gegenüber. Einer der bekanntesten Rabbiner einer sehr großen deutschen Gemeinde z. B. kündet mit Stolz jedem, der es hören will, daß er keine jüdische Zeitungen lese. Dies hindert ihn freilich nicht, gelegentlich gegen eines dieser, von ihm nicht gelesenen Blätter zu — predigen. Ein anderer, der ad oeulos die Theorie demonstriert, daß ein Rabbiner ungeschoren bleiben müsse, dehnt diese an sich vernünftige Lehre aus jüdische Zeitschriften nicht aus. Er belehrt z. B. den Vorsteher einer kleinen Gemeinde in der Provinz, daß der meiste Rischus von den jüdischen Zeitungen gemacht werde. Deni kleinstädtischen „Tarn" gilt das Urteil des großstädtischen „Chacham" als unumstößliche Weisheit, und das einzige in der kleinen Gemeinde vertretene Blatt verschwindet von der Bildfläche, auf daß es fürderhin nicht mehr Rischus mache. Die Herren verwechseln offenbar berechtigte Kritik mit Rischus. Neugierig sind wir billig aus die Predigten solcher Rabbiner. Denn entweder sind ihnen die Verhältnisse in ihrer Gemeinde ein noli me tangere und darum ihre Reden nichts als seichte Salbaderei, oder sie raffen sich einmal zu einer Strafrede aus und machen — nach ihrer eigenen Definition -- ganz wie die jüdischen Zeitungen, die sie nicht lesen — Rischuß . . . Doch genug der Beispiele. Jur Vorstehenden wollten wir nur zeigen, wie verworren die Urteile über das, was man gemeinhin „Rischus machen" nennt, um mit der dringem den Mahnung schließen zu können: Israeliten, „machet" keinen Rischus, wir haben an dem vorhandenen genug! Gmiffenhast oder taktlos? Von Rabb. Dr. Singer, Coblenz. Es geht nichts über Gewissenhaftigkeit, zumal wenn sie von einer gewissen Gesinnungstüchtigkeit diktiert wird. Wenn aber der Lächerlichkeit nach„gerühmt" wird, daß sie noch ein tieferes Niveau einnimmt als ein Verbrechen, so darf man von einer Gesinnungstüchtigkeit, welche in eine Taktlosigkeit ausartet, gewiß sagen, daß sie von der letzteren reichlich ausgewogen wird (nDS"2 '“□er n*\) Zu solchen Gedanken haben uns die Vorgänge bei der Beerdigung Wieners in Oppeln angeregt. Viele glänzten durch Abwesenheit, ein halbes Dutzend Rabbiner soll anwesend gewesen sein; wozu sind sie gekommen? Um dem Verstorbenen, der allerdings seine eigenen, aber doch überzeugungstreuen Wege gegangen war, noch im Grabe einen Fußtritt zu versetzen, oder ihm „die letzte Ehre" (Tsk ~cn) zu erweisen? Sicherlich doch zu letzterem Zwecke; wie jämmerlich haben sie dieser Aufgabe genügt, es wär' besser gewesen, sie wären gar nicht gekommen, dann hätten sie wenigstens das unliebsame Aufsehen bei Andersgläubigen vermieden — denn während städtische Gebäude, um den Heimgegangenen zu ehren, Halbinast flaggten, setzten die Herren Kollegen sich hin, um zu beraten, wie sie den Ausspruch rnsas rirvo*) illustrieren sollten — dann hätten sie wenigstens vermieöen, den entschlafenen Kollegen, dessen menschliche hohe Tugenden selbst orthodore Blätter anerkennen, in den Augen seiner Gemeinde herabzusetzen. Fürchteten sie, durch einen Nachruf des Verewigten Gesinnungen zu billigen? Run seit Jahrzehnten stand Wiener mit seinen Ideen ziemlich vereinsamt, und der Verstorbene war der letzte, der sich darüber einer Täuschung hingab, daß die Reform flügellahm geworden ist; aber mußte man deshalb demonstrieren? Konnte man nicht zu Hause bleiben? Doch nein, die Herren waren darüber nicht im Zweifel, daß Rabbiner nicht zur Beerdigung eines Kollegen kommen können, wie etwa die Abordnung eines Schützenvereins zur Bei setzung eines Kameraden; sie wußten, daß es für die anwesenden Rabbiner nicht genügte, die Lippen zu spitzen, es mußte gepfiffen werden. Der Zusammentritt zu einer Beratung, welcher den verhängnisvollen Beschluß zeitigte, war spontan, und es muß einem Anwesenden durch seine Beredsamkeit oder durch die Macht seiner schon vorher wahrscheinlich bekannten „Gründe" gelungen sein, die Herren Amtsgenossen zu einer gesinnungstüchtigen Taktlosigkmt zu bewege». Und nun laßt uns miteinander rechten: Seit wann ilt es Sitte in Israel, daß man einein Verstorbenen Steine ins Grab nachwirft? Man hat wohl früher keine Blume gebracht, wenn mair ein Grab besuchte, sondern ein Steinchen als Visitenkarte zurückgelassen, iveil man die Blumen brauchte, mu mit ihnen die Pfade der Lebenden zu bestreuen dbei man wartete doch mit den Steinen bis nach der Beerdigung, mit welchem Rechte schaffte man jetzt diese häßliche „Neuerung "? Welcher von den Herren hat jemairdem die Vollzietmng der Trauung versagt, selbst wenn er mit Bestimmt- *) Der Tod sühnt

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