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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 572 (sequence 4)
Language
German
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Seite 572. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. dig — und weit mehr noch, wie weit er ihrer bedürftig ist. Denn die Bedürftigkeit mag dem einzelnen Geber gegenüber vorhanden sein, aber sie ist es nicht, wenigstens nicht in 'dem Grade, sobald der Empfänger eine größere Anzahl Gönner findet, bei denen keiner vom anderen weiß, lassen wir zunächst die Frage unerörtert, welche Wirkung dies aus die Empfänger hat. beider erhält der eine immer nur dasjenige, was der andere nicht erhält. Was man geben will oder geben kann, wird immer nur einen Teil der Forderungen befriedigen, die an uns herantreten. Viele muß man unbefriedigt lassen, und da ist die Gefahr recht groß, daß man den wahrhaft Bedürftigen ziehen läßt, während der gewerbsmäßige Bettler eine Gabe erhält. Dies wird sogar die Regel sein. Dein: der geschäftsmäßige Bettler hat ja gerade als solcher einen viel besseren Ueberblick über die Stellen, an denen voraussichtlich eine Gabe zu erwarten ist, und er nutzt diese Kenntnis planmäßig aus. Wenn dann der verschämte Arme kommt, so ist für diesen nicht viel mehr übrig. Daß niemand zu feinem Vergnügen bettelt, ist eine Halbwahrheit. Es hat Bettler gegeben, die mit einem hübschen Vermögen gestorben sind. Das sind allerdings Ausnahmen. Sicher ist aber, daß es viele Bettler giebt, die durchaus in der Lage wären, sich zu ernähren, und es auch thuu würden, wenn der Erwerb durch Betteln nicht ebensoviel auf leichtere Weise eiubrächte. Es giebt förmliche Großbetriebe im Betteln. Allerdings besonders in Galizien und Palästina. Als sechshundert Notabeln Deutschlands den bekannten Aufruf gegen den Antisemitismus erließen, erhielten sie sämtlich binnen ein paar Tagen je einen Bettelbrief von einem angeblich hundertjährigen Greis aus Borczow und einem angeblich aus Rußland vertriebenen Rabbiner aus Skala. Das fetzt eine Organisation und Schreibkräfte voraus, wie sie nur Welthäuser zur Verfügung haben. Allein das Porto machte für jeden Absender in der einen Woche für diese Spezialkollekte 50 Mk. aus. In Berlin besteht zwar kein derartiger Großbetrieb, aber eine mittelbare Organisation durch Nachweisebureaus. Diese machen gegen Bezahlung Personen namhaft, bei denen Gesuche Aussicht auf Erfolg haben. Schreiber dieses hat von dem Wirken dieser Organisation sich aus eigener Erfahrung überzeugen können. — Er hatte mit der Gemeinde ein Abkommen getroffen, wonach er dieser gegen Zahlung eines Jahresbeitrags bei ihm eingehende Gesuche zur Erledigung überweisen durfte. Er bat seither oft noch einen: Bedürftigen helfen können, aber die gewerbsmäßigen Schnorrer blieben fern. Als aber von neuem einer dieser Erwerbsleute mit Erfolg sein Glück versucht hatte, war binnen einer Woche wieder ein halbes Dutzend solcher Petenten zur Stelle. Das ist ein zwingender Beweis dafür, daß planmäßig gearbeitet wird. Diesem Uebel kann der einzelne nicht abhelfen. Die großen Anforderungen, die heutzutage der Beruf an jedermann stellt, die Schwierigkeit, in ber großen Stadt sich über einen Petenten zu unterrichten, müssen zum planlosen Almosengeben führen. Das ist im Interesse der Empfänger im höchsten Maße zu beklagen. Tie unglücklichen Folgen, die dieses System des Almosengebens zum Beispiel in Palästina gehabt hat, sind bekannt. Millionen sind dorthin gesendet morden — und die Folgen! Die dortige jüdische Bevölkerung wurde die ärmste der Welt; kein einziges lebensfähiges Institut, das dauernde,: Stutzen hätte bieten können, wurde nüt dem reichlich gespendeten Gelde geschaffen. In ähnlicher Weise wirkt das Almosengebeu auch bei uns; aus einem Menschen, der sich in augenblicklicher Notlage befand, wird allmählich ein Mensch, der sich gewöhnt, auf fremde Kosten zu leben. In trauriger Weise war das bei russischen Emigranten zu finden. Viele von ihnen haben verstanden, sich aus neuem Boden Unabhängigkeit zu schaffen. Viele haben es aber zu natürlich gefunden, auf fremde Kosten zu reisen. Vor kurzen: stellte sich den: Schreiber dieses ein Mann vor, der mit seiner Familie vor zwei Jahren aus Kosten eines Komitees nach Amerika befördert worden war. Der Transport erforderte einige hundert Mark. Der Mann kam zurück, weil ihm die geistige Atmosphäre Amerikas nicht zusagte. In dasselbe Gebiet gehört es, daß Stipendien von den Empfängern so selten zurückgezahlt werden, trotzdein manche von ihnen es zu sorgenlosem Leben und zu Wohlstand bringen. Die Stipendien gelten eben für natürlich. Unzweifelhaft liegt ein großartiger Gedanke in der jüdischen Idee, daß der Arme gewissermaßen ein Recht auf Unterstützung hat. Zur segensreichen Ausführung setzte sie aber die Planmäßigkeit im jüdischen Staate voraus. Später bot das enge Zusammenleben in den: kleinen jüdischen Kreise eine gewisse Kontrole. Es ist klar, daß eine zentralisierte Wohlthätigkeit den Gefahren des Mißbrauchs viel weniger ausgesetzt ist. Mit einem Arbeitsnachweis verbunden, kann sie durch Verschaffen von Arbeit helfen, durch Werkstütteu und Arbeiterkolonien kann erzielt werden, daß die Gabe nicht ein Geschenk, sondern ein Lohn der Arbeit ist. Wenn es zwei Länder giebt, von denen wir gerade das Geben lernen können, das freudige Geben mit vollen Händen, so sind diese Länder England und Amerika. Und gerade in den Ländern der Philanthropie ist die Zentralisation au: weitesten gediehen. Sie erinöglicht es eben, qualitativ wie quantitativ mehr zu leisten. Und damit ist die Frage auch vom Standpunkte des Gebers gelöst. — Für diesen kommt noch folgendes in Betracht: Der einzelne Geber :vird auch bei der Zentralisation in der Lage sein, Maßer zu geben. Abgesehen von seinem Beitrage an Institute.und die Zentralstelle bleiben für näher stehende Personen, deren Verhältnisse man kennt, für Mündel, arme Verwandte rc. noch genug Liebeswerke zu thun. Und augenscheinlich kann hier um so ergiebiger geholfen werden, je weuiger inan auf der anderen Seite von gewerbsmäßigen Bettlern in Kontribution gesetzt wird. Die Zentralstelle wird aber erweiterte Gelegenheit zu Liebeswerken geben. Sie ist nicht etwa so zu denken, daß ein Sekretär bureaukratisch und mit bedrucktem Schema eingehende Gesuche erledigt, vielmehr mit einem großen Stab freiwilliger Hilfskräfte in Kommissionen. Aehnlich — hoffentlich noch in erweitertem Maßstabe — wie im Londoner Board of Guardians, mit einem Sammelkomitee, einem Ausschuß für Werkstätten, Wohnungsausschuß, Besuchsausschuß rc. Der Besuchsausschuß z. B. wird gerade die Möglichkeit geben, die verschämten Armen herauszufinden, während andere sich schon selber melden. Wird derjenige, der schon selbst gern giebt, also nachher ebenso wie jetzt die Freude haben, geben zu können, mit dem Bewußtsein, daß er nützlicher giebt, als er es ohne Organisation könnte, so liegt in einer solchen vielmehr die Möglichkeit, unwillige Geber heranzuziehen. Wenn man die Zuschrift in Ihrer Zeitung liest, sollte man beinahe glauben, daß der Ruf uach Zentralisation von denen ausgehe, die ungern geben. Das Gegenteil ist der Fall! Die Engherzigen, die auf das Urteil ihrer Nebenmenschen etwas geben, können sich ja keinen besseren Zustand wünschen, als die jetzigen

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