Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- Seite 565 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 565. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. die Ursache der günstigen VermögenSverhältnifse der Inden in unlauteren Quellen zu suchen; ich weiß eS wohl, daß dessen Ursache in ihrer Mäßigkeit, Sparsamkeit nnd unermüdlichen Thätigkeit zu suchen ist. Es wäre zu wünschen, daß die ganze Nation diese Wohlstand sördernden Prinzipien von den Juden erlernen mögen." — Trifft auch auf andere Länder zu. — In Abauj-Szanto war jüngst beinahe ein „Ritualmord" fabriziert worden. Dem Schuster Josef Qroß war ein fünfjähriger Knabe spurlos verschwunden. Von Böswilligen „belehrt" und animiert, lief nun der verzweifelte Vater wie ein Wahnsinniger durch die Straßen und rief: „Juden! Ihr habt mein Kind umgebracht oder eingesperrt, um sein Blut abzuzapfen. Gebt es mir heraus, fonft bringen wir Euch alle um!" Nachmittags um 6 Uhr, als die Haltung der christlichen Ortsbewohner schon einen sehr bedrohlichen Charakter annahm, erschien der Vater plötzlich wieder — mit seinem verlorenen Sohn auf dem Arme. Der Knabe war bei einer armen Bäuerin in dem eine Stunde entfernten Städtchen Tallpa gewesen. Da er ganz allein ohne Aufficht zu Hause gelassen war, ging er vor Langweile oder Hunger aufs Feld hinaus, um seine Mutter zu suchen; er verirrte sich aber auf den Weg nach Tallya, wo er ermüdet vor dem Städtchen auf einem Steinhaufen sich niedersetzte und bitterlich zu weinen anfing. Eine arme Frau erbarmte sich seiner, nahm ihn zu sich und gab ihm zu essen. Dort verbrachte er auch die Nacht. Die Freude des Vaters war natürlich groß; das mit Sensen und Schaufeln bewaffnete Volk zerstreute sich beschämt schnell nach allen Seiten. — IVlortara redivivus. Einem Manne namens Nathan Gans im Zamoscer Bezirke (Russisch-Polen) ist vor sechs Monaten seine neunjährige Tochter plötzlich verschnmnden. Er erfuhr vor kurzem, daß sie Bauern über die Grenze nach Lezajsk in Galizien gebracht haben. Dorthin begab sich nun Gans, nachdem er alle seine Habseligkeiten verkauft hatte, am 1. d. M., und bald nach seiner Ankunft erhielt er Kenntnis davon, daß feine Tochter beim Kirchendiener Gedula erzogen werde. Zwei junge Leute gingen auf Ersuchen des Herrn Gans in die Wohnung Gedulas und wollten das Kind abholen. Frau Gedula lief abermals sie ihrer ansichtig wurde, mit denn Kinde davon. Es wurde nun die Anzeige an die Gendarmerie erstattet, worauf der Kirchendiener folgendes Geständnis ablegte: Er wisse wohl, daß das Kind in Nußland geboren und jüdischer Abstammung sei. Der Doinherr habe es ihm zur Erziehung anvertraut, und ohne-dessen Erlaubnis hätte er es niemanden übergeben können, da er sonst seines Postens verlustig geworden wäre. Im übrigen sei das Kind bereits getauft. Aus Besorgnis, er könnte zur Auslieferung des Mädchens gezwungen werden, schickte es Gedula dem Domherrn zurück, bei welchem es sich bis jetzt befindet. Alle Bemühungen, den geistlichen Herrn zu bewegen, er möchte die Kleine ihrem Vater wieder übergeben, waren fruchtlos; auch die Intervention des Bezirksrichters in Lezajsk half nichts. 'Nathan Gans, der durch ein halbes Jahr kein Geschäft betrieben und nur feine Tochter gesucht hat, ist infolgedessen auch gänzlich verarmt, und in Rzeszow, wo er sich derzeit aufhält, wird zu feinen Gunsten eine Kollekte veranstaltet. — In Dukla (Galizien) soll aus den Mitteln der Baron Hirsch-Stiftung eine Volksschule für die armen jüdischen Kinder errichtet werden. Die Ehaßidim lehnen sich gegen das ungeheuerliche Beginnen, Licht in die galizische Fii:sternis zu tragen, auf und verbreiten ein int unverfälschten Jargon abgefaßtes Flugblatt folgenden Inhalts: „Jüdische Kinder, erbarmt ench eurer beiligen Seelen, bie_ ihr zur Welt gebracht habt. Lasset euch nicht bereden von den Menschen mit ihrem Schreiben von der Stiftung von den Baron Hirsch- Schulen. Ihr sollt bei Leibe nicht lassen die Kinder einschreiben, sie sollen bei Leibe nicht in diese Schule gehen. Tenn es ist bei den Frommen und Gottesfürchtige« bekannt, daß die Kinder werden abtreten von der ganzen Thora. Und anfangs führen sie „jüdischlich", damit sie sollen „nebbich" die heiligen Schafe hercinziehen. Daher sehet euch vor und hütet euch nnd glaubet an die Zaddikim und Gottesfürtigen, sowie geschrieben steht: Und sie glaubten an Gott und au seinen Diener Moses, und die Reinheit unserer Väter Abraham. Isaak und Jakob soll uns bestehen, daß wir beileibe nicht von den Händen des Satan ergriffen werden mit allem guten." Dnkla, am Freitag des Wochenabschnittes. .Und du sollst kein Greuel bringen in dein Hans-'!! Dieses sind die Worte der Schreiber für das Gebot!! Und so weiter. Dieser Aufruf, der, nebenbei bemerkt, nicht vereinzelt dasteht, sondern ein Muster von unzähligen gleicher Art ist, spricht deutlich genug, nnd jeder Kommentar würde seine vielberedte Sprache nur abschmüchen. llnd da wagt man zil behaupten, die Stiftungsschulen in Galizien seien überflüssig! *St. Aus Amerika. Rabbiner Dr. Krauskopf von Philadelphia, welcher in jüngster Zeit eine ausgedehnte Tour durch deil Westeit Amerika's machte, um Propaganda für eine Muster-Agrikulturschule, die er in der Nähe Philadelphia's zu errichten beabsichtigt, ist von seiner Reise zurückgekehrt, und zwar mit ausgezeichnetein Erfolg für fein Nnternehmen. Außer den 500 Doll., die er sammelte, sind ihm ermunternde Zusagen und Versprechen geinacht worden, so daß er in der allernächsten Zukunft an die Verwirklichung seines Planes gehen wird. Dr. Krauskopf erklärte einem Berichterstatter, daß er sofort nach einem geeigneten Landkomplex sich umsehen werde, wo bereits einfache Gebäude vorhanden sind, so daß es vorerst keine Baulichkeiten in Angriff zu nehmen hat. Die Kinder, welche sich die Vorteile dieser Ackerbauschule zu Nutzen ziehen wollen, werden vorerst den Waisenhäusern zu entnehmen sein. So wie das Seminar junge Leute für den Beruf heranzieht, Führer von Gemeinden zu werden, so sollen in feiner Schule Sachverständige erzogen werden, welche imstande sein werden, die Errichtung von ackerbautreibenden Kolonien zu leiten. Herr Dr. Krauskopf sieht mit Zuversicht einem durchschlagenden Erfolg entgegen. — Ein Komitee ist seitens des Tempels E manu-El in New-Pork anläßlich der im April stattgefundenen Jubiläumsfeier ernannt worden, welches Vorschläge machen soll betreffs Schaffung einer bleibenden Erinnerung an diese Gedenkfeier. Die Ansichten innerhalb dieses Komitees über den Charakter der Stiftung scheinen geteilt. Ein Teil glaubt, daß die Erbauung einer Kapelle auf dem an den Tempel angrenzenden freien Bauplatz ein geeigneteres Monument wäre. Diese Kapelle sollte zur Abhaltung von Begräbnis-Feierlichkeiten, Versammlungen, welche einen religiösen und gemeinnützigen Zweck haben, benützt werden, worin auch eine Religionsfchule für die Erziehung armer Eltern plaziert werden könnte. Andere sind der Ansicht, daß damit für die Förderung des religiösen Gedankens wenig geleistet wäre. Viel würdiger wäre es, meinen die letzteren, ein in einfachem Stile gebautes Gebethaus auf der Ostseite der Stadt zu errichten und dort einen tüchtigen Rabbiner und Prediger zu unterhalteil, welcher den Reform-Gedanken von gemüßigter Tragweite dort zum Ausdruck brächte und dadurch auf die