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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 575 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3fi. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite “>75. „Wann verlassen Sie die Stadls" fragte ich die besorgte Mutter. ,/Nächsten Samstag," antwortete sie. „Warum denn gerade am Sabbat," erlaubte ich mir zu tragen; „warum wollen Sie durch Aus- und Einpacken, durch Auf- und Einräumen sich den Sabbatsriedeu stören?" „Aber, mein Herr," versetzte die Dame, „wie können Sie als ein Mann der Ausklärung mir zumuten, daß ich den Labbat in derselben Weise wie meine Großmutter feiere! Ich trage keine Haube, wie meine selige Großmutter, ich begehe den Sonntag festlich im Kreise meiner Familie. Und da ich nächsten Sonntag bereits die würzige Lust meines Gartens einatmen will, so bin ich genötigt, Samstag von meiner Stadtwohnung mich zu trennen und die kleine Reise aufs Land zu machen." „Und warum nicht Freitag?" erlaubte ich mir weiter zu fragen. „Freitag! um des Himmels willen,,Freitag', wo denken Sie bin? Wer wird Freitag etwas Neues unternehmen und eine Veränderung in seiner Lebensweise treffen! Und was sollten meine christlichen, hochgebildeten Freundinnen sagen, wenn sie hören, daß ich am Freitag aufs Land gezogen bin! Rein, Freitag ist ein ominöser Tag; da laß ich mir kein neues Kleid bringen, da nehme ich keine neue Köchin ins Haus, da gebe ich keine Gesellschaften, da lasse ich alles beim Alten. Nimmer zöge ich Freitags aufs Land. Ach, ich könnte Ihnen von manchem Unangenehmen erzählen, das ich an diesem ,sour fix des Unheils erfahren habe. Rur eine einzige angenehnre Erinnerung meines Lebens knüpft sich an denselben, an einem Freitag nämlich sah mich mein Mann zum ersten Male und verliebte sich in mich." „Nun denn, Madame," erkühnte ich mich zu bemerken, „der Sabbat paßt nicht mehr für die Enkelin einer frommen Großmutter; die Scherl vor dem Freitag aber harnroniert mit der allerneusten Aufklärung." llnd so fuhr unsere aufgeklärte Dame anr nächsten Sabbat, eine niedliche Schachtel voll MesusaS unter dem Arm tragend, nach ihrer eleganten Landwohnnng. — Eine ausgezeichnete Opernsüngerin jüdischen Bekenntnisses lebte der festen Ueberzeugung, daß sie einen Teil ihrer Trirmrphe aus der Bühne einer kleinen „Mesusa" in einer goldenen Kapsel, die sie um ihren Hals oder auch um ihren Arm trug, zu dankerr habe. Die Mesusa war ihr Talisman, der ihrer Stimme den Schmelz, ihren Bewegungen die Grazie, ihrem Spiele die Geschmeidigkeit verlieh. Da geschah es eininal, daß sie beim Umkleiden ihren kleinen, lieben Talisman vermißte. Sie erbleichte, zitterte am ganzen Körper und erklärte unter Schluchzen, daß es ihr unmöglich sei, ihr Spiel an diesem Abend sortzusetzen. „Was fehlt Ihnen denn?" fragte der bestürzte Direktor der Oper, „ich will sofort den Theaterarzt holen lassen." „Ach nein," stammelte die aufgeregte Sängerin, „da hilft kein Arzt, keine Apotheke und keine Medizin: mir fehlt mein Talisman, ohne welchen ich keinen Ton hervorbringen kann." Zum Glücke bemerkte der verzweifelnde Direktor ein kleines Ding aus dem Boden schimmern, hob es auf und zeigte es seiner Primadonna. Ein Schrei der Freude entrang sich ihrer Kehle und im jubelnden Tone rief sie aus: „Das ist meine „Mesusa", und nun werde ich, nachdem ich sie wieder tragen kann, mit verdoppelter Verve meine Rolle fortsetzen" —' und noch nie soll Sophie König so kraft- und klangvoll gesungen haben, wie an diesem Abend, nachdem ihr pergamentener Schntzgeift vor jeder falschen Rote und allen schwankenden Kadenzen sie behütet hatte. — Kurz nach der Publikation des interkonfessionellen Gesetzes in Oesterreich, das den Rück- und Uebertritt zum Judentum gestattet, kam ein alter Mann zu mir mit der Bitte, ihn, nachdem er seit dem Jahre 1848 getauft war, wieder in den Kreis des Judentums zurückzunehmen. Ich knüpfte eine Unterredung mit ihm an, um zu erfahren, was ihn denn zur Taufe veranlaßt habe, und wie er während der Zeit seines Reophptentums gelebt habe. Im Laufe des Gesprächs sagte er mir mit warmer und energischer Betonung: „O, ich habe nie ausgehört, mich als Jude zu fühlen, und habe auch immer eine „Mesusa" bei mir getragen. Hier sehen Sie sie!" „Mein Herr," erwiderte ich ihm, „das ist es eben, worin Sie gefehlt haben; das Judentum trägt man nicht versteckt in der Tasche, sondern wie einen gleichsam vor den Augen der ganzen Welt." Es giebt leider auch viele ungetaufte Juden in unserer Zeit, die ihr jüdisches Glaubensbekenntnis zusammengerollt und verborgen mit sich führen. Auch die Goldarbeiterkunft hat sich der „Mesusa" bemächtigt. Es wird nämlich ans einem kleinen und sehr dünnen Stück Pergament das hebräische Sch'ma-Bekenntnis geschrieben und in eine kleine, zierlich gearbeitete goldene Kapsel gelegt, an deren Spitze ein kleines rundes Vergrößerungsglas, durch welches man die hebräischen Buchstaben leseil kann, angebracht ist. Diese niedlichen „Mesusas", welche als eine Miniatur-Ausgabe des Judentums betrachtet werden, werden an Uhrketten, Armbändern nnd Halsschnüren als Anhängsel getragen, und sind zum Leidwesen vieler Herren und Damen nicht leicht zu bekommen. So erhielt ich einmal ein Schreiben aus Holland, in dem ich gefragt wurde, ob diese auf den kleinsten Maßstab reduzierten „Mesusas" in Wien zu kaufen seien. Ich mußte die Frage verneinen, da hier kein Goldarbeiter zu finden ist, der mit diesem modernen Industriezweig sich beschäftigt. Unsere jüdischen Goldwarenfabrikanten verkaufen wohl Kelche und Kruzifixe, aber keine Mesusas. Vielleicht findet ein Leser dieser Zeilen sich angeregt, diese kleinen niedlichen Symbole eines Judentums, das nur mit Hilfe eines kleinen Mikroskops zu erkenneil ist, tu den Handel zu bringen und so zuin Apostel des inodernen Miniatur-Judentums zu werden. Feuilleton. Ein dringender Erich Von M Au«!/ (Nachdruck verboten.) Es war an einem heißen Sommernachmittage des Jahres 1834. Moschele Dann, ein behäbiges Männlein von vierzig Jahren, saß aus der Bank vor seinem Hause; er hatte die lange Pekesche abgelegt und schaute nun, den Dainpf aus der Pfeife recht behaglich in die Luft blasend, die ungepflafterte staubige Straße hinab, strich mit der fetten, grübchenreichen Hand den Bart oder die kurzen, geölten Stirnlöckchen zurecht und lächelte. Er hatte auch Grund vergnügt 511 sein. Im ganzen Flecken, welcher größtenteils von Juden bewohnt war, die

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