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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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Seite 560. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. Der Weg zur Kenntnis der Unterscheidungslehre des Judentums ist - keineswegs schwer zu finden. Die Methode des Studiunls ist einfach. Ihr, die ihr ausfinden wollt, was Judentuni ist, ziehet erst seine Litteratur zu Rate, und dann vergleichet, was ihr in den Büchern entdeckt, mit dem, was von andern Religionen bekannt ist. Durch diese Methode muß es euch gelingen, das zu ersorscheu, was das Judentum ursprünglich zum Schatze der religiösen Ideen der Welt beigetragen, was das Judenum der Menschheit gegeben, was sein Genius geschaffen, was seine Geschichte entwickelt hat, worauf es heute als das Ideal der jüdischen Zukunft hinmeist: dies und nichts anders ist Judentum. Es ist in der That nicht unmöglich zu erklären, obwohl unmöglich zu definieren, was Judentum ist. Eine Definition kann man wohl in der Tasche herumtragen, um sie zur Konsultation bereit zu haben; allein erinnert dies uns nicht an den Fetischanbeter, der sein Idol herumwälzt und es sorgfältig verbirgt, wenn seine Gegenwart und Ausstellung unbequem sein würde? Laßt uns daher die bessere und wahre Methode befolgen, den einen Gedanken auszusinden, der die ganze jüdische Litteratur durchzieht, die eine Tendenz, die für alle Zeiten das Volk und die Religion, welche diese Litteratur geschaffen haben mit einander identifiziert. Was ist diese Tendenz, welche alle Zeitalter und Seiten der jüdischen Litteratur durchzieht? Es ist der erhabene Gottgedanke, der mit dem Fortschritte der Jahrhunderte in immer klareren Umrissen erfaßt wird . . . Der Gott des Judentums, der Eine int All und das All im Einen, hat ein Heiligtum, nicht von Stein, einen Tempel, nicht erbaut aus den Sternen, die in der Nacht erglänzen: sein Heiligtum ist das menschliche Herz. Gott ist der Schöpfer des All, doch die Schöpfung gipfelt im Menschen und er ist im Ebenbilde Gottes geschaffen. Dieses ist der Grundbegriff des jüdischen Monotheismus. Nicht allein ursprünglich, sondern für alle Zeiten ist der Mensch im Bilde Gottes geschaffen. Vergleichet mit diesem Grundgedanken des Judentums, was alle anderen Religionen über diese Frage lehren! Ihr werdet entdecken, daß dieser Grundgedanke eine originelle und besondere Offenbarung des Genius des Judentums ist, vermittelst der Propheten, unsterblich und einzig in der Geschichte der ganzen Menschheit. Bevor die Propheten diese ewige Offenbarung verkündeten, wurde der Mensch nur als eines der vielen Dinge betrachtet, die nach dem Gesetze des Todes und des Staubes gebildet sind; er kannte keinen höheren Zweck im Leben, als die Bestimmung des Staubes. Sogar nachdem diese prophetische Botschaft an die Menschheit ergangen war, wurde von den Systemen und Kirchen ihre Bedeutung nicht ersaßt. Der natürliche Mensch ging zu Grunde, als die griechische Weisheit in stoischer Resignation oder in epikuräischer Lustbarkeit gipfelte. Doch das aus dem Judentum und Griechentum entstandene theologische Ehristentum verkleinerte diese erhabene Idee von der ursprünglichen Göttlichkeit des Menschen zu einer schattenhaften Hoffnung und würdigte sie zu einer schrecklichen Verdammung herab. Nur ein einziges Wesen sei göttlich gewesen, nur durch den Glauben an dieses Wesen und seinen versöhnenden Tod könne dem Menschen die Göttlichkeit wiedergegeben werden. Der Buddhismus verzweifelt ganz und gar inbetreff des menschlichen Geschickes. Das Leben ist ein verhängnisvoller Irrtum. Tie Sympathie des Buddhismus ist negativ; feine Hoffnung — das Nichts. Ter Islam verkündet den einen Gott fünfmal täglich in dem Rufe des Muezzin zum Gebete. Doch was ist nach ihm der Mensch? Gott ist der Höchste. Seine Allmacht läßt dem Menschen keine Macht aus Erden. Er kann weder sich noch andere verändern. Er muß sich unterwerfen. Der Wille Gottes ist die Summe seiner Philosophie: — sie schließt die Selbsttötung seines Ich ein." Das Thema seines Vortrags umfaßt Dr. Hirsch in den Schlußworten desselben. Nachdem er dargethan, wie vergeblich die nach Erlösung lechzende Menschheit sich an den Priester der Kirche, den Materialismus, den Buddhismus u. s. w. wendet, sagt er: „Judentum, hier ist die Gelegenheit zu Deinem messianischen Wirken! Du bewahrtest die o"n cm das lebendige Wasser, geschöpft an den nywvi »j^yo Quellen des Heils. Willst Du nicht zu den armen Schmachtenden gehen und sein Sehnen nach Licht und Leben befriedigen? Pflicht, Heiligung, Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit — in einem Worte, Glauben an Deine n Gott, eins mit dem Menschen und der Mensch eins mit ihm — werden erlösen. Warum zögerst Du? Der radikale Jude möchte zu dieser seiner messianischen Mission eilen. 'Noch nicht hat die Mittagsstunde des Tages der Menschheit jeden lauernden Schatten verscheucht. Vielleicht hat die Morgenröte die Hügel des wartenden Ostens noch nicht beschienen. Doch den Morgenstern ist aufgegangen. Die Königin des Tages wird bald in ihrer versprechenden Glorie erscheinen. Bis zum vollen messianischen Triumphe wird das Judentum fortfahren, an seinem historischen Posten zu stehen. Wenn aber die letzte Minute der zwölften Stunde an der Zeitenuhr abgelaufen sein wird, dann wird Israel hinabsteigen, um seine Identität in das wärmer pulsierende Leben einer neugeborenen, allumfassenden Menschheit zu versenken. Doch bis zu jener Stunde, wenn das Auge des Juden auf seinem tausendjährigen Dienste und Leiden schließt und sich dem goldenen Sonnenschein des Milleniumtriumphs des Menschen wieder öffnet, wird mit der Glut der Herz und Geist ergreifenden Begeisterung von unfern Lippen tönen: -n irrfrs -n bmts” yotr, und wenn diese Worte im letzten Ausrufe verhallen, werden sie von Zone zu Zone, von Pol zu Pol, von Land zu Land, das Echo unseres eigenen, des Propheten und dann des Menschen Glaubensbekenntnis wiederhallen: cvYrx“ xin der Ewige i)t Gott!"- So weit Hirsch. Daß diese Rede die Zuhörer hingerissen hat, können wir wohl begreifen, zumal Dr. H. uicht allein einer unsrer bester Denker, sondern auch auerkauntermaßen der hervorragendste Kanzelredner aller Synagogen und Kirchen in Amerika ist. Das Blatt des Konferenzprüsidenten reiht die Rede Hirsch' den rhetorischen Kundgebungen des Propheten an, obwohl Dr. Wise in seiner „Deborah" erklärt, daß er den Standpunkt Hirsch''nicht teile — vielleicht darum uicht teile, weil E. G. Hirsch im Begriffe ist das Reformjudeutum in Amerika dahin zu führen, wohin sein gelehrter Namensvetter, S. A. Hirsch, das orthodoxe Judentum iu Deutschland grsührt: ans den Weg der Hypothese, und der Romantik! EntglkiA! Eine galizische Erzählung von Wilhelm Feldman. (Schluß). Sie kam in Lemberg mit dem festen Entschlüsse an, zum Vater zurückzukehren. Was weiter sein wird? Der Vater

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