Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- Seite 573 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 573. planlosen Verhältnisst. Ta kann ihnen ja niemand aus die Finger sehen, wie wenig sie thun, und sie können trotzdem sich in den Nus der Wohlthätigkeit bringen. Natürlich dürfte dem Zentralinstitut niemand auf Grund eines kleinen Jahresbeitrags angehören, es müßte für diesen ein Mindestmaß des Einkommens fixiert fein, ohne nach oben Grenzen zu setzen. Voraussichtlich wird ja das Institut nicht gleich den idealen Charakter haben, den es haben könnte. Schließlich sind alle Einrichtungen Fehlern unterworfen, aber ich sehe gegen die jetzigen Zustände doch überwiegend Vorteile voraus. Die jetzigen Zustände sind eben unhaltbar. Daß es eine Mizwah ist, „einem Eh... r ein Haar auszureißen", sehen leider weder die verschämten Armen — noch die anderen ein. Sie stürzen sich auf die wenigen dieser Geber, und so stehen diese Anforderungen gegenüber, denen weder ihre Kasse noch ihre Arbeitskraft gewachsen ist. Sie sind in der traurigen Lage, so manchen von ihrer Thür weisen zu müssen, ohne das Beivußtsein zu haben, daß die Dpfer, die sie bringen, dem Empsüngcr zunl Heil sind. Auch wenn die Zentralstelle nichts thäte, als Information zu erteilen und so dem einzelnen die Blühe der Erkundigung abzunehmen, würde sie ein nützliches Werk thun. Ein Freund der Armen. Eine irpfträtttnitj). St. Aew Aork, 12. August. Wie verlautet, wird dem Reform-Ansturm, welcher die ganze Basis des Judentums zu vernichten droht, alle Autorität nicht nur dem Talmud und dem Rabbinisinus, .sondern auch der Bibel und dem Mosaischen Kodex abspricht, durch eine Vereinigung von hervorragenden Rabbinern, welche mit Besorgnis den immer mehr um sich greifenden Nihilismus an Kraft gewinnen sehen, entgegentreten. Als vor drei Jahren der jetzige Richter Meyer Sulzberger von Philadelpia bei der Versaminlung der Union jüdischer Gemeinden ein Alarm-Signal blies gegen den pictätsloscn Bildersturm der jungen Reform-Rabbiner, welche ihre Erziehung im Seininar in Cincinnati erhielten, da protestierte der Schöpfer und Tberleiter dieses Instituts gegen die Anmaßung eines Laien, welcher sich erkühnte, das gelahrte Zunftwesen amerikanischen Rabbinertums, wie es durch die Cincinnati'er Schule vertreten ist, anztlgreifen und das leichtsinnige Vorgehen der jungen Heißsporne zu geißeln. Tie Rede des gelehrten Laien wurde auf den Index gesetzt und ihre Veröffentlichung in den Verhandlungsberichten verweigert. Als im vorigen Fahre ein anderer Laie, ebenfalls ein geistreicher Rechtsanwalt, Leo R. Levi, in einer klassischen Rede den versammelten Geistlichen einige sehr harte Nüsse zu knacken gab und sogar insinuierte, daß sie die Frage: „Was ist Judentum V nicht zufriedenstellend zu beantworten vermögen, da brach ebenfalls ein Sturm los, inszeniert von denl greisen Führer der Reform, und alle stinlmten in den Chorus mit ein: ..lieber diese Antworl des Maitbibaten Jobsts (öicichah allgemeines Schütteln des Äopfcs, Der Znspektor sprach zuerst: dem! dem! Darauf die andern seeuudum ordinem." Aber im Publikum machte der mutige Angriff aus das vordringende Heer der Sturm-Kolonne amerikanischer Resorm- Rabbiner einen gewaltigen Eindruck, doch zu einem thatkrästigen Sichausraffen kam es bis jetzt nicht. Als nun aber in der jüngsten Rabbiner-Konferenz zu Rochester die Ehrenstelle dem mutigsten und radikalsten der Radikalen angewiesen wurde und der junge Heeresbann des leitenden Generals Isaak M. Wise den radikalen Ausführungen des gelehrten und beredten Eniil G. Hirsch, Rabbiner und Professor zu Chicago, dem Manne, der «den jüdischen allwöchentlichen Feiertag aus den Sonntag verlegt hat, der die Verlesung des Pentateuchs aus der altehrwürdigen Pergamentrolle abgeschafft hat und blos denr nüchternen Verstände, dein puren Rationalismus das letzte Wort einräumt als allein giltige Autorität, laut zujubelte, da wurde auch nicht das leiseste Protestflüstern gehört. Die Schüler des Dr. Wise natülich schüttelten zustimmend die Köpfe und die wenigen älteren Herren ließen auch nicht das leiseste .Knurren vernehmen. Nun fing es aber doch in den Kreisen der Konservativen etwas zu gruseln an. Wenn der Anspruch des Dr. Wise, daß seine Konferenz in der That das amerikanische Judentum vertritt und das amerikanisch.: Rabbinertum und dessen Aussprüche maßgebend für ganz Israel seien, wahr ist, da wäre der ganzen Vergangenheit Hohn gesprochen und in ganz kurzer Zeit müßte ein solches Judentum, das blos noch den Ravten trägt, aber auch sonst nichts auszuweisen hat, das es vont ethischen Kulturverein oder dem puren Agnostizismus zu unterscheiden vermöchte, verschwinden. Und so wird denn, vorderhand ganz im stillen, der Versuch gemacht, eine amerikanische Landesrabbinertum- Vereinigung zu schaffen, welche dem zerstörungssüchtigcn Treiben der Cineinnatier Schule entgegentritt und der Zentral- Konferenz der amerikanischen Rabbiner, an deren Spitze Dr. Wise steht, den Nimbus zu nehmen, mit welchem sich dieselbe zu umgeben verstand. Tie Bewegung wird mit großer Spannung beobachtet. Wik Acht cs um das iirptinifdif Kalanisatlansmcch? Das ist eine Frage, die jetzt viel ventiliert, aber von nieniand beantwortet werden kann. Während die Zentralleitung sich in Schweigen hüllt, sind die Gegner des argentinischen Kolonisationswerkes auf denk Platze, verbreiten fortgesetzt Gerüchte über das völlige Mißlingen des groß angelegten Projektes, — Gerüchte, die weder bestätigt noch dementiert werden. Ilm die herrschende Unklarheit noch zu steigern, werden Berichte in die politischen Zeitungen lanciert, die einarder widersprechen. So erhielt die argentinische Zeitung „Prensa" am 1. August ein Telegramm aus St. Petersburg des Inhalts, daß die Auswanderung russischer Juden nach Angentinien vollständig suspendiert worden sei, und zwar wegen der sehr ungünstigen Nachrichten, die über den Stand der jüdischen Kolonisation in Argentinien nach Rußland gelangt seien. Die jüdischen Kolonisten sollen sich in Briefen, die sie an ihre Verwandten und Bekannten nach Rußland schicken, beklagen, daß sie unter der schlechten Verwaltung der Kolonieen sehr litten, daß man ihnen die Mittel nicht gebe, sich eine unabhängige Lebensstellung zu verschaffen, inbem man sie für unbestimmte Tauer unter Vormundschaft halte, überhaupt sehr schlecht behandle :c. Infolge dessen, — so meldete das Kabel weiter —, soll sich die russische Regierung entschlossen haben, den Strom der jüdischen Auswanderung nach dem nordanrerikanischen Westen zu lenken. In Parenthese sei bemerkt, daß unseres Wissens