Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 545 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 84. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite r>45. des Karnevals verschwand, sie wurde liegen schweres Lösegeld erlassen, nachdeui die Rabbinen des (Ghetto einen Fußfall gethan hatten. Mehr und mehr gewann die Menschlichkeit Raum und am (>. Fedrnar 1847 empfingen die Behörden Pius' IX. zum letzte,: Male den Tribut der Synagoge von Nom. * * Wieviel an Glaubens- und Gewissensfreiheit hat nun während dieser Jahrhunderte der Unterdrückung der Heilige Stuhl den römischen Inden eiugeräumt? Im ganzen und großen ziemlich viel, im Vergleiche zu den blutigen Konversionen in Indien und in der neuen Welt, im Vergleiche zu den Nepressalien, welche gegen die Häresien des Mittelalters geübt wurden. Bis zum sechzehnten Jahrhundert verschmähte es die römische Kirche, die bis dahin unbestrittene Herrscherin über die Seelen des Abendlandes, sich um die römischen Juden in bezug auf deren Seelenheil zu kümmern. Erst lange nach dem Beginne der Reformation unternahm sie den Versuch, sich der Exegese des Alten Testaments durch die Rabbiner zu bedienen. Gregor XIII. gründete im Jahre li>57 eine Schule, bestimmt, Prediger heranzubilden und lud auch die Jude,, ein, ihre Kinder als Reophyten hinzusenden. Tiefe Knaben, von Jugend aus an die Sprache des Alten Testaments gewöhnt, waren geschickter als die Christen zu theologischen Tiskussionen. Vorzügliche Missionare — auch für das Ghetto von Rom — wurden dann über die Alpen geschickt, um, ausgerüstet mit den Waffen, die ihnen die genaue Kenntnis der Schrift gab, gegen die lutherischen oder kalvinischen Gelehrten zu kämpfen; dieses Institut Gregor's Xlll. war reich dotiert und stand unter der besonderen Aussicht eines Kardinals. Orientalische Sprachen, Theologie, Philosophie und Munk wurden dort gelehrt. Bon dreißig Zöglingen waren nicht weniger als zwanzig Juden. Etwa zur Zeit der Gründung dieser Schule erschien in Rom ein gewaltiger Prediger namens Tzarphati. Er war ein marokkanischer Jude, der zum Christentum übergetreten war, ein gelehrter Mann und Fanatiker vom Scheitel bis zur Sohle. Er wollte es unternehmen, das römische Ghetto zu bekehren, aber Die Juden mißtrauten dem abtrünnig gewordenen (Glaubensgenossen und waren nicht zu bewegen, seine Predigte,, freiwillig anzuhöreu. Ta bestiunute Tzarpbati den Paps, Gregor XIII., die Juden zum Besuch der Predigten zwangsweise zu verhalten. Von nun mußte an jeden, Samstag ein Drittel der Jndenschaft, die Kinder mit inbegriffen, »ach dein Gottesdienst in der Synagoge die Predigten der Mönche hören. Aber die Juden verstopften sich die Ehren mit Wolle oder sie stellten sich schlafend. Ein Pedell mit der Rute in der Hand war bestellt, sie aus ihren Träumen zu wecken. An der.(tirchenthür wurden die Namen jener ausgeschrieben, welche gefehlt hatten und die Fehlenden ,nit hohe,, Geldstrafen beleg,. Trotzden, scheinen die Erfolge nicht groß gewesen zu sein. Berichte ans den, siebzehnten Jahrhundert erzählen, daß man einst den Rabbi Jofua Asiarelli, fein Weib und feine vier Kinder in ein Kloster gesperrt hatte, um sie zu bekehren. Durch dreiuudvierzig Tage wurde ihnen mit Predigten, Ueberredung und Drohungen zugesetzt. Endlich entlieh man die Eltern wieder in das Ghetto, die vier Kinder wurden getauft. Bald nachher entließ man drei von ihnen und sie schwuren sofort wieder den neuen Glauben ab. Einst wurde ein jüdischer Sklave ans Tunis der Taufe würdig befunden. Schon war alles zur Zeremonie bereit, da im letzten Moment entsprang der Täufling und ward nicht mehr erwischt. Am 24. November 17(>3 führte man zwei römische Juden, die zum Tode verurteilt waren, znm Schaffot. Tie Priester wollten sie überreden, zum Christentum überzntreten, um ihr Leben zu retten; aber sie verweigerten den Uebertritt und wurden gerichtet. Der Pöbel zerfleischte ihre Leichname und warf sie in den Tiber. Vornehmlich aber waren die Frauen standhaft im Glauben ihrer Väter, sie widerstanden bis zum äußersten allen Versuchen, sie zur Taufe zu bewegen. Was die jüdischen Katechnmenen betrifft, die man in das Haus der 'Reophyten brachte, so war ihr Los nicht beneidenswert. Hundert Goldgulden war die Strafe für jeden Fluchtversuch. Fünf Jahre aus der Galeere für die Männer, der Staupbesen für die Frauen und die Einziehung der ganzen Habe kam hinzu. Erst „ach und nach, im Laufe der Jahrhunderte traten auch hier Erleichterungen ein. P. L. Feuilleton. Entgleist! Nachdruck vrrbatrn. Eine cyilizischc Erzählung von Wilhelm Feld in an. (Fortsetzung.) VI. Auf einer dieser täglichen samaritischen Wanderungen erkältete sich Klara und erkrankte, so daß sie die Rächt schlaflos znbrachte und Tags daraus nicht zum Morgenkaffee erschien. Als Jakob die Ursache ihrer Abwesenheit vernahm, eilte er ins Zimmer der Gouvernante und traf sie in, Bette liegend an. „Ich komme als Arzt, unaufgefordert," sprach er auf die Patientin zuschreitend. „Was ist Dir?" — „Ich habe mich augenscheinlich erkältet und fiebere etwas, aber das ustrd vorübergehcn, ich danke Dir herzlich." — Ter Doktor griff nach ihrem Pulse und schaute sie ansmerksam an. „Welch ein Glück," flüsterte er, „Tn ivarst gestern in der Nähe eines Typhuskranken und ich hatte nicht geringe, zum Glück unbegründete Angst." — „Ich' danke Dir für Deine wahrlich' übertriebene Sorgsamkeit," erwiderte die Kranke. — „Wirst Tu gestatten, daß ich hier etwas länger verweile . . natürlich als Arzt?" fing er nun an und schob sich einen Sessel zu. „Rach den, Ausruhen und entsprechender Diät wirst Du schon inorgen genesen sein. Aber fühlst Du Dich nicht in der Einsamkeit traurig?" fügte er „ach einer Pause peinlichen Schweigens in Ermangelung eines bessern Einfalles zu. — „C, nein," erwiderte sie, „Frau Marmor und die Kinder haben „sich bisher nicht einen Moment verlassen. Was für Glück," fügte sie mit Gefühl hinzu, „wenn solch eine entgleiste Person, wie ich, in die Mitte solcher Leute gerät, die sie mit solch aufrichtigem Wohlwollen umgeben . . . Wer weiß, wo ich mich in einigen Jahren befinden werde..." Jakob fühlte sich gerührt. Er sah vor sich ein lebendiges Erzeugnis unserer gegenwärtigen Verhältnisse, die so viele tausende von Menschen zu einen, Leben ohne Hoffnung, ohne Lust und Familienwärme verurteilt, zu einem Sklavenleben, welches dort elendiglich zu Grunde geht, wohin es der Zufall schleudert. „Aber das ist nichts," fügte Klara beinahe heiter hinzu. „Ich beneide nienranden etwas. Wer weiß, wenn ich, von Glück und Zufriedenheit umgeben, auf Blumen schreiten würde, wäre ich nicht . . — „Du betrachtest Dicl,