Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 546 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 546. Allgemeine Jsraeliüsche Wochenschrift. Nr. 84. sehr pessimistisch. Der Geburt nach gehöre ich ja zu den vermeintlichen Glücklichen; aber nur der Geburt nach. Allein die Stimme der Wahrheit und der Gerechtigkeit, die zu mir sprach, war mächtiger und edler als der Klang des Goldes und als die lockende Stimme der Genusses . . So ist es," begann er nach einem kurzen Nachsinnen, wie zu sich, „mein Schicksal ist entschieden. Ich folge der Stimme meines Herzens und Verstandes, ich werfe mich in den Lebenswirbel mit Wissen, Erfahrung und Ausdauer ausgerüstet, und sollte ich im Kampfe selbst fallen, so wird mein Körper für meine 'Nachfolger eine Sprosse sein. Ich bin aber voll Glauben . . ." „Wie glücklich bist Du!" rief Klara begeistert. Jakob erbebte. Nein das ist kein Echo der eigenen Worte, denn dieselbe sehnsüchtige Silberstimme flüsterte nochmals; „Wie glücklich bist Du!" Das ist Helenchen. Jakob wandte seine verschleierten Augen gegen sie. Auf den weißen Kissen stoß du Meer rabenschwarzer, weicher, duftender Haare, und auf diesem Hintergründe zeichneten sich ihr Haupt, das weiße herrlich gebildete Gesicht und die etwas geröteten Wangen ab und e.n Paar schwarzer, funkelnder Augen erhob sich zu ihm mit dem Ausdrucke der Begeisterung und Sehnsucht. „Wie glücklich bist Du!" wiederholte sie mit einer Art von Neid. „Helene," sprach Jakob etwas hitzig, „willst Du dieses Glück mit mir teilen?" — Ein elektrischer Strom durchlief ihren ganzen Körper. Sie hatte doch gut gehört. Sie schnellte empor und setzte sich auf im Bette. „Mein Gott!" mehr konnte sie nicht Hervorbringen. Sie war in diesem 9Nomente wunderbar schön. Ihre Augen flammten, das aufgelöste Haar umfloß in dichten Wellen ihren blendend wpißeu Hals, der Busen wogte stürmisch und von unter der Decke schaute der alabasterartige, gedrechselte Arm hervor. Jakob war ein Mann. Geblendet und verwirrt neigte er zu ihr sein Haupt. Er war ganz in Flammen, seine Lippen zuckten und er wiederholte mit abgebrochenen Worten: „Sage, willst Du dieses mein Glück unterstützen? Willst Du auf Deine Schultern die Hälfte der Last seines Baues nehmen?" Und leidenschaftlich aufgeregt schaute er sie mit seinen glühenden Augen an, und sich hinunterbeugend, drückte er einen heißen Kuß auf ihren Arm ... — Desselben Abends noch beruhigte Jakob die Besorgnis seiner Familie hinsichtlich Klaras Gesundheitszustand' mit der Erklärung, daß Klaras leichtes Unwohlsein bereits gewichen sei. Alle waren sehr erfreut. „Und was würdet Ihr sagen," srug Jakob nach wenigen Minuten, „wenn ich eure Gouvernante heiraten möchte?" Der Herr Elias brach in ein schallendes Gelächter aus. Dafür aber sagten die Frau Jeanette und der alte Salomon beinahe einstimmig: „Scherze nicht über dieses Mädchen!" — „Aber meine Teuern," erwiderte Jakob, „ich spreche im vollen Ernste. Ich habe beschlossen, sie zu heiraten." Es folgte tiefes Schweigen. Alle waren wie erstarrt. — „Jakob," sagte der Herr Elias, verzeihe mir, trotz der beiden Patente als Weiser, habe ich nie au den normalen Stand Deines Verstandes geglaubt und jetzt . . . . weiß ich nicht, wie ich mir diesen exzentrischem Uebergriff erklären soll. Das wäre schon etwas zu stark. Und weißt Du, daß wenn Du diesen Fehler begingest. Du auch seine Kettenfolge durchs ganze Leben mit Dir herumschleppen müßtest?" — Auf diese Bemerkung erwiderte Jakob nichts. „Jakob," wandte sich Frau Jeannette an ihn zärtlich, „Ihr liebt euch also so sehr?" — „Weißt Du Jeanettchen," antwortete er, „und das ist eine eigentümliche Sache. Wir sind wahrscheinlich das erste Paar junger^Verliebter, das in seinen Geständnissen das Wort „ich liebe" kein eiuzigesmnl ausgesprochen hat." — „Was helfen all ihre Eigenschaften und ihre Schönheit," meinte Salomon nachdenkend, „wenn sie keine Jüdin — keine der Unfrigen ist." — „Eh," brummte Jakob erbost und rannte aus dem Speisesaale, beinahe alle ob der harten Nuß, die er ihnen zu beißen gab, erschrocken zurücklassend.- Um dieselbe Zeit träumte Klara wundervoll, in selige Gedanken versenkt. Ueber dein Haupte hielt sie die Hände verschlungen, die Augen waren halb geschlossen, das Herz schlug in beschleunigtem Tempo und ihre Seele war angeregt und vergnügt. Der unverhoffte Glücksschimmer blendete sie nicht, sie dachte nur daran, daß sie jetzt mit diesem guten braven und edlen Jakob bald für innner verbunden sein, daß sie niit ihm Hand in Hand an das große Werk, Material fürs Zukunftsgebüude vorzuberciten, gehen würde. Und sie fühlte noch die Glut seiner Lippen, sein leidenschaftliches Flüstern, den Magnetismus seiner leuchtenden Augen; seine Worte tönten noch in der schönsten Melodie in ihren Ohren, liebkosten sie womöglich und erhoben sie geistig. Ach, sie war so glücklich! Sie entschlief, mit der Hand am Herzen, mit einem Lächeln auf den Lippen. Und im Schlafe strahlte ihr Gesicht in der Extase dieses Glückes. Einige Minuten nach Mitternacht erwachte sie jäh aus dem Schlafe, am ganzen Körper zitternd. Ihr Gesicht war in Schweiß gebadet und die Hautfarbe blau. Aus der zusammengepreßten Kehle konnte sie weder einen Laut hervorbringen, noch atmen. Mit Anstrengung richtete sie sich empor, die Hände vor sich ausstreckend. „Wer ist dort?" rief sie schließlich mit heiserer Stimme. Im Gemache war es dunkel; nur im Garten, von dein kalten Winde der ersten Apriltage geschüttelt, rauschte er düster und unheimlich. „Wer ist dort?" wiederholte sie entsetzt, ihre erstarrten Blicke anstrengend. Ihre Pulse klopften stürmisch und in den Ohren sauste es ihr schrecklich. Mit Anstrengung zündete sie eine Kerze an. Es wurde heller auch in ihrem Kopse. Die Augen halb schließend, schaute sie in die Höhe, nirgends ein Geräusch noch die Spur eines lebendigen Wesens. Sie drückte die Hand aus die Brust und stieß mit dem Kopfe ans Kissen. „Ach, ich Dhörin! Das war wohl nur ein Traum!" Es war uur ein Traum, aber ein furchtbarer. Entschlafeud, sah sie vor sich verschiedene wie besessen tanzende Figuren, wechselnde Farben und rosige Gestalten; allmählich wurde der Plan eintöniger und ganz schwarz — ringsum umgab sie Finsternis. Bis sich langsam aus diesem dichten Nebel schwarze, zwerghaste, grüne, blaue, vielköpfige, stachelige, gräßliche Ungeheuer entpuppteu. Diese nahmen sich bei den Händen, umringten Klara, welche weiß gekleidet war und einen Myrtenkranz aus hatte und begannen einen tollen Reigen, heulend und pfeifend: „Freuen, wir uns! Es ist die Trauung nuferes Schwesterchens!" Da begann dieser satanische Schwarm sich immer inehr zu drängen, seinen Kreis zu verengen, mit seinen übelriechenden Körpern itn'c seidenen Kleider berührend. Und es ertönte unter ihnen einstimmiges Gebrüll: „Fort von unserer Beute, fort!" Und ihre schrecklichen Gesichter ergrimmten, sie neigten die Köpfe, ihre scharfen Hörner vorstreckend und ihre flammenden, Kohlen Jpeienden Rachen iveit ausreißend. Und dort kam aus der Ferne ein kleines zusammengekauertes, wankendes Männlein heran. Die langen bis zu den Knien reichenden Haare waren milchweiy, die Kleider zerrissen^ und seine spindeldürren Hände streckte; 5 i \