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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 566 (sequence 14)
Language
German
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Nr. 35. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 566. Fortbildung und Aufklärung der dort wohnenden Judenschaft einen heilsamen und mächtigen Eindruck ausüben müßte. * Ein historisch sehr merkwürdiger Bau, „Moses Hall" in Bury St. Edmunds, ist in Gefahr gewesen, der modernen Zeit zum Opfer zu fallen. Die Pietät der englischen Altertumssreunde hat aber in letzter Stunde das interessante Bauwerk gerettet. „Moses Hall", im Volksmunde gewöhnlich „Jero's Hause" geheißen, ist eines der wenigen thatsächlich über das 12. Jahrhundert zurückreichenden architektonischen Altertümer Englands. Es war aller Wahrscheinlichkeit nach im Mittelalter eine Synagoge, und dürfte neben den Wormser und Prager Tempeln, die nicht ganz so alt sind, in der Geschichte mittelalterlicher Bethäuser einen besonderen Platz beanspruchen. Die Architektur ist in allen Teilen ganz stilrein erhalten. Man hatte den Platz, an dem das ehrwürdige Bauwerk steht, für eine — Feuerwache bestimmt; an dem Widerspruch namhafter Kunstfreunde ist der Plan gescheitert und cs besteht sagar jetzt die Absicht, eine gründliche Restauration der „Moses Hall" vorzunehmen. Kier und dort. — Sang- und klanglos hat sich die Firma der Geschäftsantisemiten Ahlwardt u. B öck el aufgelöst. Das „Deutsche Volksrccht" ist nicht mehr auf der ersten Seite mit dem Vermerk: Begründet von H. Ahlwardt und Dr. Böckel" geziert. Die Beiden scheinen sich wieder entzweit zu haben und Ahlwardt freiwillig oder infolge einer Pression ausgeschieden zu sein. Als verantwortlicher Redakteur des Blattes zeichnet noch Böckel, der aber jetzt nur seinen eigenen Ruhm verkündigt und nicht mehr auch den seines früheren Kompagnons Ahlwardt. Letzterer dürfte früher oder sgäter die Geschichte der Firma von ihrer Gründung an bis zur Auslösung in einem seiner Dreißig Pfennig-Vorträge zum Besten geben. — Die Angabe, daß die Tnlcinea des Freiherrn Woßu, Flora Gaß, Jüdin sei, erweist sich als unrichtig. Sie ist weder Jüdin, noch, soweit ermittelt werden konnte, jüdischer Abstammung. Tie bezügliche Behauptung scheint wohl nur deshalb in Umlauf gebracht worden zu sein,- um von dem unliebsamen Aufsehen, welches der Fall Hammerstein erregt hat, ein Odium auf die Juden fallen zu lassen- — Die Deutsch-soziale Reformpartei hält am 5. Oktober in Erfurt einen Parteitag ab, auf welchem ein neues Parteiprogramm festgestellt werden soll, dessen Entwurf in diesen Tagen von den in Berlin anwesenden Abgeordneten der Partei im Reichstage ansgearbeitet worden ist. — Ter in Berlin verstorbene Bankier Albert Arons hat der jüdischen Gemeinde in Bromberg 200G>0 Mk. und ein Grundstück im Werte van 90592 Mk. zur Begründung einer Altersversorgungsanstalt vermacht. Nunmehr ist die kaiserliche Genehmigung zur Annahme dieser Zuwendung erteilt worden. - Zum evangelischen Glauben übergetreten ist Herr Kommerzienrat Earo in Gleiwitz. „Die israelitische Gemeinde soll dadurch einen Stenerausfall von 5000 Mk. jährlich erleiden," fügt der „Oberschles. Anzeiger" hinzu: wir fügen nur hinzu: Legt ihn zu den anderen. — Das Allerneueste auf dem Gebiete des praktischen Antisemitismus leistet das Restaurant des Hotels zum „Kölner Hoff in Frankfurt a. M- Daselbst wird das Bier in Gläsern mit dem Stempel „Kauft nicht bei Juden" kredenzt. Böse Zungen behaupten, der geniale Wirt habe sich nur verschrieben; die Inschrift sollte blos lauten : „Sauft nicht bei Juden." Wer vermag die Wahrheit zu ergründend — In der „Slavischen Buchhandlung" von H. Roskoschny in Leipzig hat ein Russe, Nemirowitsch-Dantschenko, in deutscher Sprache unter ' dem Titel „Israel in Waffen", Reise-Erinnerungen erscheinen lassen, die von seinem Aufenthalt „unter den Juden Daghestans" erzählen. Taghestan ist der Raine einer weltentlegcnen Landschaft, die sich nördlich vom Kaukasus am Kaspischen Meere hinzieht. Es leben dort in besonderen Dörfern Juden, die sieb fast ausschließlich mit Ackerban, Viehzucht und Anfertigung von Waffen beschäftigen, vor der russischen Eroberung des Landes an den Kämpfen gegen die Russen lebhaften Anteil nahmen und noch immer unerschrockene Jäger sind. Die vom Verfasser gegebenen Schilderungen machen in ihrer Schlichtheit den Eindruck der Glaubwürdigkeit- Es handelt sich wohl nur um eine Uebersetzung. — Die Verwaltung der neuen Dammthor-Synagoge in Hamburg hat Hrn. Prediger Dr. M. Grnnwald veranlaßt, eine Religionsschule der Renen Dammthor-Synagoge mit Beginn des Winter- Schulsemesters zu eröffnen. Ter Unterricht wird in den Rebenräumen der Synagoge zweimal wöchentlich von erprobten Lehrkräften erteilt, und zwar zu einer Tageszeit, wo die Schüler von anderweitigem Schulbesuche befreit sind- Der Unterrichtsgegenstand wechselt halbstündlich, jede Ueberbürdung soll vermieden werden- — Letzten Donnerstag hielt das neugewählte israelitische Konsistorium für Unterelsaß seine erste Sitzung ab. Dasselbe war zilsammenbernfen, um für die Stelle des verstorbenen Vorsitzenden, Herr Blum-Auscher, eine Neuwahl vorznnehmen. Einstimmig wurde der allgemein beliebte Stadtrat Drmed. Gustav Levy gewählt- — In der Akademie der Wissenschaften in Paris wurde kürzlich mitgeteilt, daß der Dominikaner P. Scheil im Museum zu Konstantinopel auf einer Basaltstelle eine wichtige Entdeckung gemacht hat- Auf der Stelle befindet sich in 6, leider arg verstümmelten Kolumnen eine Inschrift aus der Zeit König Rabonids (VI. Jahrhundert v. Ebr.j, worin neben anderen historischen Ereignissen auch die Zerstörung von Ninive erwähnt wird, für welche bisher noch kein inschriftliches Zeugnis vorlag. — Mr- S- T. Parientc, der durch viele Jahre die Allianz-Schule in Smyrna und mehrere andere jüdische Institutionen leitete, und jetzt Direktor der großen Allianz-Schule in Tunis ist, wurde vom Sultan mit dem Osmanie Orden dekoriert. — Aus M oskau erfa hren wir, daß der General-Gouverneur, Großfürst Sergius, die jüdische Handwerker-Schule in dieser Stadt hat schließen lassen. Dies that er mit Wissen des Herrn Dürnowo, Ministers des Innern, und des Herrn Delgarow, Ministers des öffentlichen Unterrichts. Tie Schule wurde vor zehn Jahren unter der Sanktion des Fürsten eröffnet, dessen Namen sie trägt. Die Schließung der Schule seitens des Großfürsten ist ein neuer Schlag gegen die sehr znsainmeiigeschmolzene jüdische Gemeinde von Moskau. — Die russische n Behörden verweigern nach wie vor jüdischen Patienten auf das Strengste die Erlaubnis außerhalb der „Judenzone" gelegene Heilquellen zu bcsncheu. — Nachrichten aus Kiew zufolge stellen das Handwerksamt und die Polizeibehörden dieser Stadt strenge Nachforschungen betreffs der Werkstätten jüdischer Handwerksmeister an diejenigen, welche zur Zeit des Besuchs der Polizei nicht mit Lehrlingen arbeiten, müssen sich schriftlich verpflichten, binnen einer bestimmten Zeit einen Lehrling zu finden, — bei Strafe des Streichens ans den Listen des Handwerks- Amts und der Ausweisung aus Kiew. — Eine interessante Gerichtsverhandlung fand vor kurzem vor dem Friedensrichter in Derb ent (im russischen Gouvernement Daghestan) statt. Eine große Anzahl jüdischer Gewerbetreibender wurden von zwei armenischen Wucherern wegen Wechselschulden verklagt. Die Verklagten wiesen aber nach, daß sie durch die von ihnen jahrelang an die Armenier gezahlten hohen Zinsen (30 pE t. und darüber) arg geschädigt worden seien, und der Friedensrichter wies die Klage der Armenier ab, da nach dem neuen russischen Wuchergesetze derartig qualifizierte Forderungen nicht einklagbar seien. Auch ein Beitrag zum Kapitel vom „jüdischen Wucher". — Tic Rabbiner Ungarns werden vom 14. bis 10. Oktober in Pest eine Konferenz abhalten, uni ein einheitliches Vorgehen bezüglich der Durchführung der kirchenpolitischen Gesetze zu vereinbaren- In derselben Konferenz soll auch die Konstituierung eines Rabbinervcrbandcs erfolgen- — Oberst Goldstnid in London ist in diesem Jahre der Höchstkommandierende bei den Manövern, welche bei Porthcawel in Wales standen- Seinem Befehle sind 5000 Mann nnterstellt. Wie verlautet, ist Oberst Goldstnid die Ordre zugegangen, sich zur Einschiffung nach Indien bereit zu halten, wo ein hohes Kommando ihm übertragen. Oberst Gist treuer englischer Patriot und begeisterter — Zionist! - Sir Julian Goldstnid ist zum Vizekanzler der llniversität London gewählt worden. - Zu Salisbury fand jüngst eine Versammlung jüdischer Einwohner znm Zwecke der Gründung einer jüdischen Gemeinde statt- In der Einleitungsrede bemerkte der Vorsitzende, daß er die Zeit für geeignet erachte, eine Gemeinde zn gründen. Die nötigen Schritte zur Errichtung eines würdigen Gotteshauses könnten auch gethan werden, da die Regierung generöser Weise drei Plätze zu diesem Zwecke zur Verfügung stellte- Mit der Wahl eines provisorischen KomiGs zur Ausarbeitung der Pläne wurde die Versammlung geschlossen-

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