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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 576 (sequence 8)
Language
German
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Nr. 30. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 570, während der ganzen Woche mit dem warengefüllten Sacke auf den: Rücken von Dorf zu Dorf zogen, um farbige Tücher, schimmerde Glasperlen und allerhand Kram und Flitter gegen Hafenfelle, Eier und andere 'Naturprodukte einzutaufchen, war er der reichste Mann, befaß — der einzige — ein steinernes Häuschen und dahinter einen allerdings ungepflegten Garten, in welchem die Obstbäume sich ganz mit grünem Moos überzogen hatten und das Gemüse, auch einige Lilien und Sonnenblumen, mit dem wuchernden Unkraut einen unerbittlichen Kampf ums Dasein führten. Moschele Dann war eben ein Oekonom; in früheren Jahren, als er noch selbst ein ruheloses Leben führte, spöttelte man oft über die zärtliche Sorgfalt, die er feinem Weibe angedeihen ließ; feine Verwandten, besonders die weiblichen, stellten ihn zur Rede, inachten ihm harte Vorwürfe darüber. Ja, diese hübsche Frau, die ehemalige Näherin, des Tempeldieners Tochter, durfte daheim der Ruhe pflegen, während alle übrigen Frauen, ihren Männern in dem mühsamen Erwerbe behilflich, handelnd und schachernd durch's Land zogen. Er lachte dazu. Dabei zwinkerte er mit den kleinen, blauen Augen, wodurch fein Gesicht einen geheimnisvollen, schlauen Ausdruck erhielt. Aber kein Mensch merkte dies Geheimnis und jeder wunderte sich, wie das kleine Männchen trotz aller Mühseligkeiten feine lustige Laune nicht verlor, ja daß gerade in Augenblicken des höchsten Unbehagens, wenn Sturm, Gewitter oder strenger Frost sie auf der offenen Landstraße überfielen, fein Gesicht förmlich vor Glück strahlte. Sie hießen ihn einen Narren, denn er störte ihren Trübsinn. Daheim aber merkten sie, daß doch etwas dahinter stecken müsse. Schon aus dem Wege nach ihrem Flecken, welchem sie müde, verdrossen und voller Sorge zueilten , überkam sie eine Scheu vor dem unscheinbaren Moschele, der ruhig, beinahe andächtig, neben ihnen herging, wenig sprach, was sonst seine Art nicht war, und nur vor sich hinlächelte. Wie sonderbar sein Benehmen auch war, sie wagten es nicht mehr, ihn zu verspotten. An der Schwelle seines damals noch ärmlichen Hauses stand er still und reinigte seinen Kaftan vom Straßenkote, dann erst betrat er seine Wohnung, wo ihm sein Weib im Sabbatkleide freundlich entgegenkam, wo sein Töchterchen auf ihn zusprang, an ihm emporkletterte und seine Taschen sorgfältig durchsuchte. Ja, ja, er durste wegsüber schon lustig und närrisch sein, trug er doch das Bewußtsein mit sich, daheim walte ein liebes Wesen, dem er alle Mühsale des Lebens erspare, still und bescheiden, reinige und putze das Stübchen, in welchem er sich am Sabbat so wohl, so behaglich fühlen werde und pflege sein einziges Kind. . . . Zwar feine Frau beschlich zuweilen eine Regung von Neid, wenn sie ihrer einfachen Kleidung wegen zurückaesetzt wurde von den Weibern, die allwöchentlich kostbare Dinge beimbrachten ans Krakau, um am Festtage damit zu prunken und sich gegenseitig zu ärgern, Seidenzeuge, Sammtmüntel, teures Pelzmerk, Brillantschmuck, Korallen und Perlenschnüre; aber Moschele erzählte ihr, wie dieselben stolzen Frauen am Samstag Abend ihre Herrlichkeiten wieder zusammenpacken und nach Krakau schleppen mußten, damit ihnen der Großhändler gegen dieses Pfand wieder für eine Woche Waren leihe, - wie sie, nur sie beneidet werde wegen ihrer gleichmäßigen Lebensweise, ihrer zarten Haut, ihrer weichen, weißen Hände. Das schmeichelte ihr, inehr aber noch, daß gerade ihre Wohnung an Sabbat- Nachmittagen, wenn draußen der Schnee unter den Füßen knirrschte, von den bärtigen Männern so gerne besucht wurde, und daß diese die blankgeschenerte Bank um den marinen Ofen nicht genug loben konnten, weil es sich gar gut sitzen und schwatzen ließe von den Plackereien des Lebens, der Unverträglichkeit und der Verschwendungssucht ihrer Weiber. Das mar wohl schon an fünfzehn Jahre her. Moschele war unterdessen ein reicher Mann geworden; man schätzte ihn auf 10.000 Gulden Schein*) - hatte das Wanderleben ausgegeben und sich daheim ein so großes Warenlager angelegt, daß er für seine früheren Genossen der Großhändler werden konnte, gegen welche Thatsache sich anfangs die Weiber sträubten, weil sie den Gedanken nicht ertrugen, die ehemalige Näherin könne nunmehr alle ihre Kostbarkeiten von Sonntag früh bis zürn Sabbat ungeniert besehen und betasten. Später hatte er begonnen die Leiter der Ehren emporzuklimrnen und jetzt sehen wir ihn als Oberhaupt der Judengemeinde zu Z. . .. In dieser Würde fühlte er sich recht behaglich und genoß auch die Achtung aller Leute, bis auf Einen, dem man dieses Ehrenamt wegen seiner Herrschsucht entzogen hatte. Dieser Eine war der Lehrer Ephraim Jsakowicz, ein langer, hagerer Mensch mit tiefliegenden, funkelnden Augen und magerem, scharfgeschnittenem Gesichte. Er hatte etwas Hastiges an sich in Geberde, Sprache und Gang, eine Unruhe, die ansteckend wirkte. Dieser Mann mar Moscheles Todfeind: er haßte ihn, und zwar nicht deshalb, weil Mofchele reicher und angesehener war, sondern weil er ihn nicht kränken, weil er ihm kein Herzeleid zusügen konnte. Und Jsakowicz war es, der jetzt aus Moschele zukam; er grüßte nicht, sah vielmehr trotzig vor sich hin, und seine Bewegung zuni Weitergeben zeigte, welche Qual es ihm bereitete, stehen zu bleiben. Finster blickend sagte er: „Dann, ich habe mit Euch zu reden, Dann." Moschele zeigte aus die Bank, Jsakowicz sah ihn starr an, setzte sich aber nicht, sondern sprach, während sein Gesicht einen lauernden Zug annahm, hastig weiter: „Tann, mein Sohn will Eure Tochter zum Weibe." „Wollt Ihr? fragte Moschele ruhig. „Nein", schrie Jsakowicz, und seine Hände ballten sich, während seine Zähne das Bernfteinmundstück der Pfeife so heftig bissen, daß es knisternd zerbröckelte. „Nein, Dann, ich will nicht, aber ein Narr wird krank vor Herzweh nach Eurer Ruth — und das ist mein Sohn. Gebt Ihr sie ihm zum Weibe?" „Hm", sagte Moschele, „wenn Ihr nicht wollt, Jsakowicz, so will ich auch nicht." „Warum wollt Ihr nicht?" fuhr Jsakowicz ihn an; „ist mein Sohn weniger wohlgestaltet als Eure Tochter? Kann er nicht Deutsch lesen wie ein Gelehrter und zierlich schreiben wie ein christlicher Gerichtsschreiber? Sagt, Moschele könnt Ihr das? Oder glaubt Ihr, daß er weniger weise ist, weil sein Vater nicht mehr den früheren Reichtum und das frühere Ansehen besitzt? O, Geld giebt noch nicht Verstand!" schloß er bitter. Moschele lächelte: „Aber Verstand erhält es", meinte er. Jsakowicz erbleichte, sein Blick flammte, Moschele hatte ihn gut zu treffen gewußt. *) 4000 Äuldeii öfter. Währg.

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