Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 547 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 84. Allgemeiue Israelitische Wochenschrift. Seite 847. er vor sich aus. Plötzlich erhob er sein Haupt und brach iu ein erschütterndes furchtbares Weinen aus. „liebet mir mein .Miiib — meine Klara." (Großer (4ott — das iit der Pater! Die Ungetüme stießen ihn mit den Hörnern, verwundeten, traten, bespieen ihn mit ihrein (Reifer und in seinereigenen Blutlache unter ihren Füßen sich krümmend, ächzte er inmitten des höllischen (Geschreies mit übermenschlicher Stimme: „Nlein Kind, meine Kfara!" Diese Stimme hatte sie ansgeweckt. Die Vision stob auseinander, sie gewöhnte ihre Augen ans Vid)t und ihre Hände zitterten noch, der Schweiß rann ihr tropfenweis herunter und in den Ohren tönte noch die verzweiflungsvotle Stimme: „Mein Kind, meine Klara!" Sie tauchte die Hand in ein Glas Wasser, sich das Gesicht bespritzend, bis sie ganz zu sich kam. Sie gewann ihre (Geistesgegenwart wieder. Ihre Füße waren kalt wie Eis, nur die unbeweglichen Angen starrten vor sich hin; endlich siel sie aufs Kissen zurück und brach in ein erschütterndes Weinen aus. Sie weinte und schluchzte wie ein verhätscheltes Kind. Das währte lange. Sich beruhigend, wischte sie sich das Gesicht mit einein in kaltes Wasser getauchten Tuche und munterte sich. Ihr Geist erlangte wieder sein Gleichgewicht und war fähig zu überlegen. Sie schob ein Tischchen ans Bett, stützte darauf beide Handflächen, ihr Haupt darauf lehnend. Was konnte diesen entsetzlichen Traum hervorgernsen haben? Sie erinnerte sich leicht an ihren gestrigen, vorgestrigen Abend, an den letzten Monat, das letzte Quartal, Halchnhr, mit einem Worte an ihr letztes Lebensjahr. Seit dem Momente, da sie ihr Elternhaus verließ, ist beinahe schon ein Jahr verstrichen. Ans die Vergangenheit schaute sie jetzt mit den Augen des Traumes. Sie machte Neflerionen über ihr Glück; sie lebte zurück! Sie lachte, freute sich, streckte ihre Hände dem Leben entgegen. Doch wie? hatte sie ihn nicht in den Abgrund der Verzweiflung getrieben? Ein Schauer durchrieselte sie. Sie hatte ihr Wesen mit einem höheren, edlen, reinen Menschen verbunden, ihm die seinem Auge unzugänglichen Flecken verbergend, ihre Todfeinde verheimlichend, und indem sie znließ, baß er glaube, er vereine sein Leben mit einer Person, die des Glückes und seiner Achtung würdig sei, betrog, verriet iie ihn! Das ist eine Gemeinheit, eine Niederträchtigkeit! In ihren Augen begann es wieder dunkel zu werden, und iu ihrem Kopse entstand ein furchtbarer Wirrwarr, ein EhaoS. „Verräterin!" rief eine innere Stimme, eine furchtbare, markerschütternde, die Gedanken verwirrende und ihre Geiftesr gegenwart tütende Stimme. „Verräterin, das ist eine Gemeinheit," ries die Stimme des Gewissens. Womit hat sich Jakob sie unterworfen? Womit sie besiegt? Mit seiner Schönheit? Mit seinem Neichtum? Nein. Mit seinem Edel- und Großmnte, mit seinem ungewöhnlichen Eharakter, seinen Aspirationen. Das machte sie zu seiner Verehrerin, das brachte mit sich, daß sie sich noch gestern seiner Gefühle unwürdig fühlte, llnd jetzt? So elend, klein, mit dem Brandmale der Schmach ans der Stirne, mit dem Verdikte der Verachtung verurteilt, ivie wird sie zu ihm die Augen emporheben? Wie wird sie seine reine ehrliche Hand in ihre schmutzigen Hände nehmen? Sie und er? Gott, was für entgegengesetzte Pole! Sw sprang vom Bette und warf sich in die ersten besten Kleiber. Sie erwog die Vergangenheit. Sie lmttc_ sich nichts vorznwersen. Sie war so, wie die Verhältnisse ne gestaltet halten. Vor ihren Angen aber stand das Bild ihres Vaters, ihr^Herz schwoll an, daß cs schier barst. Jetzt begriff sie ihn. Eine Kleinigkeit, sie verstand jetzt etwas mehr von Psychologie. Sie begriff jetzt, was für unermeßliche Größe von blutigem Schmerze und von Hoffnung dem Ausrufe: „Gebet mir mein Kind zurück!" innewohnte. Vor diesem Oeean schrak sie zurück. Und vor ihrem Geiste stand der lichte von großen Gedanken strahlende Jakob, er würde sie verachten, daß sie, ein elender Feigling, sich von den Verachteten und Leidenden lossagte; er wird sie wegen Egoismus, wegen Mangels an einem festen Willen und an Mut, das Erziehnngswerk in ihrer nächsten Umgebung aufzmn'hmen, verdammen. Er wird in ihr den schwachen, zur selbständigen Wirksamkeit und Arbeit unfähigen Geist erkennen. Und wenn sogar . . . sie würde es nicht vermögen, mit solch einem schmutzigen Gewissen an seiner Seite zu leben. Noch ein Gedanke nagte vorwurfsvoll an ihr, daß Jakob in jeder Beziehung auf einer höheren Stufe stehe; und bei der Vermutung, daß sie schon morgen das Kreischen der Vorwürfe hören könnte, sie habe sich den Miteigentümer Karotka's erangelt, erstarrte das Blut in ihren Adern. Die Menschen sind eben Menschen. Als sie sich von der Wand abwandte, übergoß sie ein Strom des am Horizonte aufgehenden Lichtes. Sie bemerkte, daß es draußen bereits tage. „So spät also," sprach sie halblaut ruhig; die Bildfläche ihres Herzens hatte sich nach dem ursprünglichen Sturm bereits geglättet und der Geist war nach dem früheren Herumzerren am Netze der Verzweiflung zu sich gekommen. Ohne lange zu überlegen, packte Klara all ihre Sachen in ein kleines Felleisen. In der Tasche hatte sie eine hübsche Barschaft, die Gage sür's verflossene Semester. Den Hot verließ sie leise austretend, den ungeheueren Kettenhund streichelnd. "Noch einmal schluchzte sie leise auf, dns Thor passierend, umfaßt sie umflorten Blickes den schönen Herrschaftssitz und eilte geraden Schrittes ins Dorf. Ans dem Hügel hinter dem Kirchlein blieb sie stehen; sie wußte, daß die zum Markte nach der Stadt sich begebenden Bauernfnhren da passieren. Und wirklich wurde sie auch mit dem ersten erblickten Fuhrmann handelseinig und begab sich nach der Bahnstation. Der Morgenwind erfrischte und dnrchdrang sie; sie hüllte ihr Haupt in einen Shawl, den rosigen Sonnenaufgang mit Interesse betrachtend. „Mein Glück ist erloschen," flüsterte sie schmerzlich, „ich selbst habe mich darum gebracht!" «Schluß folgt.) Wochen -(Lhronik. Berlin, 20. Anglist. Berliner Nachrichten. Die diesjährigen Nepräsentantenwahlen werfen ihre Schatten voraus. Entgegen der bisher geübten Praxis scheint man jedoch für die bevorstehenden Wahlkämpfe auch die politische Presse in Anspruch nehmen zu wollen. So bringt die „Voss. Ztg." in ihrer Sonnabend-Nummer außer der Mitteilung über das Auslegen der Wählerlisten noch folgenden Bericht: „Der vor Jahresfrist begründete, die religiös-fortschrittlichen Elemente umfassende „liberale Verein für die Interessen der jüdischen (Gemeinde" hat bereits in allen Stadtteilen Versammlungen abgehaltcn, in denen nnsgeführt wurde, daß die von einer orthodoren Minderheit gegen die jetzige Gemeindeverwaltung