Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 55?. der Zentralstelle für jüdische Armeupslege par excellence, und er wird fast imnrer das Nichtige treffen." — Wir haben diesem Schreiben nichts hinzuzusügen, denn es bestätigt das, was wir schon einmal gesagt haben. RulAchk Inden ini KtaatsdienKe. Fr. Bl. Petersburg, 15. August. Wiewohl die Judenfeinde in Rußland sich bemühen, die russischen ttnterthanen mosaischer Konfession als ein Konglomerat schlechter Eigenschaften binzustellen und ihre Rechtlosigkeit zu rechtfertigen, fördert das Leben jedoch stündlich Thalfachen zu Tage, welche diese Bemühungen zunichte machen und die Anschuldigungen gegen die Juden schlagend wider, legen. Wenn der gegenwärtige russische Justizminister, Staatsrat 'Nicolai Murawjew, allgemein als liberal gilt, so hat er diese in Rußland verpönte Bezeichnung nur deshalb erbalten, weil er aus dem Boden der Wahrheit und Gerechtigkeit steht und die zur Verfolgung Andersgläubiger angeführten Scheingründe nicht gelten läßt. Hier in Petersburg weiß man sehr gut, daß die jüngsten Entscheidungen des Senates zu Gunsten der Juden, über welche wir seinerzeit Bericht erstattet haben, nur aits den Einfluß Murawjew's zurückznführen sind. Allein man mürde sich gewaltig irren, wollte man annehmen, daß Mnrawjew aus purer Liebe zu den Juden den Reichsrat zu Gunsten derselben beeinflußt Hütte. Rein, der Beweggrund ist ein anderer. Int Archive des russischen Justizministeriums ist ein überaus reiches Material über die Juden in Rußland aufgehäuft worden, und daraus hat Murawjew die Ueberzeugung gewonnen, daß die während der letzten dreizehn Jahre gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen auf Verleumdung beruhen unb jeder realen Grundlage entbehret:. Von weitestgehender Bedeutung jedoch ist die Thatsache, daß der Jnstizminister in neuester Zeit gegen die Nichtzulassung von Juden zum Staatsdienste energisch Stellung nahm. Und treu seiner Methode, seine Vorschläge durch Thatsachen und dokumentarische Belege zu bekräftigen^ verwies er auch in dieser Hinsicht auf eine Reihe von Beispielen, aus denen der Wert der Juden als Staatsbeamte klar ersichtlich ist. Jti der „Sudebnaja Gazeta", dem Organ des Justizministeriums, lesen wir: „Wenn die Gewissensfreiheit zum belebenden Grundprinzipe des russischen Lebens werden wird, wenn man die Bürgerrechte eines jeden Unterthanen nicht mehr mit dessen Angehörigkeit zu dieser oder jener Rationalität inessen wird, dann werden alle russischen Bürger ihre natürlichen, durch ihre Fähigkeiten bedingten Stellungen einnehmen. Wersen wir nun einen Blick ans das Leben und die Staatsthätigkeit des berühmten Juristen Alerander Jakowlewitsch' Pa ssow er, und wir werden den Wert der Juden für den Staatsdienst deutlich sehen. Passower hat die juridische Fakultät der Moskauer Universität glänzend absolviert. Er wurde 1861 aus Kosten des Staates ins Ausland geschickt, um sich für eine Professur vorzubereiten. Als er jedoch die Prüfung vorzüglich bestand und zum Magister des Staatsrechtes promoviert wurde, da erklärte ihm die Regierung, er würde erst dann zum Professor ernannt werden, ivenn er seinen jüdischen Glauben verlassen und zur Orthodoxie übertreten wollte. Ter Gelehrte mußte also seinen lanjährigen Hoffnungen entsagen. Passower trat hieraus in das Justizministerium ein und zeichnete sich bald als erster Staatsanwalt beim Oberlandesgerichte zu Wladimir in hervorragender Weise aus. Aber als die „Strömungen" gegen die Inden die Oberhand gewannen, da nahm Passower seinen Abschied, denn seine Konfession war vielen ein Dorn im Auge. Als hervorragender Jurist, als glänzender Redner, als vielseitig gebildeter Mann von großer Ehrlichkeit und Lauterkeit des Charakters genoß Passower die Zuneigung aller, die ihn zu sehen auch nur einmal Gelegenheit hatten. Die Universität hat also in Passower einen geistreichen Lehrer, der Staat einen mufterhafteit Diener verloren." Es ist keineswegs ein bloßer Zufall, daß das Organ des Justizministeriums plötzlich gegen die 'Nichtzulassung der Juden zunl Staatsdienste austrat. Die Sache hat vielmehr folgenden Grund: In der letzten Zeit wurden in verschiedenen Gegenden des Zarenreiches jüdische Staatsbeanrte, die unter Loris- Melikow in den Staatsdienst ausgenommen umreit, von ihren Vorgesetzten Behörden belobt und von der orthodoxen Bevölkerung in so demonstrativer Weise gefeiert, daß Murawjew, dci stets ein treuer Hüter der Wahrheit war, sich gedrängt fühlte, aus die Verdienste der Juden als Staatsbeamte hinzuweisen und die Nichtzulassung derselben zu allen Staatsämtern zu beklagen. In der Stadt Ufa wurde unlängst das 25jährige Dienstjubiläum des Direktors des Kriegshospitals, Staatsrates Grigorij Abramowitsch Schreiber, festlich begangen. Der Feier wohnten das gesamte Offizierskorps, der Kommandierende des Militärbezirkes, General de Spuller, der Chef der Artillerie, Generalmajor A. Sangailo, der Chef des Gendarmeriekorps, Oberst 'IN. Gromyko, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, Generalmajor Minin und Vertreter aller Stünde bei. In der Ansprache, die General Minin an den Jubilar richtete, hob er die großen Verdienste hervor, welche Doktor Schreiber um das Offizierskorps sich erworben hat, und schilderte beredt die Pflichttreue, die Gewissenhaftigkeit, die Humanität und große Opferwilligkeit, mit welcher Schreiber sein schmieriges Amt während seiner 25jährigen Dienstzeit versah. Ueberdies wurde Schreiber in der ihm vom Offizierskorps überreichten Adresse in sehr herzlichen Worten gefeiert und gelobt. Diese Thatsache konnte der Aufmerksamkeit der Petersburger Machthaber nicht entgehen, denn die offizielle Zeitung von Ufa hat dem Dienstjnbiläum Schreibers einen schwungvollen Artikel gewidmet, in welchem der Gefeierte als musterhafter Staatsbeamte gepriesen wird, der „die Behauptung von der angeblichen Unzuverlässigkeit der Juden für den Staatsdienst in eklatanter Weise Lügen straft". Ebenso demonstrativ verlies kürzlich die Feier der 20jährigen Dienstzeit des Chefs der SanitätSpolizei von Berdjansk, HosrateS T h. G o l dft e i n. Auch hier wurde der jüdische Staatsbeamte von allen Behörden, den Vertretern des Adels w. ob seiner Humanität, Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue durch Ovationen geehrt. Sämtliche Lehranstalten des Bezirkes brachten ihm ihre Huldigungen dar, während der Gemeinderat mit dem Stadthaupte Goloborodko an der Spitze ihm eine Dankadresse überreichte. Zu diesen Thatsachen gesellte sich der von der Landschaft Porchovskoje kürzlich gefaßte Beschluß, dem unlängst verstorbenen jüdischen Arzte B er man, der im Dienste der Landschaft stand, ein Standbild zu errichten, „da seine Verdienste um die Gesundheitspflege der bäuerlichen Bevölkerung außerordentlich groß sind". Aber auch ein Jude namens P o ljakow, der im Dienste des Verkehrsministeriums gewirkt hatte, wurde, als er kürzlich verschied, von liberalen russischen Blättern als Beweis dafür bezeichnet, daß die Juden im Dienste des Staates stets ihren Ausgaben vollkommen entsprochen haben. Die hier berührten Thatsachen werden