Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · p. Seite 549

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
Seite 549 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608849--0698-9608862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 34. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 549. haben in verhältnismäßig kurzer Zeit ein seinem Zweck voll, entsprechendes würdiges Gotteshaus geschaffen. Der Staat hatte zur Einweihung den Senator Kaehler und der Senatsekretair Dr. Hagedorn deputiert, die in voller Amtstracht erschienen waren. Zur die gesetzgebende Körperschaft waren die Bürgerschafts-Präsidenten Hinrichsen und Adloss, für die Deutsch-Israel. (Gemeinde: die Vorsitzenden Nordheim und Reis; für den Synagogen-Verband: G u m p e r tz und L. X e v y, für den Tempelverband S ch o e nfeld und Jacobi erschienen. Nachdem das Gotteshaus, welches prächtig geschmückt und elektrisch erleuchtet war, sich mit Andächtigen gefüllt hatte, intonierte der Chor das LewandowSki'schen Mn towu. Nach Beendigung desselben sang in der Vorhalle der Kantor Landau lvorher bei AhawaS Reim in Berlin) „Oeffnet mir die Pforten" aus Psalm 118. Während dessen waren die offiziellen staatlichen Vertreter an die Eingangsthür geleitet worden, Senator Kaehler nahm den Schlüssel in Empfang und öffnete den 16 Thoraträgern die Thür. Unter den letzteren befanden sich weltliche und geistliche Vertreter der hier befindlichen verschiedenen Richtungen im Judentum, so der Tempelprediger Dr. Seligmann, der Rabbiner Dr. Hannover-Wandsbeck, der Klausrabbiner Weiß :c. Die Thorarollen waren in kostbare Mäntelchen gehüllt und mit reichem Silbcrschmuck behängen. Nach deni festlichen Umzuge und dein „Einheben" in die aus kararischem Marmor hergestellte heilige Lade, zu der Marmorstufen emporführen, und dem Absingen der hierfür vorgeschriebenen Gebete durch Ehor und Kantor, bestieg der Prediger dieser Gemeinde Tr. Grunwald, Zögling des Breslauer Rabbinerseminars, die Kanzel, um mit einem gehaltvollen Weihegebet das Ner tamid zu entzünden, Nachdem noch die Psalmen 117 u. 118 vorgetragen waren, hielt der genannte Prediger die Festrede, in der er in einer nach Inhalt und Form gleich vollendeten Predigt die Absicht derjenigen, die sich um dieses Haus' gemüht näher beleuchtete. Die Frage: Wozu gemeinsame Andacht? beantwortete derRedner mit: „weil nicht jeder seinen, sondern alle einen Gott verehren sollen" und „wir wollen kämpfen, aber nicht mit „Waffen," sondern mit dem „Geist", dem Geist des Judentums." Die vom Ehor gesungenen Psalmen 100 und 150, zwischen welcher das Schlußgebet, enthaltend den Segensspruch für Kaiser und Senat, den Dank für alle die an diesem Gottesbau durch Rat und That mitgewirkt, schloß diese herrliche Feier, die denen, welche ihr beigewohnt, noch lange iin Gedächtnis bleiben wi d. Hierauf folgte das Abendgebet und das von Ehor und Kantor abwechselnd vorgetragene „Adon olam." Aussehen erregt, hier die gehalt- und klangvolle Baritonstimme des Kantors Landau, der das alte Ehasonus nrit dem modernen gut zu vereinigen weiß und deshalb allen Besuchern zusagt. I. W. — Aus Fürfcld (Rheinhessen) wird uns über eine gleiche am 9. August vollzogene Feier berichtet: Freitag nachmittags 41/a Uhr bewegte sich ein geschickt arrangierter Festzug unter den ernsten Klängen der Musik dnrch die festlich geschmückten Straßen des Ortes. Im Zuge bemerkte man Thoratrüger mit den heil. Thorarollen, den Kreisrabbiner Herrn Dr. Grünfeld mit dem Lehrer, dem Synagogenvorstand, die Geistlichkeit, den Bürgermeister, Ehrengäste, Vertreter hiesiger Korporationen, hiesige Vereine mit ihren Fahnen, eine große Anzahl Festjnngsranen, Gemeindemitglieder. Rach Ankunft an der Synagoge fand die feierliche Uebcrreichung des Schlüssels mit Ansprache der Schlüsselträgerin und des Gemeinde-Präses an den Rabbiner statt, von welchem mit entsprechenden Worten die Synagoge geöffnet wurde. Der Synagogen-Ehor sang „Ma towu," worauf Anzünden des ewigen Lichtes „das Einheben der Thorarollen, ein ergreifendes Weihegebet, ein feierlicher Liedvortrag des Kantors und die Festpredigt folgten. In letzterer wurde unter Zugrundelegung des Textes: Genesis, Kap. 28, Vs. 17. auf die hohe Bedeutung des israelit. Gotteshauses als einer vielfachen HeilSquelle hingewiesen und dasselbe, anlehnend an den Sprachgebrauch, als eine „Schule" gekennzeichnet, die den Menschen zur Gläubigkeit, zur Tugend und Sittigkeit, zur Vaterlandsliebe und Friedfertigkeit erzieht' und dadurch auch Haus und Familie, den Frieden unter den Völkern und unter den Bekenntnissen günstig beeinflußt. Mit dem Segen für Kaiser und Reich, für Großherzog und das heff. Vaterland und mit Absingen eines Ehorals endigte der erhebende Festgottesdienst. Der Abendgottesdienst begann 6*/6 Uhr. Nach demselben fand ein vom Vorstande gegebenes Festessen statt, bei welchem es an den üblichen Toasten nicht fehlte. Samstag um 9 Uhr wurde ein Festgottesdienst mit Predigt, Sonntag Nachmittag ein Konzert und abends ein Ball gegeben. Die Synagogeneinweihung hatte viele Gäste herbeigelockt und es war nur eine Stinnne des Lobes über die erhebende, religiöse Feier, namentlich aber über das herzerquickende, gute Einvernehmen der gesamten Einwohnerschaft. -- Wir erhalten folgende Zuschrift: In Hamburg, Frankfurt a. M. und anderen Orten bestehen seit Jahren Vereine, welche sich mit der Stellenvermittelung israelitischer Handlungsgehilfen befassen und überaus segensreich wirken. In Berlin, der größten jüdischen Gemeinde des deutschen Reiches, ist ein derartiges Institut unbekannt. Wem die bedrängte Lage vieler Hundert stellenloser jüdischer Handlungsgehilfen unbekannt ist, dem dürfte die Nachricht von Interesse sein, daß gegenwärtig die jüdischen Handlungsgehilfen unter den stellungslosen Kaufleuten Hierselbst die relative Mehrheit bilden. Die Ursache dieser auffälligen Erscheinung ist leicht erklärlich. Unter den jetzigen Verhältnissen wird es für jüdische Verkäufer immer schmieriger, in Detailgeschäften Stellung zu finden. Aber in den großen jüdischen Gros- und Export-Häusern würden Hunderte von jüdischen Kaufleuten Stellung finden, wenn nicht auch hier ein stets steigender Prozentsatz christlicher Handlungsgehilfen Aufnahme finden würde. Plan wende nicht ein, daß christliche junge Leute auch berechtigt feien, sich um Stellung in jüdischen Häusern zu bewerben; so berechtigt dieser Einwand an sich ist, er wird durch einen anderen Einwand hinfällig. Wir fragen nämlich: Werden etwa jüdische Kaufleute in christlichen Häusern ausgenommen? Man überschaue doch den Inseratenteil einer Tageszeitung: fast jede zweite Stelle verlangt einen Christen. Im übrigen liegen auch sonst die Verhältnisse für den christlichen jungen Kaufmann bedeutend günstiger; ihm steht so zu sagen die ganze Welt offen, während sich der Wirkungskreis für jüdische junge Männer immer mehr beschränkt,-— auch ein Zeichen der Zeit. Wenn man nun schließlich noch berechnet, daß in Berlin Tausende von jüdischen Eltern auf den Erwerb ihrer Kinder angewiesen sind, dann wird ein „Verein für die Stellenvermittlung israelitischer Handlungsgehilfen" als ein gemeinnütziges Institut zur absoluten Notwendigkeit. N e h e m i a s. * <£tu neues antisemitisches Parteichen hat sich wieder einmal gebildet. Von der vor einigen Monaten ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.