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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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Seite 558. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. faum einen Umschwung in den Anschauungen der tonangebenden Petersburger Machthaber zu Gunsten der Juden in Rußland herbeiführen. Die freisinnige russische Gesellschaft, welche mit den Judenverfolgungen niemals Sympathien hegte, wird aber dadurch in ihren auf die Assimilation der Juden abzielenden Bestrebungen nur bestärkt. Im Zeichen ins Halbmondes. * K o n st a n t i n o p e l, 23. August. Andere Länder, andere Sitten. In der Türkei herrschen aber in jeder Beziehung ganz andere Zustände und die ottomanische Hauptstadt unterscheidet sich ungemein von allen anderen Kapitalen Europas. Doch liegt es nicht in meiner Absicht, ein Reisebild von Konstantinopel zu eutwersen oder gar das politische Getriebe ins klare Licht zu stellen. Man hat diese Stadt schon zur Genüge geschildert, und jedermann weiß, daß sie in ihrem äußeren Anblick ebenso schön und großartig, wie sie in ihrem inneren Aussehen schmutzig und häßlich ist. Was hier die Politik betrifft, so wissen alle Blätter mehr oder weniger richtige Nachrichten zu bringen. Uns interessiert in der türkischen Hauptstadt die jüdische Bevölkerung, das Judentum. Und da ist viel zu sagen und zu schreiben; denn in dieser Hinsicht walten hier ganz verschiedene und sonderbare Verhältnisse ob, die einzeln kennen gelernt und besprochen zu werden verlangen. Vielleicht gelingt es mir, dieselben nach und nach zur richtigen Darstellung zu bringen. Diesmal nur ein allgemeinem Bild. Im Gegensätze zu den meisten Ländern macht in Konstantinopel der fremde Jude die angenehme Erfahrung, daß er hier jener wildbrausenden Bewegung, die sich gegen die Juden immer breiter und breiter macht, weit, weit entrückt ist. Er empfängt vielmehr den wohlthuenden Eindruck des guten Einvernehmens zwischen den verschiedensten Nationalitäten. Türken, Juden, Griechen, Armenier, Franzosen, Deutsche, — alle leben sie in Frieden und Freundschaft mit und neben einander. Vom tosenden Sturme des Antisemitismus ist im öffentlichen Leben nichts wahrzunehmen, wenn er auch schon hie und da Eingang gesunden. Die. antisemitisch Angehauchten hüten sich aber wohl, etwas von ihrer auswachenden Judenfeindlichkeit merken zu lassen; denn keiner möchte sich lächerlich macken. Wenn schon, dann thut er es aus Umwegen. Einen solchen versteckten Antisemiten lernte auch ich dieser Tage kennen. Ich kann mich nicht enthalten, die kleine Episode, die ein Seebad im Bosporus zum Schauplatze hatte, mitzuteileu. — Kennen Sie stier das israelitische Gasthaus? fragte ich den in Rede stehenden Herrn nach einiger Unterhaltung. — Sie meinen den Judengasthof? Ich bejahte. — Er ist hier in der N'ähe. Sie werden ihn schon am Lärm, der darin herrscht, erkennen. — Bitte, wollen Sie mich nicht vielleicht bis ins Gast- Hans begleiten? Er ging mit mir hin. Draußen und drinnen herrschte völlige Ruhe und Stille. Es war Mittag, also Eßzeit. Beim Hause angekommen, sah ich den Herrn au. Wie mir schien, hatte er meinen Blick verstanden, denn ohne ein Wort zu sagen, verabschiedete er sich von mir. Tb er wohl jetzt eine andere Meinung von der „Judenwirtschast" hat? Doch dieser Mann ist ein Ausländer, ein Franzose, der seine Ansichten über Juden und Judentum natürlich aus Drumtznts Werken schöpft. Inländischen Antisemitismus giebt es Gott sei Dank bisher nicht. Das hat seine Gründe. Die äußerste Toleranz der Türken gegen Juden, wie überhaupt gegen Andersgläubige, ist ja sprichwörtlich. Aber auch das Wohlwollen des Sultans und der Regierung den Israeliten gegenüber ist allbekannt, denn die tiefe Dankbarkeit und treue_ Anhänglichkeit der Letzteren stehen hier ganz außer Zweifel. Noch niemals hat sich hier ein Glaubensgenosse einer verliehenen Auszeichnung unwürdig gezeigt, noch steht man je hohen Ortes an, einem Juden eine besondere Ehrbezeugung zu erweisen. Dieses innige Verhältnis zwischen der türkischen Obrigkeit und den jüdischen Unterthanen braucht man nicht erst zu suchen. Es besteht, und man weiß hier so manches darüber zu erzählen. Doch warten die Juden nicht, bis die Türkei, wie in allerletzter Zeit, mit schwierigen Zuständen im Innern und mit großen Besorgnissen nach Außen zu ringen hat, um ihrem Vaterlande ihre Liebe zu bekunden und ihre Ausopserungsfreudigkeit zu bezeugen, schon an diesem Kampfe nimmt die Judenheit teil, denn sie teilt voll und ganz seine Sorgen und Bekümnlernisse. Ja, wie der Türke, wünscht auch der Jude die Erhaltung des ottomanischen Reiches, wünscht er sein Wohl und Glück, und er thut das aus Erfahrung. Hier allein geitießt er volle und wahre Gleichberechtigung. Schon darum kann der Antisemitismus keine Wurzel fassen, aber auch darum, weil hier die Jugend, die im Auslande bekanntlich große Schuld an diesem Nebel trägt, gänzlich ohnmächtig ist, demselben Nahrung zuzusühren. In den Schulen ist es ausdrücklich bei Strafe verboten, einem jüdi schen Mitschüler „Jude" zuzurufen, da dieses Wort zuweilen auch in beleidigendem Sinne gebraucht wird. Auch in den Verwaltungen kennt man die Bezeichnung „jüdisch" nicht; da heißt es mosaisch oder israelitisch. Es scheint jedoch, daß der Hauptgrund, warum man hier von der sonst fast in allen Ländern gewaltigen Strömung gegen die Juden nichts merkt, daritt besteht, daß sie in Konstantinopel noch nicht so weit sind, beneid et zu werden. Denn in der Geschäftswelt kommen sie erst nach den Griechen und Armeniern, die meistens sehr reich sind.. . . Oscar Horowitz. Die Rede »o» Emil K. Hirsch. 8t. New-Aork, den 2. Augnn. In unser»! jüngsten Berichte über den Verlaus und das Ergebnis der diesjährigen Konferenz amerikanischer Rabbiner ist auch der Rede des Dr. Emil G. Hirsch von Ehieago gebührend gedacht worden. Heute sind 'wir in der Lage, einen Auszug aus dem Vortrage, der in der Versammlung Enthusiasmus hervorgerusen und jetzt, nachdem er veröffent licht (in englischer Sprache), auch in iveitereu Kreisen Aussehen erregt, geben zu können. Trifft auch bei Hirsch^, ja, bei ihm vor allem, das talmudifche Wort zu: „Das ^ebeu gleicht nicht dem Hören," so wird doch dieser Auszug auch unsere deutschländischen Leser, welcher religiösen Richtuitg immer sie angehören, lebhaft interessiereit, indem sie daraus die Ziele, die hierzulande die radikale Reform sich gesteckt, und die Art, wie sie hier propagiert wird, kennen lernen. "Nach einer längeren belanglosen Einleitung führte Hirich etwa folgendes aus: „Von jenseits des Ozeans kommen uns beglückwünschende Botschaften zu, doch gekleidet in Worte der Hoffnungslos^ feit und des Zweifels über die in jenen Landern herrschende

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