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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · p. Seite 577

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 577 (sequence 9)
Language
German
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Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 577. Nr. 36. „('out", murmelte er zwischen den Zähnen, „gut. Dann, nehmt nur jetzv auch den Lohn aus Euer Gewissen. Damit wandte er sich zum Gehen. „Nein, Jsakowiez, Euer Schn wäre mir schon recht als Eidam; er ist brav und flink und meine Tochter sieht ihn gar gern. Aber Ihr haßt mich! Soll ich das Kind, mein einziges Kind, in die Hand meines Todfeindes liefern? Ihr verlangt sie für Euren Sohn; warum bittet Ihr nicht, Jsakowiez, warum bittet Ihr nicht?" „Ich belüge meinen Feind nicht, Dann", antwortete er stolz und ging ohne Gruß davon. Moschele blickte ihm nach, schüttelte ärgerlich den Kops und blies den Rauch heftiger aus dem Munde. Aus dem offenen Fenster hörte er fein Weib reden und feine Tochter leise weinen, sie standen beide über einer großen grünlackierten Trllhe, aus der blendendes Linnen, ganze Stücke seiner, gebleichter Leinwand Herausblickteil und waren, als die Männer draußen verhandelten, im Begriffe, eines davon kunstgerecht in Stücke zu zerschneiden. Moschele erhob sich, ging zum Fenster und sah seine schlanke, braunäugige Ruth umarmt von der Mutter, die ihr gütig zusprach. Er lächelte den Frauen zu und sprach heiter: „Er wird nachgeben, Ruth, weine nur nicht." Zn diesem Augenblicke hörte er ein lautes Hallohgeschrei, das von Kinderkehlen kam, und bald sah er einen stattlichen Dragoner zu Pferde in die menschenleere Straße einlenken. Bon allen Seiten liefen schmutzige Kinder mit Hellen Freudenrusen herbei, selbst die alte Jachet humpelte herbei, denn die Anwesenheit des Landdragoners im Flecken war feit mehreren Jahren etwas Unerhörtes. Es konnte aus gar nichts Gutes bedeuten, weil der Mann so droheild mit dem glänzenden Säbel rasselte. Erschreckt trat Moschele vom Fenster weg, nicht ohne dasselbe vorher geschlossen zu haben, fuhr rasch in seinen Kaftan und erivartete das Koinmende. Der Dragoner ritt an ihn heran und fragte, indem er seinen martialischen Schnurrbart grimmig strich und Moschele, der das Sammtkäppchen vonl Kops genominen und es demütig' zwischen seinen Fingern drehte, von Kops bis Fuß strenge niaß: „Bist Du der Jude Moises Dann?" „Ja, Herr, der bin ich." „So Hab' ich Dir diese Schrift vom KreiShauptmann zu übergeben; und nun, Jude, die Hitze hat mir die Zunge an den Gaumen geklebt, gieb zu trinken." Moschele hielt das Papier in der Hand und blickte verlegen bald auf dieses, bald auf den Landdragoner, der vom Pferde gesprungen war und sein Roß an die Hnusthüre band. „Geruhe der Herr Landdragoner nur eiuzutreten, im kühlen Zimmer ivird sich noch ein guter Tropfen finden." „Das ist ein Wort, Jude, hol mich der Teufel." Und damit klopfte er Moschele derb aus die Schulter, eine Liebkosung, die dieser mit einem schmerzlichen Lächeln erwiderte. Als sie dann im kleinen Zimmer saßen und der Landdragoner, welcher sich ein Gläschen nach dein andern eingoß, redselig geworden war, entnahm Moschele vorsichtig unter der Tischdecke seinen Geldbeutel ein schweres Silberstück und schob es dem Dragoner sachte hin. Zugleich hob er das kreisamtliche Dokument mit den Fingerspitzen in die Höhe und zwinkerte mit den Augen, als wollte er recht schlau d'reinschauen. „Weiß der Herr, was da drin'n steht?" fragte er. Der Dragoner steckte das Silberstück schmunzelnd ein. „Rein", sagte er, „aber was Wichtiges muß es fein, denn der Herr Kreishauptmann sagte, als er mir's gab, es sei sofort zu besorgen, es sei dringend; und das war schon int März." Moschele entfärbte sich, seine Hand zitterte. „Und kamt der Herr Landdragoner lesen?" „Lesen?" Er machte ein höchst wichtiges Gesicht und begann laut zu gähnen. „Hin, ein wenig, und Du, Jude?" „Ich lese nur Ziffern, Herr. Er öffnete vorsichtig das Schriftstück und reichte dasselbe dem Dragoner hin. Dieser hielt es zuerst seinen Augen ganz nahe, dann entfernte er es recht weit, schließlich brachte er es kopfschüttelnd wieder näher und schmite mit überaus verächtlicher Miene hinein. „Hm, was da zu oberst steht, muß das Wichtigste sein, denn es ist ganz dick geschrieben und noch dazu zweimal unterstrichen, siehst Du." „Und was steht dort, Herr?" fragte Moschele, der sich über den Tisch hinüber beugte und mit weitgeöffneten Augen iits Papier starrte. „Warte nur, Jude, ich Habs bald heraus. Das da, siehst Du, ist ein „Zelt" (Z) und das klebrige" — sein rotes Gesicht verschwand aus einen Augenblick hinter dem Papiere — „und das Ganze," ries er triumphierend, „heißt Zahl 2354. Du hast also 2354 Gulden zu zahlen, verstehst Du?" Moschele sprang aus und riß dem Dragoner das Papier aus der Hand. Wirklich, dort stand das Schreckliche: 2354! „Um Gottes Willen, welches Unglück, welches Unglück," jammerte Moschele, „und wofür das, wofür das viele schöne Geld?" Der Dragoner schlug grimmig aus den Tisch. „Was, Du unterstehst Dich, noch zu raisonnieren? Wofür? Das geht Dich 'nen Teufel an, zahl', ich rat' Dir gut; komm' morgen mit dem Gelde zum Kreishauptmann, er läßt Euch Alle henken, sag' ich Dir, wenn Dn Dich weigerst. Seit dem März wartet er aus das Geld!" „Aber kann ich nichts dagegen thun?", fragte Moschele weinerlich. „'Nichts, als zahlen; denn denke, er wartet seit März", sagte der Dragoner kalt und schaute ihn strenge an. „Vielleicht könntet Ihr etwas für mich richten, Herr, beim Kreishauptmann: es soll mir aus einige Silberstücke nicht ankommen", bat Moschele zerknirscht. „Hm, wollen sehn, Du bist ein guter Kerl, der Gefühl hat für Unsereinen. Aber jetzt muß ich zurück, damit ich noch vor Thorschluß in Krakau bin. Leb' wohl!" Moschele begleitete ihn zur Hausthüre und bald sah er den Dragoner, von der jauchzenden Kindermenge gefolgt von dannen reiten. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne, setzte sich das Sammlkäppchen wieder auf und begab sich ins Zimmer, wo ihn seine Frau angstvoll fragte, was dieser selsame Besuch zu bedeuten hätte. Seine Niedergeschlagenheit machte sie unruhig, und auch Ruth drängte sich an ihn, er aber wehrte sie von sich, ging aufgeregt im Zimmer aus und ab und erzählte bruchstückweise und stöhnend von7dcm kreisamtlichen Befehle. ' (Schluß folgt).

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