Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 559. Vage, von wannen diese Grüße zu uns lic. überwehen. „Amerika, Amerikanisches Judentum, Du bist die Hoffnung dieser Tage!" ist der allgemeine Nesrain. Von England ist mir erst letzte Woche diese ermutigende und erfreuliche Anerkennung geworden, und von Deutschland sind mir oft ähnliche Kundgebungen zugegangen. Und dennoch haben wir in Amerika seit den letzten zwei Jahren begonnen, über unsere eigene Vage mutlos zu werden. Tie Dinge verschlimmern sich. Unsere Religion, so lautet die Warnung, ist von einer tötlichen Krankheit angesteckt. Die Welt verliert ihren Jdealisntus und wir sind die ersten, welche, indem wir uns dem Materialismus Hinneigen, dem verräterischen Zweifel den Sieg überlassen. Einige behaupten, daß es in der alten Zeit besser mit uns stand? Ist dein so? Haben wir Ursache zur Verzweiflung? Ist die Diagnose unserer Vage aus Thatsachen begründet? Ich glaube es nicht. Den Perioden großer Thätigkeit folgen immer düstere Strecken beunruhigender Erschlaffung. Der Kampf für Reform unter uns hat große Anforderungen an ltufere geistigen Kräfte gestellt. Diese konnten die Spannung nicht aushalten. Felder müssen in gewissen Zwischenzeiten brach liegen, damit später der Ertrag um so reichlicher sei. Tie Religion ist auch dem Gesetze des Sabbatjahres unterworfen. Die Priester können von diesem ihren Zehnten nichts erwarten. Tie auf uns jetzt lastende geistige Abspannung hätte vorausgesagt werden können. Wir brauchen uns doch darüber keine Sorgen zu machen. Ueberdies werden die Masten nie in Bewegung gesetzt. Die Wenigen sind cs, welche immer die Vasten eines jeden Fortschrittes tragen. Dies ist nach meinem Begriffe eine echt jüdische Vehre. Der „Rest" (r'lixz') allein wird gerettet werden. Ein ,/liest" unter uns entfaltet die regste Thätigkeil. Die Flamme ihres Enthusiasmus brennt nicht niedrig. Wer da erwägt, welche freiwillige Opfer von den Juden dieses Landes für das Judentum gebracht werden, kann nichts (ausgenommen in Augenblicken bitterer Ernüchterung, wie sie edle Seelen befallen, ungeduldig über den langsamen Gang der schlenkernden Füße, wo nur die Flügel sich im kühnsten Schwünge erheben sollten), zu dem Schlüsse gelangen, daß cs „keinen Balsam in Gilead giebt". Ich denke, viele von uns leiden an einer höchst tückischen Täuschung. Sie sind malade* imaginaires Die Uebel, worüber wir uns beklagen, sind mehr eingebildete als wirkliche . . . Ich vermute, durch die bloße Macht der Gewohnheit find wir in den Klageton des Jeremias verfallen, wie er bei den Ruinen Jerusalems fitzt und feine Elegien seufzt. Und dennnoch hatte Jeremias selbst nicht nur den Zusammensturz und das Exil vorausverkündet, — in ebenso feurigen Worten hatte er das unerschütterliche Vertrauen ausgedrückt, daß die Glorie der Erlösung aus Egypten vor der größeren Glorie der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft im Gedächtnisse der Menschen erblassen werde. Neuere Jeremiasse buben ohne Zweifel ebenso große Ursache, zu weinen und ihre starken Aeußerungen von ehemals zu vergffsen. Fein angelegte Seelen, zartbesaitete Harren vibrieren leicht bei der Viebe rührender Täuschung. Je größer ihre Voyalität, desto größer ist ihre Angst, daß der (Gegenstand ihrer Sorgfalt Schaden erleiden könnte. Und die Größe ihrer Anhänglichkeit läßt sie Symptome des befürchteten Verfalles entdecken, wo die hoffnungsvolleren Blicke der vertrauenden Jesaias durchaus keine außerordentliche Gefahr gewahren können. Ich mageres zu behaupten, daß unter uns für einen Jeremias/ wie ehrlich und selbstaufopfernd derselbe auch sein möge, es keine Veranlassung zum Anstimmeit von Klageliedern giebt. Der alte Tempel des mittelalterlichen Ghetto-Judentums mag in Trümmern liegen, doch es erhebt sich der neue des messianischen Judentums. Es ist wahr, seine Erbauer inachen keinen großen Lärm. Doch dem ist irnmer so, wenn wahre Heiligtümer Gottes aufgebaut werden. Während der Errichtung von Salomos Tempel wurde weder Hammer noch Beil gehört ... Ich meinerseits erblicke nach allen Seiten Zeichen in Fülle, daß ein neues Jerusalem aufsteigt. Die Arbeiter sind thätig und ihr Eifer läßt uns vergessen, daß sie die Lanze der Verteidigung neben der Maurerkelle schwingen nrüssen. Ein neues Leben, in der That, sproßt auf. Was wird es bringen? Einige erwarten davon hoffnungsvoll die Wiederherstellung der alten Ordnung; andere, zu denen ich mich selbst zähle, hegen die zuversichtliche Hoffnung, daß der neue Tag das neue Jerusalem, das Kind des alten, zu größerer Thätigkeit erwecken werde, liebet: diese Verschiedenheit der Erwartung müssen wir uns nicht wundern. Wenn die Menschen mit den Verhältnissen, die sie umgeben, unzufrieden werden, so eröffnen sich ihrem Nachdenken zwei Wege zur Besserung ihrer Lage. Ter eine ist, beit Blick rückwärts zu wenden, für den Gedanken zu schwärmen, daß die Vergangenheit die Pforten ihrer Gräber aufthun möge. Dies ist die Methode und der Beweggrund der romantischen Schule. Wenn Deutschland die Wiege der Reform ist, so ist es auch die Pflegstätte der 'Neuorthodoxie, wie sie von S. R. Hirsch gelehrt wurde . . . Im Judentum können das Ghetto und amerikanische Freiheit nicht vereint werden. Dies ist ein Fall von „Kilayim", wenn es je einen gegeben . . . Es giebt jedoch einen anderen Weg, um das natürliche Gefühl unserer Unzufriedenheit zu überwinden: wir müssen nicht aus die Vergangenheit zurückschauen, sondern vorwärts und aufwärts zur Zukunft emporblicken. Woher diese Unzufriedenheit? 'Nicht daher, daß wir uns zu weit entfernten, sondern weil wir nicht weit genug vorwärts geschritten sind. Halbe Maßregeln befriedigen nie. Was ist der Grundgedanke unserer Resormbewegung? Um es kurz zu fassen, sein Losungswort und fein Beweggrund ist: „nicht aus dem Judentum, sondern ins Judentum." Unsere glühende Leidenschaft ist nicht, weniger, sondern mehr Judentum zu haben. „Aber," fragt einer, „was ist Judentum? Gieb uns eine Definition. Kristallisiere seinen Inhalt in einigen bündigen Worten!" Kann ein dreitausendjähriger Lebensprozeß, - dreitausend Jahre der Leiden, der Bestrebungen, des Martertums, der Missionssaat, für sich und andere ausgestreut, — dreitausend Jahre des Heldenmuts und des Sehnens nach dem Höchsten, des 'Nachdenkens über die tiefsten Fragen, über das Leben und das Universum, — in zwei oder drei Zeilen definiert werden? Moses, der Pentateuch, und wir—und zwei Zeilen Definition!? Der Talmud, Foliobände in Palästina und in Babylon und wir— und einen oder zwei zusammengedrängte Paragraphen!? Warum aber eine Definition? Um Euer Leben darnach zu regeln? Nein, sondern damit Advokaten Quo >Vai'l-anw-Versabren einleiten, um mir, dir und anderen das Recht auf den Namen eines Juden abzusprechen! Man verlangt eine Definition, nicht um die Besten ins Judentum einzuführen, sondern aus dem Judentum zu treiben und auszuschließen.