Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 548 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 548. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 84. vorgebrachten Vorwürfe unbegründet seien. Besonders scharf bekämpfen die Orthodoxen die von den Liberalen in Aussicht genommene Einführung der deutschen Gebetssprache in die neu projektierte Synagoge in Berlin W. (Lützowstraße). Die oppositionellen orthodoxen Elemente haben durch ihren Sprecher, M. A. Klausner, erklärt, daß sie an Stelle des bisher im Ehrenamt wirkenden Gemeindevorstandes die Einsetzung von Syndici und Gemeinderäten verlangen, da der bisherige Modus angesichts der aus 90 000 Mitglieder (soll heißen „Seelen") angewachsenen Größe der Gemeinde nicht mehr ausreicht." — Die Sonnabend-Abend-Nuinuier desselben Blattes aber enthielt eine Berichtigung des Herrn Klausner, die lautete: „1) Der sogenannte liberale Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde ist nicht vor einem Jahre, sondern vor einem halben Jahre begründet worden. 2) In den von diesen! Verein veranstalteten Versammlungen sind die gegen die jetzige Gemeindeverwaltung vorgebrnchten Vorwürfe nicht als unbegründet hingestellt, sondern als wohlbegründet anerkannt worden. 3) Ich habe nicht die Ehre, Sprecher der oppositionellen orthodoxen Elemente zu sein. 4) Ich habe die in Aussicht genommene Einführung der deutschen Gebetssprache in die neu projektierte Synagoge in Berlin W. nicht blos nicht bekäinpst, sondern für die Ignoranten in liebraicis als eine Notwendigkeit bezeichnet und nur dagegen Einspruch erhoben, daß durch sort- ' gesetzte Vernachlässigung des jüdischen Unterrichts diese Notwendigkeit verallgemeinert werde. 5) Ich habe die Einsetzung von Syndici und Geineinderäten „an Stelle" des bisher im Ehrenamt wirkenden Gemeindevorstandes um so weniger verlangt, als dies mit dem geltenden Gesetz in Widerspruch wäre." — In drei Sätzen fünf — sagen wir — Ungenauigkeiten, — ist das nicht ein wenig viel? — „Am Ruheplatz der Toten, da pflegt es still zu sein." — Und stiller noch als andere Friedhöfe liegt der alte Gottesacker der jüdischen Gemeinde vor dem Schönhauser Thor. Denn längst ist er gefüllt und nur selten noch öffnet er seine Pforten. Ain Sonntag aber um die zehnte Stunde des Vormittags hatten sie weit sich ausgethan. Drunten voin Thor her kam eine lange Reihe von Männern heraus marschiert, wohl 400 an Zahl, die, wie der erste Blick zeigte, durchgängig den gebildeten Schichten unserer Bevölkerung angehörten. Da sah man bekannte Rechtsanwälte, geschätzte Aerzte sowie Inhaber großer Firmen, unter diesen den Chef eines der ersten Berliner Bankhäuser, säuttlich Mitglieder des Militär- und Sanitäts-Vereins „Deutsches Vaterland". Der Verein, aus Veteranen und ehemaligen Soldaten jüdischer Konfession bestehend, hielt eine ernste Gedenkfeier für die auf dem Friedhof bestatteten Krieger von 1870/71 ab. Bei den Veteranen sah man viel Eiserne Kreuze, manche mit Orden und Ehrenzeichen geschmückte Brust. Vor der mit Lorbeerbäumen geschmückten Halle wurde Halt gemacht. Vor der Front erhob sich ein schwarz drapierter Altar, um den im Halbkreis die Sitze für die Angehörigen der Gefallenen aufgestellt waren. Um 10 Uhr begann die Feier. Der hinter dem Lorbeergebüsch verborgene Synagogen- Ehor hat das „Enofch kechozir jomow" angestinimt. Daraus hielt Rabbiner Dr. Weiße die Gedächtnisrede. „In allen Gauen unseres Vaterlandes", so Hub der Prediger an, „wird heute der Kämpfer gedacht, die uns die heißersehnte Einigung gebracht. Dankerfüllt sind die Veteranen gegen den Lenker der Geschicke, daß sie an solchem Werk haben teilnehmen dürfen. Damals hat der SiegeSjubel die Klagen der Eltern um ihre Söhne, das Weh der Frauen und Kinder um Gatten und Vater übertönt. Aber der Gefallenen zu gedenken, ist eine heilige Pflicht geblieben. Sie zu erfüllen, hat der Verein „Deutsches Vaterland" sich zu ernster Feier zusammengesunden, zu der gleichen Stunde, in der dem Heldenkaiser, der stets ein Vorbild des Gottvertrauens gewesen, vom Enkel der Grundstein zum Denkinal gelegt wird. Die Männer, deren wir gedenken, sie waren treu ihrem Gotte, treu ihrem Bekenntnis und darum auch so treu ihren: Vaterland. Hat doch schon Jeremias unseren Vätern zngerusen, als man sie in das Exil gesühret: „Betet für das Land, in dem Ihr wohnet," und an anderer Stelle heißt es: „Landesgesetz ist heiliges Gesetz!" Wie unsere Glaubensgenossen sich 1813 zu den Fahnen gedrängt, wie sie unter diesen tapfer gekämpft) das hat damals Preußens Stnatskanzler laut und rühmend anerkannt. Und 1870 zählte unser Heer 15000 Streiter jüdischen Glaubens. Viele von diesen haben ihr Leben hingegeben, viele sind befördert oder mit dem ehernen Zeichen geschmückt worden. Seit der Zeit ist manches Mißverständnis zu Tage getreten, eine tiefe Zerklüftung hat selbst unter den Kampfgenossen Platz gegriffen, aber nimmer soll uns dies abhalten, zu bedenken, daß wir alle einen Vater im Hirnmel haben, der uns befiehlt, unseren Pflichten treu zu sein bis in den Tod." — Als der Geistliche so geendet, ertönte abernwls Chorgesang. Dann wurde in vier Zügen nach den Gräbern ausgebrochen und mu diese ein weites Quarre gebildet. Unter den Hügeln ruhen: Gustav Behrendt, Marcus Liebenwalde, Joseph Königsberger, Julius Rosenthal und Robert Rahlson. Die jüdische Gemeinde hatte diese Hügel und Monumente mit Blumen und Guirlanden geschmückt, ebenso die zu einem Erbbegräbnis gehörende Ruhestätte des gefallenen Stabsarztes Dr. Behrendt. Nach einer Ansprache des Kameraden Redakteur Karfunkel wurden die Kränze niedergelegt, während eine Musikkapelle „Ich hatt' einen Kameraden" spielte. Hierauf sprach der Rabbiner das Kaddisch-Gebet. Am Nachmittag setzte im Alexanderplatz-Hotel ein Kommers des Tages Feier würdig fort, an dem mehr als 100!) Personen teilnahmen. Und ivährend die Feier aus dem Friedhose, trotz ihres streng militärischen Gepräges, eine echt jüdische war, trug der solenne Kommers, obwohl die Teilnehmer fast fünitlich dem Judentum angehörten, einen kerndeutschen Charakter. Judentum und Deutschtum — das ist das „zweierlei Tuch" unseres Kriegervereins „Deutsches Vaterland", darum erfüllt uns sein entschlossenes Auftreten mit Stolz, seine kraftvolle Entwickelung mit Zuversicht. — Die nächste Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin findet Dienstag, den 27. August im Vereinslokale, Münchener Hof, Spandanerstr. 11/13, präzise 8V: Uhr statt. *Synagogemveihe. Man schreibt uns aus Hamburg: Am 1-). d. M. fand Hierselbst die Einweihung der „Reuen Dammthor Synagoge" statt. Dieses Gotteshaus ist für die jüdischen Bewohner „vor dem Dammthor", welche das Bedürfnis suhlen, sich nicht nur an den hohen Festtagen zu einem Synagogenbesuch „herbeizulassen", sondern täglich und besonders alljabbatlich zu ihrem Gotte beten wollen, aus Privatmitteln hergerichtet worden. Der Synagogen-Berbaud, welcher um den Ausbau einer Synagoge in diesen: neuen Stadtteil ersucht worden war, hatte es, unter Hinweis auf die beiden großen Gemeindesynagogen abgelehnt, und so traten einige „gewichtige" Herren zu einen: Komitee für einen Synagogenban vor den: Tammthor zusammer: und