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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 580 (sequence 12)
Language
German
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Seite 580. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. — Allgemeines Befremden erregt in Petersburg folgendes Lob, das der erz-antifemitische „Grashdanin" dem kürzlich entschlafenen Erzpriefter Lj aschewitsch in Baranomka, Gouv. Bolhinien spendet: weil der Verstorbene „sich sein ganzes Leben hindurch bemüht hat, alle gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen zu entkräften und die orthodoxe Bevölkerung mit den Inden zu verbrüdern.... Er beeinflußte die orthodoxe Bevölkerung, sich gegen die Judenausweisungen auszusprechen, indem er von der Kanzel herab ans den Nutzen hinwies, welchen die Orthodoxen den ,humanen und wohlthätigen Juden' zu verdanken hatten. Dieser Priester ist kürzlich gestorben, und an seinem Sarge trat die Verbrüderung der Juden mit den Orthodoxen deutlich zu Tage. Alle jüdischen Einwohner von Baranomka gaben dem Verstorbenen das Geleite zu seiner letzten Ruhestätte, und in der Synagoge wurde ein feierlicher Gottesdienst veranstaltet. Ljaschewitsch war ein wahrer Christ und Priester, der auf der Höhe seiner Ausgabe stand. Wollte Gott, daß alle seinem Beispiele folgen, denn nur in der nationalen und religiösen Duldsamkeit liegt das Glück der Völker." — Das Ministerium des Innern hat im Einvernehmen mit der obersten Kriegsverwaltung die Ausweisung der Juden aus W ladiw ostock beschlossen, und es handelt sich jetzt nur um die genaue Festsetzung des Zeitpunktes, an dem die Ausweisung ihren Anfang nehmen soll. Eine Petition, welche die Handelskammer von Wladiwostok um Belastung der Juden in dieser Stadt an das Ministerium des Innern gerichtet hatte, wurde vorn Geheimrat Durnowo an die Kammer zurückgeschickt; die Klagen der orthodoxen Handelswell über die Schäden, welche ihr aus der Ausweisung der Juden erwachsen würden, fanden keine Beachtung. Ebenso wurde der Bericht der Hafenkommission von Wladiwostock über den Aufschwung, welchen der Handel der Stadt seit der Niederlassung der Juden genommen hat, von Durnowo völlig ignoriert. Die Wladimoftoker Handelskammer hat jedoch beschlossen, eine Bittschrift an den Zaren um Belastung der Juden in der Hafenstadt zu richten. Aus den Ausgang dieser Angelegenheit ist man sehr gespannt. — Infolge einer Beschwerde des russischen Tierschutzvereins hat das Ministerium nachstehende Vorschriften bezüglich des Schächtens erlassen: 1) das Vieh muß in der Weise hingelegt werden, daß ihm die beiden Vorderbeine und ein Hinterbein gefesselt und das freie Ende des Strickes angezogen wird; 2) jedes Tier ist sofort, nachdem es hingelegt, zu schlachten und 3) das Tier darf nur, nachdem es vollständig verblutet ist, gehäutet werden. — Da rennt oas russ. Ministerium offene Thüren ein, denn so wird ja überall von den Schüchtern verfahren. - - Die Beschäftigung jüdischer Arbeiter während der Erntezeit kommt bei den russischen (Gutsbesitzern immer mehr in Ausnahme, und beide Teile haben hierbei Grund zu voller Zufriedenheit. Die Berichte über die Verhältnisse der jüdischen Landarbeiter, welche in jüdischen wie nichtjüdischen Blättern von Zeit zu Zeit veröffentlicht werden, konstatieren einmütig das beste Einvernehmen nicht allein zwischen den christlichen Arbeitgebern und ihren jüdischen Arbeitern, sondern auch — was viel mehr besagen will — zwischen den letzteren und ihren nichtjüdischen Kameraden. — Zu der alljährlich in R i sch n i-Ro w g o r o d stattnndenden Messe wurden die Juden bekanntlich infolge einer Fürbitte von zuständiger nicht jüdischer Seite zugelassen. Für das Jahr 1896 ist nun in Rischni-Rowgorod eine allrussische industrielle und landwirtschaftliche Ausstellung anberaumt und da wollten einige Judenfeinde die Ausschließung der Juden von der Teilnahme an dieser Ausstellung durchsetzen. Der Gouvernur von Rischni-Nowgorod berief daher eine Versammlung der orthodoxen Kausleute und Aussteller ein, um über die Zulassung der Juden zur Ausstellung zu beraten. Die Versammlung beschloß in Rücksicht aus das stets korrekte Verhalten der jüdischen Kausleute, einstimmig, die Juden zur Ausstellung zu zu lassen. — Der offizielle „ Astrachanskij Wjestnik" publizierte neulich eine Kundmachung, wonach in Gemäßheit eines Auftrages des Ministeriums des Innern sämtliche Fischhändler im Transkaspigebiete sich schriftlich verpflichtet haben, die bei ihnen im Dienste stehenden Juden binnen vier Wochen zu entlassen. * Zur Eimvanderungsfrage in England. Die Juden Englands beschränken sich nicht, wie aus bem Kontinent irrtümlich geglaubt wird, aus London, sondern bilden mehrere Gemeinden, und neue Gemeinden sind stets im Bilden be griffen. So sind erst jüngst Gemeinden entstanden in Chester, Wrexhanr und Bangor in England, in Armagh, Londonderrp, Dundalk und Waterfort auf Irland, und erst wieviele jüdische Gemeinden umfassen die englischen Kolonien! Allerdings sind es keine großen Gemeinden, denn wo nur wenige Juden zusammenkommen, ist ihr erstes, ein Bethaus zu schaffen, wie die ersten deutschen Kolonisten ein Wirtshaus errichten. In Salisbury in Maschanaland hat sich eine Gemeinde gebildet, die sich nach England um Funktionäre ge wendet hat, und selbst in dem erst seit einem Jahre von England eroberten Matabeleland, in Buluwayo, der Residenz des entthronten Kaffernkönigs Lobengula, haben sich die daselbst befindlichen Juden als Gemeinde konstituiert und den Bau eines Gotteshauses beschlossen. Es bleiben also keineswegs sämtliche russische Juden, die nach England flüchten, in London, so daß von einer jüdischen „Invasion", wie sie die Konservativen in ihrer Agitation gegen die Einwanderung zeichneten, nicht die Rede sein kann. Es war dies allerdings nur ein Wahlmanöver. Zweifellos haben die Konservativen dadurch manche Stimme unter den Arbeitern gewonnen, die von der Einwanderung der Annen eine Herabdrückung der Löhne befürchten. Bei aller Schonung des jüdischen Gefühl--, daß bei der in Rede stehenden Agitation nicht das Wort „Jude" gebraucht, sondern nur im allgemeinen von der Einwanderung „Armer" gesprochen wurde, wann doch nur die Juden darunter gemeint, und wenn ein solches Verbot Gesetzeskraft erlangte, würden in erster und letzter Linie nur die Juden dadurch leiden. Gott sei Dank ist es aber nach den Wahlen wieder still davon geworden, und die ganze Agitation scheint in Sand verlaufen zu sein, um nicht wieder aus die Oberfläche zu kommen, zumal gerade jetzt Veröffentlichungen erscheinen, welche Nachweisen, daß die Industrien, die von den russisch-jüdischen Arbeitern betrieben werden, die Konkurrenz der einheimischen Arbeiter nicht nur nicht tangieren, indem diese Industrien bis jetzt in England ganz und gar nicht oder wenigstens nur in sehr geringem Mayr betrieben wurden, sondern diese russisch-jüdischen Arbeiter noch eine Wohlthat für England sind, das die von ihnen erzeugten Produkte bis jetzt importieren mußte und sich M darin vom Auslande emanzipieren kann. Und so ist zu hoffen, daß die russischen Flüchtlinge auch fernerhin an der Albionsküfte frei ausatmen dürfen.

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