Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- Seite 564 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 85. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 564. dieselbe so sämtlichen Gemeindevorständen vermitteln. Ich Zweifle nicht, daß dies geschehen wird; handelt es sich ja um ein Werk der Bruder- und Menschenliebe, wie cs förderungswürdiger kaum gedacht werden kann. Dr. Arnold Tobias-Berlin. - -Auf nach Aegypten! ist die neueste Lösung der Judenfrage, wie sie der Text zum 17. politischen'Bilderbogen (Glöß in Dresden) enthält. Nach Aegypten sollen die Juden abgcschoben werden! Der Passus ist zu kurios, als daß wir ihn unfern'Lesern vorenthalten dürfen. Er lautet: „Wie verhält sich das heutige Aegypten zu der mosaischen Verlleißung? Man kann darauf antworten, oaß die Inden ebenso bequem, wie sie in Deutschland auf Schiffe zu laden sind, in Aegnptcn heute abgeladcn werden könnten. Niemals wenigstens hat Aegypten einen so schwachen Nationalwillen gehabt, wie setzt; es giebt dort keine Regierung, die sich einer Einfuhr von Inden ernstlich widcrsevcn kann; im Gegenteil scheine Aegypten heute das einzige Land, dem durch Juden geholfen werden könnte. England sucht bekanntlich auf die drückendste Weise seine Kapitalien ans dem besetzten Lande hcranszuwirtschasten; das englische Kabinet stellt augenblicklich mit Frankreich in Unterhandlung darüber, wie die ägyptische Frage am besten zu lösen sei! Wie wäre es nun, wenn Deutschland, Oesterreich, Italien und Rußland, die alle an einer Iudenfrage zu leiden haben, an diesen englisch-französischen Verhandlungen teil nähmen und den Khedive zur Abtretung gewisser Landstriche an die ausgewiesene Zudciischaft bestimmten? Ter millionenschwere Türkenhirsch, der milliardenschwere Rothschild, die Bleichrödcr, Erlanger, Ephrussi, Warschauer und wie die reichen Hebräer alle heißen mögen, müßten dafür alle europäischen Schuldtitels Aegyptens mit barem Gelde ablösen; auf diese Weise könnte man vier Fliegen ans einmal klappen: Europa wäre seine Asiaten, die Inden, Aegnptcn seine Europäer, die Engländer, der Khedive seine Schulden und die paar ehrlich-orthodoxen Inden auch den letzten Zweifel darüber los, ob ihre alte mosaische Prophezcihnng auch wirklich in Erfüllung geht! Wer's nicht glaubt, zahlt einen Thalcr," heißt es in einem Grimm'schen Märchen. — Lehrerbund. Wie in der vorigen Rümmer kurz berichtet, wird der Geincindebund die Delegierten der deutschisraelitischen Lehrer-Vereine ans den 7. und 8. Oktober nach Berlin einladen zum Zwecke der Gründung eines Lehrerbundes. Die Einladungsschreiben sind mittlerweile an die Vorstände der resp. Vereine versandt worden. Für die konstituierende Versaminlung hat der Ausschuß des Gemeindcbundes folgende Bestimmungen normiert: t. Diejenigen Vereine, welchen wenigstens 20 staatlich geprüfte Lehrer angehören, und berechtigt, einen Delegierten zu entsenden. 2. Diejenigen Vereine, welchen m c h r a l s 50 staatlich g c p r ü f t c Lehrer angehörcn, sind berechtigt zwei Delegierte zu entsenden. 0. Diejenigen Vereine, welche unter ihren Mitgliedern w c n i g e r als 20 staatlich geprüfte Lehrer zählen, sind berechtigt, sich mit einander zur Entsendung eines genieinschastlichcn Vertreters in der Weise zu verbinden, daß bte verbundenen Vereine z n s a m m e n m i n d c st e n s 20 st a a t l i ch g e p r ü f t e Le h r c r zu Mitgliedern haben. 4. Tie zugclassencn Delegierten erhalten aus der Kasse des DenOch- Zsreaclitischen Gemeindebnndes 2H M a r k a l s Z e h r u n g sk o st c ii n n d E r st a t t n n g f ü r e i n e R ü ck f a h r t k a r t e III. K lass c von ihrem Wohnort nach Berlin. 5. Ter Beratung über die Satzungen des zu begründenden Bundes werden die im Februar 1805 vom D.-Z. G.-B. veröffentlichten Leitsätze zn Grunde gelegt. 0. Durch diese Bestimmungen, insbesondere unter 1 »nd 2, loll der zukünftigen Gestaltung des Bundes nicht präjndiziert werden. Die Vorstände der Vereine werden alsdann anfgefordert, bis zum 1. Oktober die mit dem 'Namen des oder der Delegierten ausgestellte beigesügte Beglaubigung an das Bureau des D.-J. G.-B. zu übersenden und ein Verzeichnis der dem Verein angehörenden staatlich geprüften Lehrer beizusügen. Wir bedauern konstatieren zu müssen, daß die Bestiulmungen unter 1 und 2 nicht den Erwartungen entsprechen, die an die konstituierende Versammlung geknüpft wurden. Mehrere, wir glauben sogar die meisten Vereine haben beschlossen, in der wichtigen Einigungsfrage einen Unterschied zwischen staatlich und sonstwie geprüften (Religions-) Lehrern nicht geltend zu machen, diesem Beschlüsse gemäß sind auch die Delegierten gewählt worden. Nun kommen die gen. Bestimmungen und anullieren von vornherein die Mandate verschiedener Delegierter. Durch die Bestimmung unter 6. werden die beiden ersten nicht p realisiert. * Todesfälle. Am 25. dieses Monats ist Tr. Aron Wien er, Rabbiner in Oppeln, 84 Jahre alt gestorben. Dr. Wiener war einer der ehrlichsten, einer der gelehrtesten, einer der radikalsten und einer oer frömmsten unter den deutschen Rabbinern alt-fortschrittlichen Schlages. Das ist allen bekannt, das wird von allen versichert, die den Entschlafenen gekannt haben. — Acht Tage vor ihm starb Rabb. Dr. Hoffmann in Reustcttin, ein eifriger Anhänger der orthodoxen Richtung und ob seines geraden Eharakters in den Kreisen seiner Bekannten und Kollegen sehr geschätzt. Ehre ihrem Andenken! * Gegen das neue Gebetbuch, das Rabb. Dr. Vogelstein in Stettin int Aufträge des Westfälischen Gemeindeverbandes zusammengestellt -hat, hat ein Herr A. Levertoff in Höxter Gutachten von konservativen resp. orthodoxen Rabbinern eingefordert. Herr L. erhielt daraufhin 50 Gutachten und zwar, wie er sagt, fast sämtlich mit der ausdrücklichen Betonung, daß dieses Gebetbuch verschiedene Grundwahrheiten des Judentums verleugne, daß es daher für einen jüdischen Gottesdienst, sowie für die häusliche Andacht niemals verwendet werden dürfe und daß man einem nach diesem Gebetbuche abgehaltenen Gottesdienst nicht beiwohnen dürfe. Die Gutachten rühren von folgenden Herren her: DDr. Cahn-Fulda, Carlebach-Lübeck, Mannheimer-Oldenburg, Bondi- Mainz, Lerner-Altona, Ehrmann-Baden (Schweitz), Weiler- Paderborn, Adler-Kitzingen, Plato-Köln, Marx-Darmstadt, Kahn-Wiesbaden, Breuer-Franksurt a. M., Waeller-Schönlanke, Gronemann-Hannover, Löb-Emden, Meyer-Regensburg, Kores-Hanau, Butten.vieser-Straßburg (Elsaß), Auerbach- Haiberstadt, Heppner-Koschmin, Bnmberger-Würzburg, Rosenthal-Rogasen, Bamberger-Schrimm, Ehaim-Znin, Königsberger-Pasewalk, Eohn-Basel, Strauß-Rothenburg a. Fulda, Hirsch-Hamburg, Pleßner-Ostrowo, Schlesinger-Pinne, Bamberger-Schildberg, Kohn-Jnowrazlaw, Bamberger-Bingen, Stein-Schweinsurt, Münz-Glciwitz, Schisser-Karlsruhe, Guggenheimer-Kolin, Münz-Kempen, Ebrenfeld-Prag, Hirschfeld- Gießen, Bamberger-Aschaffenburg, Bamberger-Bad-Kissingen, Münz-Berent, Bähr-Brenzlau, T'etz-Jnowrazlaw, Cohn-Kattowitz, Kottek-Homburg v. d. H., Kohn-Ansbach, Jaffc-MySlowitz, Goldschmidt-Königshütte. *t. Aus Oesterreich Ungarn. Abg. Dr. Bloch plaidiert für die Gründung einer jüdisch-politischen Partei in Oesterreich, da nur an den bestehenden Parteien keine Stütze haben. Sein Vorschlag findet aber in weiteren Kreisen keinen Anklang. — Gelegentlich der vor kurzem stattgehabten feierlichen Installation des Herrn Ladmlaus Sändor de Csik St. Domokos als Obcrgefpan des Groß-Küköller KomitatcS, äußerte sich der hohe Staatsbeamte gegenüber einer jüdischen Begrüßungs-Deputation: „Auch jetzt finde ich meine schon im Jahre 1848 gemachte Erfahrung bekräftigt, daß die Juden zu den besten Patrioten des Landes gehören. Mein graues Haupt und meine reiche Erfahrung bewahrten mich davor,