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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 579 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 8H. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 579. kaum überraschende Resultat: Bon 8686 selbständigen Personen der jüdischen Gemeinde .Stölii zahlen 1886, d. i. überein Dritte l, gar keine Einkommensteuer, haben also ein Einkommen unter 900 Warf jährlich. Ein Einkommen von ungesähr 1000 Mark haben 801 Personen, von 1000 bis 8000 Mark haben 1220 Gemeindemitglieder, bis zu 10,000 Mark Einkommen besitzen 548 Personen, 10,000 Mark und darüber haben >rn r 191 Personen. Das Durchschnittseinkommen der jüdischen Einwohner ist also durchaus nicht übermäßig groß und kaum höher, als das der anderen Bürger jener Stadt, und trotzdem die Fabel vom Reichtunr der Juden. * Rabbiner Dr. Wiener ist am vorigen Dienstag in Oppeln bestattet worden. Einige Tageszeitungen hatten berichtet, Dr. Wiener solle infolge einer letztwilligen Verfügung in Gotha verbrannt werden, dem gegenüber erließ der Sohn des verstorbenen folgende Erklärung: „Mein Vater glaubte, als die Feuerbestattung in den jüngsten Jahrzehnten zu größerer Aktualität gelangte und vielfach mit religiösen Gründen bekämpft wurde, in eingehenden Untersuchungen Nachweisen zu sollen, daß in der jüdischen Neligion keine Bedenken gegen die Feuerbestattung gegeben sind. An diesem Standpunkte hat mein Vater sicherlich bis zu seinem Tode festgehalten. Für seine eigene Person hegte er wohl den Wunsch, durch Feuer bestattet zu werden, überließ die Entscheidung aber seiner Familie; denn auch in dieser Frage galt meinem Vater lediglich die Sache." — An der Beerdigung nahmen mehrere Nabbiner teil, die Grabrede aber hielt ein jugendlicher Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Dr. Vogelstein. Es ist bezeichnend für die sogenannten „Reform-" Rabbiner in Deutschland, daß keiner Zeit und — Mut hatte, dem seligen Wiener einen Rachruf am Grabe zu halten . . . * In Offenburg stand dieser Tage vor der Strafkammer der antisemitische Reichstagsabgeordnete Dr. Paul Förster von Berlin unter der Anklage, zum Klassenhaß ansgereizt zu haben; er hat in einer Versammlung zu Helmlingen bei Lichtenan u. a. gesagt: „Die Inden müssen zum Lande hinansgelrieben werden, hinausgeschmissen wolle er nicht sagen, sonst könne er angeklagt werden"; bei Rietz schieße man vierbeinige Wölfe, ebenso müsse man sich gegen die zweibeinige Wölfe, Büren und Löwen wehren". Der Angeklagte war wegen zu weiter Entfernung seines Wohnsitzes vom persönlichen Erscheinen entbunden. Die Frage des Vorsitzenden, ob die Zeugen die Auffassung gehabt hätten, daß die Zuhörer unter dem Eindruck der ‘ angeführten Redensarten Förster's zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden in dortiger Gegend ansgereizt worden wären, wurde verneint. Infolgedessen wurde der Angeklagte freigesprochen. Der Gerichtshof betonte aber im Urteil ausdrücklich, daß Förster in der Helmlinger Rede die äußerste (Grenze des Strafgesetzbuches gestreift habe. * Lehrerkonferenz. Die sechzehnte Generalversammlung des israelitischen Lehrervereins für das Königreich Bayern fand am 29. August in Bamberg statt. Nachdem der Vorstand, Lehrer Goldstein ans Heidingsfeld, die Versammlung eröffnet hatte, begrüßte der Vorstand der Kultnsgemeinde Bamberg, Rechtsanwalt Dr. Werner, in herzlichen Worten die Anwesenden. Dann erstattete Herr Goldstein Bericht über die Thüligkeit des Vereins und schloß mit einem Hoch ans den Prinz-Regenten. Dr. Brannschweiger von Würzburg berichtete über den Stand der Kasse, welche z. ZG 82,88o Mark 50 Psg. rentierendes Vermögen answeist. Die Neuwahl ergab: die Herren Goldstein als Vorstand, Dr. M. Braunschweiger als Kassier, A. Mandelbaum, S. Fränkel von Bamberg, H. Oppenheimer von Leutershausen als Verwaltungsmitglieder. Vortrüge wurden gehalten von den Herren Ehrenreich aus Hirschberg über „Gründung eines allgemeinen deutsch - israelitischen Lehrervereins", Lehrer Hammelburgcr aus Haßfurt über „das Uebersetzen des Pentateuchs in unserer Schule", Ottensoßer aus Burgpreppach über „das Verhalten des Lehrers in Bezug auf die Erfolge in der Schule", woran sich eine Diskufsion knüpfte. Die nächstjährige Versammlung findet in München statt. * t. Aus Oesterreich Ungarn. In der letzten Generalversammlung des A b w e h r - V e r e i n s in W i e n wurde auf Vorschlag des Präsidenten der Beschluß gefaßt, eine Rechtsschutzabteilung zu errichten, die den Zweck hat, die Vertretung allex jener in die Hand zu nehmen, welche durch antisemitische Angriffe an ihrer Ehre oder Sicherheit bedroht werden. Diesen Rechtsschutz sollen selbstverständlich nicht allein jüdische, sondern auch alle jene Mitbürger genießen, die nicht gewillt sind, sich durch den Antisemitismus terrorisieren zu lassen. Drei hervorragende Wiener Advokaten haben sich bereit erklärt, die Vertretung der Rechtsschntzabteilung zu übernehmen. — Eine interessante Meldung kommt ans B u d a p e st. Dem dortigen Magistrate wurde nämlich vom Empfangskomitee der Budapester Lehrerschaft ein Gesuch unter breitet, in dem um die Votierung von 500 fl. gebeten wurde, damit die Mitglieder des Wiener Lehrerhausvereines, welche dieser Tage in der ungarischen Hauptstadt eintrafen, würdig bewirtet werden könnten. In der Magistratssitzung nun, in welcher das in Rede stehende Gesuch verhandelt wurde, erhob sich einer der Magistratsräte und prostierte energisch gegen die Bewilligung des angesuchten Betrages, und zwar mit der Begründung, daß die Wiener Lehrer die antisemitische Bewegung favorisieren und daß es demnach nicht Sache des Budapester Magistrats sein könne, zur Bewirtung prononzierter Antisemiten beizutragen. Dem Gesuche wurde dessenungeachtet Folge gegeben. *i\ Aus Rußland. Ein orthodoxer russischer Publizist schreibt in einem Moskauer Blatte: „Die Judenausweisungen aus den Dörfern und Marktflecken des Taurischen G o u v e r n e m e n t s werden mit Strenge und Unerbittlichkeit fortgesetzt. Jüdische Hausierer, welche zufällig ein Dorf passieren, werden wie Verbrecher angehalten und konunen auf den ,Schub'. Für einen Aufenthalt von wenigen Stunden ini Dorfe, für das Recht, einen Gottesdienst abzuhalten, muß der Jude den Behörden zahlen. Ein junges Judenmädchen kam unlängst in ein Dorf, um ihren alten Vater zu besuchen; das Mädchen wurde aber gleich nach seiner Ankunft verhaftet. Erst nach vielem Bitten eines reichen orthodoxen Kaufmannes wurde dasselbe freigelassen, mußte jedoch gleich nach Simferopol zurückreisen. Das ganze Unglück der 'Juden liegt in dem häufigen Wechsel der Beamten, denn jeder neue Beamte eröffnet seinen Amtsantritt mit der Verfolgung der Juden, ohne dabei Gesetz und Menschlichkeit zu beachten. Nur reine Willkür spricht hier das große Wort, denn diese Peinigerwollen nur - Geld ans den Inden herauspreffen." — Die alte Geschichte!

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