Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- Seite 581 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 581. * 8t. Aus Amerika. Die Grenzscheide zwischen den Konfessionen, soweit die Unterstützung allgemeiner und wohlthätiger Institute in Frage kommt, wird immer lockerer. Seitens der Inden hier und in Deutschland finden wir sehr häufig in der Aussetzung von Legaten, daß die Testatoren keinen Unterschied gemacht setzen wollen in der 'Nutznießung derselben.*) Herr Jesse Leligman hat bekanntlich die meisten Wohlthätigkeitsanstalten New - Ports in seinem Testamente bedacht, ohne Unterschied der Konsession. Nun wurde auch von Herrn James Seligman bekannt gegeben, daß Erzbischof Eorrigan die Verteilung von 10,000 Dollar an verschiedene jüdische Wohlthätigkeitsinstutitute aus dem 'Nachlasse des Herrn Eugen Pelly gut geheißen hat. — Unter entsprechenden Feierlichkeiten wurde dieser Tage in 'Nr. 08 Scholes Str. der Grundstein für den zu erbauenden Tempel der Gemeinde Ahawath Schalom gelegt, welcher ein architektonisches Schaukästchen werden soll. Mit wahrem Feuereifer hatten die Beamten der verhältnismäßig kleinen Gemeinde die Sammlungen für den Bausands betrieben, und aus dem Interesse, daß sich in der israelischen Kolonie für die Feierlichkeit knndgab, läßt sich schließen, daß das fromme Werk auch weitere Förderung erfährt und zum guten Ende geführt wird. Die Gemeinde hält zur Zeit ihren Gottesdienst in No. 78 Ten Evck Str. Die neue Synagoge wird mit einem Kostenaufwand von 15,000 Doll, ausgeführt und soll bis Ende 'November sertiggestellt werden. Während vorn der Betsaal angelegt wird, wird der Hintere Teil des Gebäudes Räumlichkeiten für die Sabbatschule enthalten, in der hebräischer und deutscher Unterricht erteilt wird. In Verbindung mit der Gemeinde stehen noch verschiedene Verbände, darunter ein florierender Frauen-Verein, welcher schon viel Gutes unter den Armen des Ghetto gestiftet hat. * Die Juden in Damaskus. In Damaskus giebt es etwa 2000 Israeliten, wovon mehr als 1500 Handwerker sind. Die meisten sind Baumwollen- und Seiden- Weber. Auch sind die Maurer, Zimmerleute, Färber und Goldarbeiter vielfach unter ihnen vertreten. Erwähnenswert ist noch, daß die herrlichen Ziselier-Arbeiten, welche wir auf den damaszenischen Stahlwaren bewundern, fast ausschließlich von jüdischen Meistern herrühren, welche es darin zu einer außerordentlichen Fertigkeit gebracht haben. Der jüdische Handwerker ist immer fleißig und intelligent. Er arbeitet den ganzen langen Tag, oft noch die halbe 'Nacht hindurch, um sich redlich durch die Welt zu schlagen. Leine Rastzeit übersteigt nie fünfzehn Minuten. Arbeitend verzehrt er sein mehr als frugales Mahl, bestehend aus einem Stück Brot. Da er sehr fromm ist, setzt er die Arbeit natürlich während der Gebetstunde aus. Und bei 12 ftündigem, täglichem Ringen um's Dasein verdient er kaum so viel, um mit den Seinen das Leben zu fristen. Gemeinhin bringt er es täglich auf kaum einen Franc, selten aus anderthalb und fast nie aus zwei Francs. Ja, viele Familien müssen auch mit einem Tagelohn von 50- 60 Gent, auskommen. Mit 200 bis 300 Fr. jährlich gilt es, Wohnnngsmiete, Speise und Trank, Kleidung 2C. zu bestreiten, und das in einem Lande, wo die Familien fast durchweg sehr zahlreich sind. Ost hat so ein armer jüdischer Schuster außer zahlreichen Kindern *) Wir in Deutschland finden nur lmitifl Gegenliebe So ist dieser Tage einem in Marien bürg zu gründenden Bürgerhospital (uSdrücklich der konfessionelle e v a n g e l i s ch c Charakter zngesprochcn worden. Red. noch die alten Eltern zu ernähren. Und es geht, weil es eben gehen muß. Natürlich arbeitet die Fräu mit. Mer das geschieht nur im eigenen Hause, niemals auswärts. Für das 'Nähen eines ganzen Anzuges zahlt man ihnen oft nur 20 Gent.! Das gilt besonders von den Uniformen, die sie für das Militär ansertigen. Erfreulich ist die hohe Sittsamkeit dieser Franen. Es kommt nie vor, daß sie sich etwa ans bitterer 9iot wegwerfen. In keinem der zahlreichen Tingeltangel :c. begegnet man einer Jüdin. In einem Lande, wo der Müßigang allgemein geworden, will das etwas sagen. Besonders bemerkenswert ist aber die Thatsache, daß die Juden in Damaskus vorwiegend von ihrer Hände Arbeit leben. Der König von Korea, Li-hui, der heute, Dank dem großartigen Siegen Japans, nicht mehr Vasall des Kaisers von Ehina, sondern ein unabhängiger Fürst ist, hat aus Anraten der japanischen Regierung eine Proklamation erlassen, in der er volle Glaubensfreiheit verkündet. Bisher konnten sich in Korea nur solche Fremde ansiedeln, welche sich von ehren betreffenden Konsuln daselbst die Erlaubnis dazu von der dortigen Regierung verschafft hatten. So kam es, daß in diesem Königreiche, das größer als Italien ist und nahezu zehn Millionen Einwohner hat, nur ein einziger Jude, ein gewisser Jsak Steinbeck, geduldet wurde, und zwar, weil ihm der deutsche Konsul die Erlaubnis dazu erwirkt hatte. Eine solche Erlaubnis ist aber von nun an überflüssig. Dies haben sich schon zwei jüdische Familien, die in einem Dorfe unweit des Baikalsees in Sibirien eine große Spiritusfabrik besaßen, die aber im vorigen Sommer von den russischen Behörden ausgewiesen worden sind und nun den vergangenen Winter in der Hafenstadt Wladiwostock verbracht haben, zu 'Nutze gemacht und sind nach der koreanischen Hafenstadt Gen-zan übergesiedelt, wo ihnen die Behörde ohne weiters gestatteten, ans Land zu gehen. Andere jüd. Familien in Wladiwostok gedenken gleichfalls nach Korea auszuwandern, wo sich ihnen infolge der Eröffnung dieses Landes für den eurnpüischen Handel ein großes und auch reiches Gebiet eröffnet. Kier und dort. — Personalien. Versetzt ist Herr M a s n r von Kiel an die Bne Berith-Gemeinde in Berlin. — Am 27. vor. M. feierte Herr Salomo» Köttner, 2. Kantor der Gemeinde an der Potsdamer Brücke in Berlin, seinen 80. Geburtstag, verbunden mit seinem 50 jährigen Amtsjubiläum. Aus diesem Aulaß wurden dem verdienten Beamten viele Ovationen dargebracht. — Ter Vorstand der Synagoge an der Potsdamer Brücke in Berlin hat den Herrn Alexander Wein bau m zum Chordirigenten des neu gebildeten Synagogenchors ernannt, der am letzten Freitag Abend, zum ersten Male in Thätigkeit trat. - Vor längerer Zeit hat der antisemitische Verlag von F. W. Glöß in Dresden einen politischen Bilderbogen (Nr. 10) veröffentlicht, betitelt „Die Juden in FriedrichSruh", auf dessen Rückseite eine f in gierte antisemitische Rede des Fürsten abgedrnckt war. Dieses Produkt antisemitischen Blödsinns tischt die „Nene bayr. LandeSztg." zu Würzburg ihren Lesern als echt (!) auf unter dem Titel „Tie Inden bei Bismarck" (17. und 10. August). — WaS soll man dazu sagend! — Aus Anlaß der bevorstehenden ernsten Feiertage möchten wir die Aufmerksamkeit unserer Leser. „Laien" wie Fachmänner, auf ein gutes Buch lenken: auf den von Alb. Katz übersetzten und bearbeiteten „wahren Talmndjndcn". DaS Buch ersetzt dem Prediger, der seine Reden, wie es sich gehört, mit talmndischm Zitaten würzt, eine ganze Bibliothek und gewährt jedem Israeliten einen Einblick in die Sittenlehre des von vielen geschmähten und von wenigen gekannten Talmud. Der Verleger' hat ans unser Ersuchen für die Leser unseres Blattes den Preis des Buches um 25"/., herabgesetzt.