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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 571 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 571. Berufe; sie überwanden die grünten Schmierigkeiten, welche ihnen von den damaligen Finsterlingen bereitet wurden. Auch dem Gottesdienste widmeten sie ihre Thätigkeit; Ordnung trat an die Stelle der Unordnung, und heute haben wir in Nheinland und Westfalen wohl nur noch wenige Gemeinden, in denen nicht ein erbauender, geregelter Gottesdienst mit Eborgefang und deutschen Vortragen abgehalten wird. In den meisten Gemeinden bestehen Elementarschulen, und wo das Bedürfnis zu solchen nicht vorhanden, Religionsschulen, die von seminaristisch gebildeten Lehrern geleitet werden. Während vor fünfzig Jahren die nach dein Barmizwah aus dem Cheder entlassenen Knaben sich ausschließlich dem Handel widmeten, treten jetzt die mit guter Elementarbildung ausgestatteten Knaben, und auch nicht selten die Mädchen, in höhere Schulen ein, sie widmen sich den verschiedensten Berusszweigen, indem sie als Lehrlinge in Geschäfte oder Handwerksstätten eintreten. Die deutsche Sprache ist Umgangssprache geworden, unsere wohlunterrichtete Jugend ist in allen Vereinen gern gesehen, sie nimmt teil an allen Bestrebungen. Die augenblickliche antisemitische Strömung möchte dem einen Damm entgegensetzen; aber es wird ihr trotz aller Verleumdttngen und aller Hetzereien nicht gelingen. Die jüdische Bildung tritt ihr entgegen, und wiederum sind es unsere wackeren Lehrer, die es verstehen, dem antisemitischen Agitator und Hetzer in Versammlungen zu begegnen. So in verschiedenster Weise haben unsere Lehrer und Kultusbeamten feit mehr denn 50 Jahren segensreich in ihren Gemeinden gewirkt, und diesen Männern, die in ihren: Wirken alt und dienstunfähig geworden, sollten wir uns nicht dankbar erweisen?! Wir sollten sie in ihrem Alter verkommen und der öffentlichen Wohlthätigkeit anheiinfallen lassen! Wir geben zu, daß, wo dies geschieht, nicht immer der gute Wille fehlt; manche kleine Gemeinde ist nicht in der Lage, den dienstunfähig gewordenen Lehrer zu pensionieren und dazu einen 'Neuaugestellten zu besolden. Müssen doch schon übergroße Dpfer gebracht werden, um das, wenn auch kleine Gehalt auszubringen. Aber der Willkür muß ein Riegel vorgeschoben werden. Nicht darf ein Lehrer gegen seinen Willen entlassen werden, so lange er noch zu wirken imstande ist. Und wo eine Entlassung wegen Dienstunfähigkeit notwendig wird, muß eine Pensionierung erfolgen/ sei es durch die Gemeinde, oder, wo diese dazu nicht imstande, durch einer: Fond, der von der Gesamtheit aufgebracht werden muß. Dem gemachten Vorschläge „Schließet die Seminarien .'c." können wir nicht zustimmen, so gut er auch gemeint sein mag. Es hieße, das Kind mit dem Bade ausschütten. Erhalten ivir unsere Seminarien, sorgen wir dafür, daß tüchtige Lehrer ausgebildet werden; erachten mir es aber auch als Ehrenpflicht, diesen eine gesicherte Existenz, eine sorgenfreie Zukunft zu bereiten. Wie dies zu ermöglichen, darüber wäre ein Meinungsaustausch sehr erwünscht.^ Wir ivollen unsere Ansicht schon heute aussprechen in der Hoffnung, dadurch andere zur Aeußerung zu veranlassen. Die Deffentlichkeitserklärung der jüdischen Schule muß zunächst überall angestrebt werden, ebenso sehr im Interesse der Getneinden als der Lehrer, da der Staat nur den öffentlichen Schulen einen Zuschuß gewährt. Wo aber die Qeffentlichkeit nicht zu erreichen, entweder weil die Zahl der schulpflichtigen Kinder eine zu geringe, oder weil die Gemeinde zn schwach ist, um für die Dauer den Bestand der Schule Nachweisen zu können, da muß ein Pensionsfond geschaffen werden. Der Anfang hierzu ist ja _ bereits geinacht. Die Unterstützungskasse des Rheinisch-Westfälischen Lehrervereins verfügt über einen Fond von circa KOOOO Mark, wie wir dem Jahresberichte entnehmen. Leider findet dies wohlthätige Institut noch immer nicht die ihm gebührende Beachtung und Unterstützung. Die Zahl der Anspruchberechtigten beträgt nach dem Jahresberichte in: laufenden Jahre 101 und der Unterstützungsteil 4K Mark. Wie wir hören, kornmen verschiedene Familien mit zusammen 40 Anteilen im nächsten Jahre hinzu, so daß voraussichtlich __ die geringen Unterstützungen bedeutend herabgesetzt werdet: müssen, wenn nicht vor Jahresschluß der Kasse größere Gaben zufließen sollten. Soll die Kasse dauernd leistungsfähig fein, so ritüssei: die Gemeinden einen festen Jahresbeitrag für dieselbe auf ihren Etat übernehmen. Betrüge dieser auch nur durchschnittlich 50 Mark, so würde das genügen. Wo eine Gemeinde ein Gehalt von 900—1000 Mark aufbringt, wird sie durch eine Mehrausgabe von jährlich 50 Mk. nicht überbürdet werden. Es sollen aber nicht nur die Gemeinden, sondern auch die Lehrer herangezogen werden. Diese müssen bei ihrem Aintsantritte verpflichtet werden, der Kasse beizutretcn. Daß von den 200 Lehrern, die in Rheinland und Westfalen amtieren, kaum ein Drittel der Unterstützungskasse angehören, ist ebenso beklagenswert wie der Umstand, daß nur wenige Gemeinden feste Beiträge für dieselbe zahlen. Durch eine regere Beteiligung sowohl seitens der Lehrer als der Getneinden nrüßte die Unterstützungskasse bald über einen, ausreichenden Fond verfügen. Dies unsere Ansicht. — g. Abermals: Die KonMittinig der Wohlthiitigbrit i» Kerlm/j Sehr geehrter Herr Redakteur! Die letzte Nummer Ihres Blattes enthält abermals eine Zuschrift gegen die Zentralisation des Wohlthätigkeit. Bei der Wichtigkeit der Frage, die zudem mit keiner Parteirichtung zufammenhängt, werden Sie, hoffe ich, auch einer abweichenden Zuschrift Raum geben. «Das thun wir immer! Red.) Die Wohlthätigkeit soll nur die Interessen der Empfänger im Auge haben. Sb sie dem Geber Freude macht, ist augenscheinlich eine Frage zweiten Ranges, und diese Freude wird sich naturgemäß danach richten inüssen, durch welche Art des Gebens die größte Wohlthat erwiesen wird. — Die Hauptfrage stellt sich demgemäß dahin: Wie wird den Armen am besten geholfen? Das ist eine Frage der Quantität und der Qualität. Es n:uß soviel gegeben werden, daß möglichst genug gegeben wird. Und in der Art, daß damit der größte Nutzen für den Empfänger gestiftet wird. Es steht außer Zweifel, daß nicht soviel gegeben wird, wie erforderlich ist, um allen vorhandenen Bedürfnissen zu genügen. Es ist daher wünschenswert, daß die Gaben eine möglichst gerechte Verteilung erfahren. Infolge der Thatsache, daß die große Mehrzahl der Inder: in großen Städten lebt, ist das für den Geber schwer zu beurteilen. Es handelt sich in der Diskussion außerdem zunächst um Berlin, wo dieser Uebelstand in besonderem Maße vorhanden ist. Hier sind die Verhältnisse nicht so leicht zu übersehen; es ist sehr schwer festzustellen, wie weit der Empfänger einer Gabe wür- *) Wir behalten uns eine Erwiderung vor.

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