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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Yo. 37. Jahrgang i v. Herausgeber: A. Devin, Berlin. £ttt £ Berlin, 13. September 1895. Hefchnrutt. Bezugspreis: viertekjäkrk. 2 MK. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland: Mk. 2,50. Zu beziehen durch die Post, E^^^^^^Ok^Ex^editioilen^nd^ei^Bu^handel^E^^^^E. Jnljalt: Mifdni?. (ßewissenhaft oder taktlos? Von Rabb. Dr. Singer-Koblenz. Zuin letzten Male: Tie. .Konzentrierung der Wohlthätigkcit in Berlin. Rabbinerelcnd in —/Oesterreich. Schreibebrief an die „Deborah" in Eincinati- Der deutsche Richterstand und die Inden- Von Tr. S. Kayserling. Clcmenceau bei den Ehassichim. Vom tunesischen Judentum. Von Dr. Erich F-reimd. Ein dringender Erlaß. Von M- Nu6l. Wochenchronik. ^itteratur. Kalender. Anzeigen. Rischus. Will man die Geschichte unsres Volkes, die jahrtausendelange Passionszeit desselben, von der Zerstörung deS ersten Tempels dis aus den heutigen Tag, mit einem Worte be- . zeichnen, - - dieses Wort steht an der Spitze unsres heutigen Artikels. Vom ist zu Grunde gegangen an der Ausschweifung seiner Machthaber, Byzanz an seinem Hochmut und seinen ' unglücklichen Kriegen, Persien an der Zersplitterung seiner Streitkrüfte, Israel aber hat gelitten und ist geschwächt worden infolge einer akuten Krankheit, die wir Rischus ' nennen möchten. Zwar, die Urheber dieser Krankheit sind längst nicht mehr, der Same aber ist geblieben. Die Saat ist aufgegangen überall dort, wo sie einen Sutnpsboden, den j besten Nährboden allen Unkrauts, fand. Haman ist tot, i der Humanismus lebt. Das alte Rischus hat vor 15 Jahren einen neuen Namen! erhalten, der Begriff aber ist derselbe geblieben: — der Jude wurde damals und soll auch heute „verbrannt" werden. Allein, wenn die Holzstöße schon ausgerüstet, wenn das Feuer . schort loht, der Engel des Erbarmens weint eine Thräne über . den Gottessohn Israel und verlöscht das Feuer, und die die : Flamme geschürt, verwickeln sich in ihre Ränke und fallen anstatt seiner. Doch nein! nicht in das Feuer, — in das Auge des zweiten Patriarchen ist, nach der Deutung des Midrasch, die Thräne; des Engels gefallen und hat es getrübt. Dieser dunkle Aus- .. spruch i)t heute noch wahr. Gewiß, wir haben in unsrer Zeit der Bosheit genug und brauchen nicht lange danach zu suchen; mit Markt und Straßen, ja aus dem Munde lalleni der Kinder können wir „Iud! Iud!" hören, allein wer I wollte es leugnen, daß wir oft geneigt sind den Umsang I dieser Bosheit zu vergrößern, daß wir Rischus auch da ent- Htedalition und Verlag: <ör Kamburgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Bf', nehmen alle Annonce,l-Lrpeditioneil sowie unser Bureau entgegen. decken, wo er ausnahmsweise nicht zu finden ist? Wird jemand in nichtjüdischer Gesellschaft brüskiert, wegen eines Deliktes verurteilt, hat er einen Prozeß verloren, — der Rischus ist daran schuld. Nicht mehr neu, aber bezeichnend für diese Art Rischusfabrikanten ist eine Anekdote, die vor längerer Zeit die Runde durch die Tagespresse gemacht hat, in erster Reihe für Juden bestimrnt war unb von Juden verstanden wurde. Aus der Durchreise, so lautet der tragikomische Schwank, sieht ein polnischer Glaubensgenosse zum erstenutale einen Waren- Automaten in Berlin. Auf Befragen erführt er, daß das leblose Wesen nach dem Einwersen eines Zehnfpennigstücks eine Tafel Schokolade liefere. „Er wird's billiger machen", kalkuliert der Pole, und wirft ein — Fünf Pfennigstück hinein. Der Automat aber hat feste Preise, er liefert keine Schokolade für 5 Pfennig. — „Schön, sollst den vollen Betrag haben", und ein zweites Fünspsennigstück gleitet in die Tiefe des ehernen Kaufmanns. Allein auch jetzt bleibt der Automat ungerührt, da er nur Zehnpfennigstücke anerkennt. Während der mit dem Mechanismus nicht vertraute Freinde über die an ihm verübte Prellerei nachgrübelt, wendet sich ein deutscher Staatsbürger nichtjüdischen Glaubens an den hartherzigen Automaten, wirst ein Zehnpsennigstück hinein und empfängt ohne weiteres eine Tafel Schokolade. Der Fremde aber ruft empört: „Heißt ein Rischus — ..." Fast ebenso häufig wie gegen Richtjuben wird auch gegen Glaubensgenossen der Vorwurf, Rischus zu machen, erhoben. Unzähligemale haben wir das Wirken KaSkers und andrer oppositioneller Abgeordneten jüdischen Glaubens als Rischus bezeichnen hören. Und doch hat Kasker, haben die anderen jüdischen Männer, die durch das Vertrauen deutscher Wähler berufen waren oder noch sind an dem inneren Ausbau des Reiches teilzunehmen, nichts als ihre Pflicht gethan, als sie im Parlamente nur selten oder garnicht daran dachten, daß sie Juden seien. Sie waren als Deutsche von Deutschen gewählt und mußten ihr Judentum in den Hintergrund treten lassen. Daß wir Juden dies schmerzlich bedauert haben, ändert an der Kogik der Thatsachen nichts. Es ist darum völlig verkehrt, wenn gesagt wird, oppositionelle Abgeordnete jüdischen Glaubens machten Rischus. Dieser Vorwurf wäre viel eher berechtigt, wenn sie das ihnen übertragene Mandat nicht im Sinne ihrer der Opposition angehörigen Wähler ausüben würden. — Als Rischus wird ferner bezeichnet, wenn ein Journalist, der als Jude bekannt, oder eine politische Zeitung, deren Verleger zufällig noch nicht gelaust ist, gelegentlich'eine bestehende Staatseinrichtung bekämpft. Allein auch diese thun

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