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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
Seite 543 (sequence 7)
Language
German
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f Rr, :i t Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 543. Betracht gezogen werden. Wir als Angenzengen können nur zu einer Wiederholung der Besetzung jenes vorgeschobenen Postens jüdischer Geistesarbeit raten, und auf das bestimmteste erklären, daß ein wahrhaft gelehrter, gottesfürchtiger Rabbiner von edlem, festem Charakter nnd wissenschaftlicher Bildung sich bald in die Gunst seiner Gemeinden setzen nnd derart eine wahre Neubelebung der zerstreuten Neste Israels, im Geiste des Lichtes nnd des Wissens, rascher als man vermutet, anbahnen werde. Allein unsere Erfahrung berechtigt uns, einige Reform- Vorschläge der Oeffentlichkeit zu unterbreiten, um so eher, als nur die Alliance Israelite Universelle, diese stete Helferin in Nöten, zur Realisierung dieser Pläne ansrusen möchten. Der Großrabbiner kann unmöglich Gutes leisten, wenn er allein wirken soll. Seine Kräfte werden durch amtliche Korrespondenzen derart zersplittert, daß ihm wenig freie Zeit zur Inangriffnahme der erforderlichen Organisation übrig bleibt. Diese profanen Dinge benehmen ihm die Zeit, die er segensreich auf das Selbststudium wie die Unterweisung anderer verwerten könnte. Wir haben daher die Wahrnehmung uiachen müssen, wie die jüdischen Schulen von dem Großrabbiner nicht einmal inspiziert wurden, wie der jüdische Religionsunterricht an Gymnasien ganz und gar vernachlässigt wird; und wie in der Hauptstadt, so geschieht eS auch in allen Gemeinden. Hier ist auch der Ort, jene Korrespondenz aus Sofia zu berichtigen, welche zu melden wußte, daß dank der Initiative des Dr. Grünwald der hebräische Unterricht an allen Schulen, selbst in den Mädchenschulen eingerichtet wurde, was vollständig aus der Lust gegriffen war. i Es muß daher für Sofia ein Landesrabbiner und ihin zur Seite ein jüngerer Rabbiner gleichzeitig angestellt werden. Letzterer versieht den Posten eines Referenten für die Landeskanzlei, hält Predigten in den verschiedenen Synagogen ab, so auch in der Gemeinde der europäischen Aschkenasim, besorgt den Religionsunterricht für die jüdischen Gymnasialschüler und leitet die in Sofia bestehende jüdische Gemeindeschule als Direktor. Zur Erledigung schwieriger ritueller Fragen, wie zur Schlichtung von Streitigkeiten unter den Gemeinden wird ein „großes Bethdin" in Sofia errichtet, bestehend aus den zwei Rabbinern, den Ehachamim oder Tajanim und oft nüt Zuziehung der tüchtigsten Ehachamim aus den Provinz- Gemeiuden, wie auch einigen «profanen) hervorragenden Mitgliedern aus den Gemeinden. Dieser Rat entscheidet in zweiter und letzter Instanz. — ohne Apell — wodurch häßliche Ausschreitungen verhindert und die ausgebrochenen zurückgedrängt werden. Diese Institution muß sehr wesentlich zur Moralisierung der Gemeinden beitragen und die Regierungsorgane von der Beschäftigung mit ihnen unverständlichen jüdischen Angelegenheiten entlasten. Im Besitze zweier tüchtiger Rabbiner kann mit der Frage der Einrichtung eines höheren jüdischen Unterrichts Ernst gemacht werden. Bei einem derartigen Borgange wird man nicht gezwungen sein, daS Maß der rabbiiiischen Tüchtigkeit nach der Reihe der Jahre zu bestimmen und auch ältere Rabbiner zur Kandidatur des Großrabbinats zulassen. Der jüngere Rabbiner oder Rabbinatssekrelär kann nach einer Reihe von Jahren an der Seite des Großrabbiners wohlvorbereitet die größeren Rabbinatsposten in Philippopel, Ruftschuk, Widdin bekleiden, von wo aus derselbe wieder bei Er. ledigung des GrandrabbinatS mit Erfolg kandidieren kann. So weit wissen wir uns mit allen Bernünftigdenkendcn in Bulgarien eins, nun handelt es sich aber um den Kostenpunkt. Die Losten sollten eigentlich von der Regierung gezahlt werdrn, da auch andere Kulte eine Subvention für ihre Seelsorger erhalten, allein die für das Sekretariat prüliminierte Suunne kann nur für den Kanzlisten ohne rabbinifche Studien auslangen. Für einen akademisch gebildeten Rabbiner müßte wenigstens ein Gehalt von 40000 Francs systemisiert werden und dieses Opfer kann die jüdische Gemeinde in Sofia, welche so schwer unter den Steuerlasten bei dem gegenwärtigen schlechten Geschäftsgang leidet, nicht erschwingen, weßhalb wir unfern Apell au die Alliance Israelite Universelle richten, welche seit Jahrzehnten ihre Hilfsmittel der Sofiaer wie auch anderen Provinzgemeinden in Bulgarien zur Verfügung stellt, diesmal, in einer so kritischen Zeit die Möglichkeit der Entfaltung einer intensiveren, kulturellen und echt jüdischen Thütigkeit zu gewähren. Die Alliance möge statt des Schuldirektors, den sic mit 3000 Frcs. dotiert und welcher erfahrungsgentäß keinen nachweislichen Nutzen für die Schule bringt, lieber einen tüchtigen 2. Rabbiner zu ihrem Vertrauensmann wählen unb ihn als Direktor subventionieren. Als ein Mann von hervorragender Bildung kann und wird der Rabbiner feinen Posten viel segensreicher ausfüllen, als alle bis nun in Sofia funktionierenden Direktoren. Der Großrabbiner übernimmt die Inspektion über alle jüdischen Schulen, die Repräsentation bei der Regierung und alle rnbbinischen Agenden für alle jüdischen Gemeinden in Bulgarien. Auch in politischer Beziehung, welche alles zu fürchten Anlaß giebt, kann es nur von unschätzbarem Nutzen sein, wenn die Summe der Jutelligeuz eine tüchtige Verstärkung erfährt. Möge diese Anregring geneigte Ohren und Herzen finden — wissen wir doch, wie edel die Intentionen der Alliance Israelite und der Anglo Jewisli Association find, wie diese Korporationen keine Kosten scheuen, so es sich darum handelt, ihren Brüdern die Situation zu verbessern, und eine derartige Notwendigkeit liegt gegenwärtig noch dringender vor, als zur Zeit der Herrschaft der Osmanen. Dik Ziidk» in IIbiii. II. Aul 20. Mai des Jahres 1555 erhielt Rom und die Ehristenheit einen neuen schrecklichen Herrn. DaS war Paul I V. Earaffa, ein Neapolitaner von größter Strenge und größter Sitteilreinheit. Man kannte an ihm nur eine Schwäche: jene für den Wein, der am Vesuv wächst. Besonders am Abend, nach der letzten Mahlzeit, pflegten bei ihm Zornesausbrüche vorzukommen, deren Lärm durch die weiten Gänge des Vatikans hallte; dann donnerte er gegen die Feinde der Kirche, besonders gegen die Spailier, welche damals die Herren von Italien, die tyrannischen Protektoren des Heiligen Stuhles waren, imb die d-.r Papst ärger haßte, als die Lutheraner und die Ungläubigen. Paul IV. hielt sich von Gott berufen zur Wiederaufrichtuug des katholischen Glaubens mit Feuer und Schwert, zur Wiedereroberuua Italiens für den Stuhl Petri. Kaunl zwei Monate nach seiner Erhebung zum Papst schöpfte er Verdacht, daß die Rabbiner aus dem Ghetto den römischen Christen die Bibel neu auslegteu, die Bibel, die

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