Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- Seite 574 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 574. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. HO. die russische Regierung sich uicht darum kümmert, wohin die „Jüdische Kolonisations - Gesellschaft" des Baron Hirsch die auswandernden Juden dirigiert. Der Leiter der „Jewish Colonisation Association" in Buenos Aires erklärte einem Berichterstatter, daß der Transport jüdischer Einwanderer nach Argentinien thatsächlich suspendiert worden sei, aber nur provisorisch. Baron Hirsch habe beschlossen, die Kolonisation nicht eher weiterzusühren, als bis er von den bereits etablierten Kolonisten gute Resultate sieht. Dabei sieht er aber vollkommeu von den im ersten Jahre der Unternehmung dort angelangten Kolonisten ab, da der größte Teil derselben sich für landwirtschaftliche Arbeiten als ungeeignet erwiesen habe. Er wolle daher zunächst das Resultat der Arbeiten der in den folgenden Jahren nach Argentinien gekommenen Kolonisten sehen, bevor er neue Emigranten schickt. Und bezüglich der in russischen Blättern laut gewordenen Klagen gegen die Kolonieverwaltung erklärt der nämliche Vertreter des Baron Hirsch, daß dieselben lediglich von den „arbeitsscheuen Elementen" ausgehen, während die große Mehrheit der verständigen und arbeitsamen Kolonisten ihrer Dankbarkeit gegen die Unternehmung stets unverhohlenen Ausdruck giebt. Einen objektiveren, dem Nichteingeweihten mehr einleuchtenden Standpunkt nimmt die „La Plata - Post" in Buenos Aires ein. Sie schreibt in ihrer uns vorliegenden Ausgabe vom 1. August u. a.: „Was die hiesigen Judenkolonieen betrifft, so sind uns vielfach dieselben Klagen zu Ohren gekommen, deren das Telegramm der „Prensa" Erwähnung thut, wir haben jedoch so wenig als möglich davon Notiz genommen, weil wir die jüdische Kolonisation des Baron Hirsch immerhin für ein Privatunternehmen halten müssen, welches sich der Kontrolle der Presse entzieht. Nun aber, da die Angelegenheit durch die europäische Presse besprochen wird, und da die im Telegramm enthaltenen Behauptungen der Argentinischen Republik nachteilig werden können, sind wir verpflichtet, ebenfalls Stellung zur Angelegenheit zu nehmen, natürlich in ganz objektiver Weise und mit wenigen Worten: Die Verwaltung der Kolonien des Herrn Baron Hirsch hat von Anfang an große Fehler begangen, so große Fehler, daß sich hier jedermann, welcher die Frage kennt, sehr gewundert hat, daß es dein Herrn Baron Hirsch, einem Geschäftsmanne ersten Ranges, nicht gelungen ist, fähigere Leiter für das Unternehmen zu gewinnen. Jeder mit den einschlägigen Verhältnissen Vertraute weiß es, daß mit den aufgewendeten enormen Summen zehnmal mehr hätte geleistet werden können, als geleistet wurde.' Wenn heute, wie in letzter Zeit verlautet hat, die Kolonieen mehr vorwärts gekommen sind, als die erste Zeit, so ist dies erfreulich, aber es steht doch in keinem Vergleiche zu den aufgewendeten Kapitalien. Als Beweis dafür möge dienen, daß Kolonieen, in welchen kein nennenswertes Kapital aufgewendet werden konnte, weder seitens der Koloniebesitzer noch von feiten der Kolonisten, relativ bedeutend weiter gekommen sind, als die jüdischen Kolonieen und Kolonisten. Am besten wäre es, wenn Herr Baron Hirsch selbst nach hier fommcn und sich persönlich informieren würde; das große Unternehmen wäre dieses Opfers wert. — Wenn die Klagen der jüdischen Kolonisten begründet sind, so sind aus keinen Fall Argentinien, dessen Boden und Klima und dessen Institutionen schuld, sondern einzig und alleiit die Verwaltung und höchstwahrscheinlich auch die — Kolonisten selbst. Im übrigen wissen wir auch, daß An großer Teil der Klagen dieser Kolonisten ziemlich unbegründet ist." Nach diesen teils einseitigen, teils ungenauen Darstellungen ist wohl die Frage gerechtfertigt: Wie steht es um das argentinische Kolonisat i o n s w e r k V * — Der „Jewish Chronicle“ wird aus bester Quelle versichert, daß die Meldung des Warschauer „Slovo", Baron Hirsch habe Anweisung gegeben, die drei Abteilungen jüdischer Auswanderer aus dem Weichseldiftrikt nicht nach Argentinien zu schicken wegen des Mißratens der dortigen Ernte, nicht auf Wahrheit beruhe. Das „Slovo" wußte weiter zu berichten, daß es zu Händeln zwischen den Kolonisten und der vont Baron eingesetzten Verwaltung gekonunen wäre, die schließlich so arg wurden, daß die argentinische Polizei einschreiten mußte, um die Ruhe wiederherzustellen. Die Meldung habe naturgemäß einen unangenehmen Eindruck auf die Organisation der Auswanderung gemacht. Eine Abteilung Auswanderer, welche in kurzem uach Süd- Amerika abgehen wollte, habe sogar infolgedessen den Plan aufgegeben. Zum Glück seien eben die Alarmnachrichten des „Slovo" nicht wahr. Alle in den Gouvernements Grodno und Tauris dieses Jahr zur Auswanderung nach Argentiitien gewählten Juden seien schon von Rußland abgereist; es seien 1250 Seelen. Außerdem seien 54 am vorletzten Montag von Libau abgefahren; in Bälde werden noch 100 Nachfolgen. In diesem Jahre werden keine weiteren Auswanderer ausgesandt werden. Das ist freilich wahr, daß die Weizeuernte nicht nur auf den jüdischen Kolonieen, sondern auch in Argentinien sehr slecht war. Dagegen habe der Mats einen guten Ertrag geliefert und in gewissem Maße die Mißernte des Weizens gut gemacht. Aufruhr habe sich in den jüdischen Kolonien nicht ereignet. Die Polizei brauchte deshalb nicht einzuschreiten. Die Ursula. Aus dem Nachlaß des Oberrabb. Dr. A d. I e l l i n c k. Kein religiöses Symbol des Judentums erfreut sich einer solchen Popularität und Verbreitung, wie jenes kleine zusammengerollte, von einer. Kapsel umschlossene Stück Pergament, welches das israelitische Glaubensbekenntnis in hebräischer Sprache enthält, an den Thüren israelitischer Wohnungen befestigt wird und unter dein Narrten „Mesrrsa" bekannt ist. Besonders sind es die jüdischen Frauen ohne Unterschied des Alters und des Gesichtsausdruckes, welche mit großer Pietät dieses Symbol behnndelu und anbringeu. Dies geschieht nicht immer aus reiner Religiosität, sondern sehr häufig mit einem Anflug von Mystik. Man betrachtet nämlich die Mesusa als eine Art Amulett, dessen Nähe alle Mephistos scheuen und das vor allen Unholden und Unfällen behütet. So traf ich einmal eine jüdische Mutter mit Vorbereitungen beschäftigt, um gegen Ende des Monats Mai vor dem Lärm der Großstadt sich zrr flüchten urrd eine der zahlreichen Sommerfrischen in der Nähe Wiens zu beziehen. „Hier sehen Sie," sprach sie zu mir, „eine große Anzahl ,Mesusassi die ich mit aufs Land nehme. O, ich bin zwar nicht orthodox, aber sehr religiös gestimmt. Wo ich wohne, müssen an allen Thüren meiner Wohnung diese kleinen schönen ,Mesusas* glänzen; ja, an den Thüren der Zimmer, wo meine kleinen Kinder schlafen, sogar zwei, rechts und links."