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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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Seite 554. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 85. mächtige ist als Souverän gedacht, der wöchentlich einmal Staatsempfang hält, und zu diesem eilen seine Unterthanen in ihren besten Kleidern und mit dem Bewußtsein der erforderlichen Staatsetikette. Ach! Viele von uns haben keine besten Kleider. In dieser Beziehung bedeutet der Protestantismus keinen Fortschritt gegen den Katholizismus, in dessen Herrschaftsgebiet die ckrme Marktfrau, den Korb am Arme, ohne Scheu vor dem prunkvollen Eindruck architektonischer Größe, zu jeder Zeit das Mosaikpflaster mächtiger Kathedralen betritt. Und der Katholizismus bedeutet keinen Fortschritt gegen das Judentum, welches wesentlich eine optimistische und joviale Religion ist und von niemand verlangt, daß er chic sei. Es ist immer ein sicheres Zeichen des Niederganges, wenn der „Chic" sich einstellt, denn nur wenn das Herz verknöchert ist, wird Manierlichkeit mehr denn alles irdische Gut, höher als Glückseligkeit geschützt. Der alte Jude freute sich in seiner „Schul". Er sang und schrie, er tanzte und schlug seine Brust, und er war nicht am wenigsten glücklich, wenn er weinte. Wenn er auch nicht immer wußte, was er betete, - gefüllt hat er es immer. Der moderne Jude betet mit der Gedankenlosigkeit, die Lots Gattin befiel, als sie rückwärts geschaut hatte, ruhig, ohne Betonung, als ob er sich fürchte, die Gottheit könnte ihn belauschen. Er hat das Haman-Klopfen abgeschafft, weil es von zweifelhafter Moralität ist; er hat die Simchat-Thora-Aufzüge aufgegeben, weil sie unzweifelhaft pittoresk sind. Purim ist ihm gleichgiltig geworden, weil es auf eine Mythe gegründet sein soll; er hat aber manche Feier adoptiert, die eine solche verewigt. Er hat die Synagogen mit Reihen personifizierten Ehic's angefüllt, angethan mit hohem Hut, ohne welchen, — wie der Künstler weiß — niemand chic wäre, nicht einmal Elija selbst, wenn er sich in eine West-end-Schul verlausen würde. Nur der Sache die Krone aufzusetzen, läßt der aufgeklärte Jude seine Kinder nicht mehr in den Tempel gehen, — weil sie nicht genügend chic sind. Und dann der Prediger! Er ist vom Kops bis zum Fuß ein Abklatsch des christlichen Geistlichen, und die Aehnlichkeit erstreckt sich häufig selbst aus feine Predigten. Anstatt des einfachen, gemütlichen, humoristischen Rabbi, haben wir einen gedankenarmen und unechten Geistlichen. Der Ehasan kann nicht mehr singen — das wäre „ungeistlich!" — aber er ersetzt seinen Mangel an Stimme durch die Fähigkeit, schlechte Predigten in der Landessprache zu halten. — Das Leben in der Synagoge ist ein treues Abbild des Lebens draußen: — geknechtet durch Talmi-Ideale, eingepfercht in geistlose Routine und beherrscht durch ein Idol von Steifheit und Frackschößen. Das alte nachbarliche Straßenleben des jüdischen Viertels hatte seine vulgären Züge, es hatte aber auch eine gewisse derbe Natürlichkeit, die keinen vorteilhaften Ersatz in der anmaßlichen Pseudofeinheit der Vorstädte gefunden hat. Ich sehe auch in dem alten Mischen Jargon, den wir jetzt so geflissentlich nicht mehr verstehen wollen, nichts an sich Verwerfliches. Der Versuch, alle familiären Ausdrücke, die häufig so charakteristisch und unübersetzbar sind, zu ächten, zeigt nur eine Parvenu-Verseinerung, die es zum Selbstvertrauen noch nicht gebracht hat. Es ist eine philologische Unmöglichkeit, daß irgend.-eine Klasse Menschen gemeinsame Interessen habe, ohne gemeinsamen Wortschatz — wenn nicht gar gemeinsamen Dialekt. Jeder Beruf, jede Klique, jeder Klub, jede Schule, jede Familie hat ihre eigenen Redewendungen und Redensarten. Da manche unserer jüdischen Ausdrücke zufällig hebräischen Ursprungs sind, vereitelt die wirkliche oder erheuchelte Ignoranz den beabsichtigten Zweck. Trotz alledem schwirren uno diese Worte im Ohr. Denn haben nicht unsere Ellern sie gesprochen? Selbst das Wort „Schul" mußte durch den Ausdruck „Synagoge" ersetzt werden, der, wenn auch nicht etymologisch, so doch wenigstens in seiner gewichtigen Respektabilitüt „Englisch, ganz Englisch, wissen Sie", ist. — Und Hand in Hand mit der Zunahme des Chic geht der Verfall des Humors. Beide kann man nicht zugleich haben. Humor war einst der jüdische Charakterzug par exeellenee. Die Heiterkeit der Lehrer und Großen in Israel war außerordentlich. Sie „freuten sich vor dem Herrn" und hatten mehr Glauben als wir, die weniger sa miliär zu ihm stehen. Heutzutage würden die „Stützen der Gemeinde" ebenso wenig daran denken, zu scherzen, wie etwa durch ihrer Hände Arbeit sich eine achtbare Unabhängigkeit zu sichern. Bei etwas mehr Humor gäbe es weniger Herab lassung gegenüber den Armen, weniger geistigen und materiellen Hochnrut, weniger Erwerbssucht und mehr — Glück. Unsere Väter auf dieser Insel des Weltureeres durchlebten harte und schwere Zeiten, aber sie würzten ihr trocken Brot mit dem Salz des Humors, uud waren heiter. — Es giebt einen Winkel des jüdischen Lebens, in welchem der Chic sich geradezu pilzartig ausgebyeitet bat. Bis vor kurzein erhielt sich — und noch jetzt besteht sie hie und da — die Einrichtung des Orachs*), eine Art wahrhast orientalischer Gastfreundschaft. Am Freitag Abend wurde ein Fremder wie ein königlicher Gast bewirtet — für die Jugend ein Anschauungsrlnterricht in der Philanthropie, aber sicherlich nicht im Chic. Der arme Mann er war iticht chic; er kannte kaum den Gebrauch einer Serviette, setzte sich vielleicht in einem zerlumpten Rock zu Tisch. Mildthätigkeit giebt es allerdings noch — in Gestalt von Postanweisungen über fünf Mark, rind der arme Teufel mag essen, mit wem er will, nur nicht mit dem Geber, — denn wir sind wissenschaftlich worden. Wir lesen Bücher über Volkswirtschaft und schreiben Checks aus. Selbst die Mildthätigkeit unserer Geistlichen äußert sich entweder wissenschaftlich oder gar nicht — häufig allerdings „oder", d. h. gar nicht. In gleichem wissenschaftlichen Streben unseres Jahr Hunderts ist der bezahlte „Minjanmann" an die Stelle deliebreichen Nachbars getreten, der mit opferwilliger Frömmigkeit zum Kaddisch seines Bekannten eilte. Kurz, der Jude, der sich einer Tradition rühmen daN, die so hoch über der religionslosen Moral der „feinen Welt" steht, wie der Himmel über der Erde, — eines Gesetzbuches, uni ches durch und durch sozial ist, — einer Geschichte, die einzig ist in ihrer Eigenart: — der Jude bemüht sich brunftig, feine Ideale dem Prokrustesbett des englischen Philistertums anzupassen. Man sollte doch nicht vergessen, daß Religion mehr die Kunst zu leben, denn eine abstrakte Wisselisch a ft bedeutet; und wahrlich, mancher menschlich schöne Zug des alten jüdischen Lebens verdient mehr von Juden geehrt und den Heiden gelehrt zu werden, als alle erhabenen um — transzendentalen Ideen!" — Ob dieser ganze Aufsatz „ck»e ist? Zeitgemäß ist er zweifellos. *i Tischgast.

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