Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608866--0703-9608867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Io. 35. Jahrgang iv. Herausgeber: A. Devin, Merkin. Humane Stoß«, 30. August 1895. Aefchurun. Bezugspreis: viertekjäört. 2 Mir. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland: ItK. 2,50. Zu beziehen durch die Post ^^^^^lmsere^E^ped^onei^und^den^^u^hande^^^^^^ Redaktion und Verlag: chr Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Rb, nehmen alle Annoncen-Lrpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Jitijali: Chic. Das 2t). Jahrhundert. Von Tr. M. Auktion! Von Julius Freund. Die Konzentrierung der Wohlthätigkeit in Berlin. Russische Fuden im Staatsdienste. Fm Zeichen des Halbmondes. Die Rede von Onnl Ol. Hirsch. Ontglcist! Bon Wilhelm Feldman. Wochenchronik. Kalender. — Anzeigen. OKic. Aut die Berge will ich steigen Wo der Frommen Hütten stehen, Wo die Brust sich frei erschließet, lind die freien Lüfte wehen. Lebet wohl, ihr glatten Säle! (Blatte Herren! Glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf Euch niederschauen. Hein t. I. Zangnsill, ein bekannter englischer Schriftsteller, der trotz feiner russischen Abstammung einen Hervorragendelt Platz in den litterarischeu .streifen Englands einnimmt, hat in der „Jewish Chronicle“ einen beachtenswerten Aufsatz veröffentlicht. Zangwill glossiert die Wandlung, die in den letzten fünf Dezennien in dem jüdischen Leben sich vollzogen: die Verfeinerung der Form in Verbindung mit der Verkümmerung des Wesens. Der Autor hat nur die Verhältnisse Englands im Auge; allein wir finden, daß feine Schilderung auf die einschlägigen Verhältnisse aller Kulturstaaten zutrifft. Wir geben oarum den Aufsatz in freier llebersetzung wieder. Zangwill schreibt: Der denkende Jude wird, so lau seine persönliche Frömmigkeit sein mag, mit Bedauern empfinden, daß so mancher charakteristische, gefällige und malerische Zug des früheren jüdischen Lebens in der letzten Hälfte dieses Jahrhunderts sich nach und nach verloren hat, mährend Dalminachahmung anglikanischer „Kultur" und sklavische Verehrung englischen Philistertums zur Sitte geworden sind. Daß die Juden sich ihren englischen Mitbürgern assimilieren sollen, ist sogar gleichsam als elftes Gebot gepredigt worden. Und doch ist es schwer ersichtlich, wie die Juden außer der Börse und den City banquets zu etwas nütze sein, wie sie korporativ einen Einfluß ausüben können, sobald sie sich in der Menge verlieren. Assimilation bedeutet Absorption. Ohne einen nationalen Charakter, der stärker ausgeprägt sein müßte, als etwa durch die Zahlung von Synagogenanstatt Kirchensteuern, dürfte der Jude die Besserung seiner Lebenslage als solcher kaum überdauern. Das würde gleichgiltiger fein, wenn der Durchschnitts-Engländer durchweg verdiente, daß man sich ihm assimiliere. In mancher Beziehung verdient er es, in mancher aber nicht. Nationen wie Individuen können aus der Berührung mit anderen Nutzen und Schaden davontragen. Manche Nationen zeigen mehr Anlage, das Schlechte anzunehmen; den Juden müssen wir, wenn wir gerecht fein wollen, als unparteiisch hinstellen; er ist ein nach ahmend es Wesen. Nur muß die Nachahmung freiwillig sein. Laßt ihn lausen, und er wird ein anderer Mensch; verfolgt ihn, sucht ihn mit Gewalt zu ändern, und er wird wieder er selbst. Der englische Jude befindet sich zweifellos auf dem Wege der Assimilation im Sinne der Mischheirat, — der Mifchheirat nicht sowohl mit der Person, als vielmehr mit den Ideen der Heiden: im Sinne kritikloser Aufnahme ihrer Lebensanschauungen und blinden Eifers, diese Anschauungen zu lieben, zu ehren, ihnen zu gehorchen. Und doch besteht gerade darin die bevorzugte Stellung eines quasi-Fremden, daß er besser vorbereitet ist, die herrschenden nationalen Ideale einer Kritik zu unterziehen. ■ Bevor wir die neue Lampe gegen die alte austauschen,*) sollten wir über die Moral der orientalischen Fabel Nachdenken. Denn ist es so ganz ausgeschlossen, daß der Genius der Rasse in den neuen Verhältnissen sich nicht so frei entfalten möchte wie in den alten? Es mögen doch in der früheren Lebensweise unseres Volkes Züge gewesen sein, denen die Sitten der Heiden nicht so überlegen sind, wie unsere durch Verfolgungen eingebläute Demut voreilig annimmt. Warum sollen wir den Durchschnitts-Engländer als Neuster der Vollendung ansehen? Er hat viele Tugenden — kein Zweifel! — vielleicht zuviel. Aber er ist alles in allem ein gedankenträger, engherziger Mensch, dessen höchste Gottheit schließlich Mrs. Goundy**) ist. Und Mrs. Goundy verlangt von ihren Getreuen nichts, als daß sie wohlhabende, ordentliche und manierliche Menschen seien und sie in Cylinderhüten verehren. Diese Religion von äußeren Formen macht England zum ödesten und lasterhaftesten Land der Welt. Die unliebenswürdige Seite des Puritanertums macht sich besonders im Gottesdienst geltend, der kalt und freund ist. Der All- *) Anspielung auf „Aladdin und die Wnnderlampe". **) ^pus des englischen Philistertums, etwa wie in Norddeutschland Frau Buchholz.