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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 85. Allgemeiue Israelitische Wochenschrift. Seite 555>. H 5 '■yf %■ fr Das jixamiBe Iahrhan-krt. So benennt sich eine noch nicht entschlafenene Zeitschrift, eine von denen, die in der letzten Zeit wie Pilze aus der Erde geschossen sind, um ein Eintagsleben zu beginnen, und wenn das „Geschäft" nicht geht, — wiederum spurlos zu verschwinden, und wir sind überzeugt, daß auch diese dein tiefgefühlten Bedürfnisse seiner Herausgeber ihr Dasein verdankende Schrift das zwanzigste Jahrhundert nicht erleben wird. Wenn ivir uns mit ihr beschäftigen wollen, müssen wir uns daher beeilen. Das charakteristische Merkmal, das allen diesen Erzeugnissen anhaftet — vergleiche die „unparteiische" Tägliche Rundschau — mit ihrem unklaren auf Täuschung des Publikums berechneten Titel Bauernfängerei zu treiben, fehlt auch hier nicht; so z. B. ist der Benennung nicht angefügt, ob die Tendenz des zwanzigsten Jahrhunderts vor oder der christlichen Zeitrechnung in der periodisch erscheinenden Schrift verfochten werden soll. Das uns vorliegende Heft XI. von 1895 löst diesen Zweifel auch nicht. In diesem wird viel Wut geschnaubt gegen die vom „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" heransgegebene Monatsschrift „Im deutschen Reich". Wir kennen das benöraelte Juli-Heft nicht, aber nach den Aussetzungen, die ein Herr Mann dagegen schleudert, muß es ganz vorzüglich nach Stil und Inhalt sein. Wir dürfen hier auch hervorheben, daß unter allen Schändlichkeiten, die man uns seit ea. 11/2 Dutzend Jahren andichtet, eine bei aller mangelnden Blödigkeit sich nicht hervorgewagt hat, nämlich daß wir ein schlechtes Deutsch schreiben — ein indirektes Kompliment, das zu erwidern wir leider nicht immer in der Lage sind. Da nun das mit dem Steine des Hasses geschärfte Vergrößerungsglas gegen den Inhalt des erwähnten Heftes keinen — selbst für seinen in diesem Punkte nicht besonders verwöhnten Leserkreis — auch nur einigermaßen stichhaltigen Einwand fand, so wird der Name des Herausgebers „Z. d. St. j ü d i s ch e n Glaube n s" bemängelt und schlankweg behauptet: „es gieht gar keinen jüdischen Glauben!" So, mein lieber Bellachini, laß Dich begraben, denn bis zu dieser Vollkommenheit im Verschwindenlassen hat es selbst Deine vielgerühmte Taschenspielerkunst nicht gebracht. Der Herr mit dem stark verdächtigen Namen „Alaun" argumentiert so: Es giebt wohl hier und da arme Teufel, die in der Orthodoxie ihrer Väter „verharrt sind," aber nicht etwa in Berlin, H | Frankfurt, Mainz, Hamburg u. s. w., sondern hauptsächlich ..H j nur in den östlichen Grenzprovinzen, die sich selbst mit dieser '$!(! „Plage" abfinden mögen, denn die zählen nicht mit. Sollte etwa in dieser vermeintlichen geringen Zahl, Armut und Wohnungs-; Entlegenheit das Geheimnis liegen, warum Herr Stöcker a. D. § - gegen die Orthodoxen in heißer Liebe entbrannt ist? Die . reichen Juden haben ebensowenig Religion, wie die von j Christen begründeten „Freien Gemeinden," eine verhängnisk | volle und nicht mehr neue Verwechslung von „Religion" und * . „Kirchlichkeit", aus die näher einzugehen nicht unsere Aus- Ii : gäbe sein kann. Die Frage, ob nur reiche Juden keine Religion haben, oder ob der Reichtum an sich die Religion ausschließt, bleibt eine offene; an dieser erhabenen Lehre ii;i bleibt nur der Seitenhieb aus die „ethische Kultur" und die j Behauptung, daß die Freimaurermoral von jeder Autorität loslöst - bisher glaubte die dumme Welt das direkte Gegenteil — intereffant, und wir müssen gestehen, die reichen Inden, die sich mit dem mageren Zugeständnis eines „plato- '□? fr Ä nischcn Sinnes für Ethik" begnügen müssen, befinden sich im Lichte dieser Beurteilung in nicht allzuschlechter Gesellschaft, in die hinein sie zu versetzen gewiß nicht die Absicht des Mannes war. Eine Mittelpartei, d. h. der geordnete Stand, der nichts anderes wollte, als den Kindern gerade soviel zu hinterlasien, wie der Vater besaß, als er nämlich ansing, also nichts, existiert im Judentume nicht. Wir müssen uns nur über die allgemein herrschende soziale Unzufriedenheit wundern, denn wenn der dem Mittelstand angehörende Vater weiter nichts will als das —4 dem Manne kann doch geholfen werden. Und ebenso wenig es also einen jüdischen Mittelstand giebt, da der jüdische Vater seinem Kinde mehr hinterlassen will als er anfangs besaß und durch dieses frevelhafte stets vou Erfolg gekrönte Beginnen den Mittelstand gar nicht auskommen läßt, giebt es auch oder gab es ein „finsteres Mittelalter," was nur eine „erbärmliche Preßphrase" ist. Bei seiner Schilderung der glänzenden Laufbahn der Juden und ihres Verhältnisses zu einander, — eine Perlenschnur von Luiuaiüs-Eigentümlichkeiten — passiert dem Mann etwas Menschliches, nämlich mit dem üblichen System, das Hordenwesen der Juden besonders stark zu betonen, in einen unlöslichen Widerspruch zu geraten, was übrigens das einzige Vernünftige — allerdings wider Willen — des ganzen Aufsatzes ist. Der Mann kann aber auch wehmütig werden, was bei dieser Hitze gar nicht übel zu nehmen ist, zumal wo die Sache wirklich zu stark wird, z. B. wenn der bescheidene, gottesfürchtige und sittsame „Gardelieutenant zu Fuß" dem Parvenü „mit Tilbury und Eocotte" Unter den Linden neidisch nachblickt, welcher „verzweifelten Unglauben und haltlose Anarchie" gesäet hat, was selbstredend nur von der jüdischen ^6NQ6886 doree geschieht, während wahrscheinlich die notleidenden agrarischem und antisemitischen „Stützen von Thron und Altar" mit Weib und Kind bei Salz und Kartoffeln im Schmeche ihres Angesichts die heimatliche Scholle bearbeitete. Er vergaß, auf seinen Ober-GesinnungSgenossen Herrn von Hammerfteiu hinzuweisen, welcher zum Leidwesen so vieler die Hauptstadt verlassen mußte, um . . . eine fromme Wallfahrt nach Tyrol zu unternehmen, für welche Reise er vergessen hat, seine die goldgestickten Worte „reise mit Gott" tragende Reisetasche mitzunehmen und die nun mit unter den alles gleichmachenden Hammer gekommen ist. Wenn der edle Freiherr nun nicht gesund und mauschelnd zurückkehrt, so sind die bösen Juden schuld daran. Wenn nun das Jndentum keine Religion und wie er zugesteht, auch kein besonderes Volk, die Judenfrage auch „hauptsächlich" keine wirtschaftliche zu nennen ist, was soll das ganze Geschrei? Die Juden verletzen ihn durch ihre Gegenwart. Da aber jeder von Gott geschaffene Mensch seine Existenzberechtigung hat, der Schreiber aber nicht angiebt, wie und wo die Juden sich dieser Rechte.erfreuen sollen, so ist ihm einfach nicht zu helfen. Und das weiß er auch, denn mit seiner ganzen Schreiberei mar es ihm lediglich um den Schlußeffekt zu thun, der in dem Satze gipfelt, „daß die Unterdrückung der Juden nicht als Zweck und Ziel der antisemitischen Bestrebungen anzusehen" und daß dieser ganze nationale und soziale Juchhe nichts weiter als purer Schwindel ist, der nichts weiter bezweckt, als die große Masse zu einer willenlosen Horde umzugeftalten, um einigen Leithämmeln zu einem erträglichen Dasein zu verhklsen, zu denen wir von nun an den sonst in weitesten Kreisen der größten Unbekanntschast sich erfreuenden Herrn \1

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