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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
Seite 542 (sequence 6)
Language
German
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Nr. 84. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 542. anschwellen zu machen? Ein jetzt gewählter Ausschuß könnte binnen 4 Wochen den Gegenstand, der klar genug zu Tage liegt, in einen ausgereisten Gesetzentwurf fassen. Es sollte möglich sein, während der Tagung von 1896 gesetzliche Vorkehrungen zu treffen, die schon den Frühling- und Sommerzug 1897 von unseren Gestaden ablenken. Gewiß ist es eine friedliche Invasion, um die es sich hier handelt, in vieler Hinsicht weckt sie unser Mitleid und unsere Teilnahme, aber eine Invasion, die unsere sozialökonomischen Sorgen fortdauernd verniehrt und den Kamps ums Dasein, in dem so viele der Unserigen fallen, weiter verschärft, fordert aus Gründen der Selbsterhaltung den entschiedensten und kältesten Widerstand heraus ..." Einer der energischesten Vorkämpfer des Verbots der Einwanderung, zugleich ein warmherziger Menschenfreund, Mr. John Evans hat an den Oberrabbiner Rev. Dr. Adler ein Schreiben gerichtet, in welchem er den Rabbi bittet, dahin zu wirken, daß der Zuzug solcher fremden Juden aushöre, die nicht durch Verfolgungen aus Rassen- oder Glaubenshaß gezwungen seien, ihre Heimat zu verlassen und mit britischen und bereits in England eingelebten jüdischen Arbeitern in Wettbewerb zu treten. Der Oberrabbiner hat darauf geantwortet : „Geehrter Herr! Ich spreche Ihnen für die liebenswürdige und edelherzige Teilnahme, die Sie für das Schicksal der armen Einwanderer bezeugen, meinen aufrichtigsten Dank aus. So weit es an uns liegt, sind wir lange schon in Ihrem Sinne thütig. Die Verwaltungen unserer WohlthätigkeitSanstalten thun alles, um die Einwanderung aller Armen zu verhindern, die nicht als Opfer der Verfolgung ein Recht auf unseren Schutz haben. Ich habe den angesehensten Rabbinern in Rußland und Polen ans Herz gelegt, in diesxr Richtung unter ihren Gemeinden zu wirken und die schweren sozialen Bedenken nicht verhehlt, die ein weiterer Zuzug jener Bedürftigen in England Hervorrufen müßte. Ich habe auch die bezüglichen statistischen Ziffern über die Ueberfüllung des Arbeit smarkts in den verschiedenen Branchen beigesügt und die trostlosen Aussichten neuer Einwanderer in das rechte Licht gestellt. H. Adler.!l»ch einmal: das Oirofpliliimtt in Bulgarien. Von Tr. Rüben Vierer, Sofia. Wenn ein Gärtner eine exotische Pflanze in den Bereich seiner hortologischen Thätigkeit zieht, so neust er sich eher auf den Richterfolg einrichten und den eventuellen Erfolg zu seiner Belehrung wie zu feinem Genüsse verwerten; niemals aber dürfen ein oder mehrere Mißerfolge den strebsamen Gärtner von weiteren Versuchen mit gedeihlicheren Mitteln abhalten. Dieses Bild zeichnet in markanten Zügen das Experiment der Berufung eines europäischen Rabbiners in Sofia, das wir so sehr anstrebten und durch zwei Berufungen zu erproben Gelegenheit hatten. Wer von beiden den exotifchen Teil repräsentiert, wollen wir unausgesprochen lassen. Eigentümlich tritt die Disharmonie beider Teile so grell in die Erscheinung, daß es schwer fällt zu entscheiden, auf wessen Seite das Recht und auf wessen das Unrecht liegt. Es wird daher gut fein, beide Teile auf ihre Eigentümlichkeit zu prüfen, um das weitere Verhallen gegen einander abmägen zu können. Wer eine Spanne Zeit mit unseren spaniolischen Brüdern gelebt hat, kann die Wahrnehmung bestätigen, daß dieselben eine innere Voreingenommenheit vor einem „TodeSeo"(Deutscheni oder „Polisch" (Polen) besitzen, welche oft den Todeseo zu empfindlich, ja schädigend trifft. Wir müssen hierbei aber auch zugeben, daß in gegebenen Fällen unredliches Geschäftsgebahren seitens der Todesco im Spiele ist. Aber oft an pfindet der Edelste der Todescos das Kränkende dieses grundlosen Hasses des Hidalgostolzes. Wer vermag sich das Peinliche dieser Situation vorzustellen, in eine Gemeinde geraten zu sein, welche weder einen ausgiebigen Kreis von Gelehrten, noch einen solchen von Fortschrittsmännern mit einem gewissen Bildungsgrad besitzt, welcher die Gunst des neuen Seelenhirten zu erringen sucht und ihn unterstützt. Die ganze Masse — blind und taub in der Lehre Gottes, folgt oft dem Stichmorte irgend eines Mannes und lauscht ohne eigene Prüfung und Überzeugung. Hierzu fehlt dem neuen Rabbiner das Zaubermittel des gesprochenen Wortes — da der tüchtigste Rabbiner den sephar. dischen Jargon nicht so beherrschen kann, wie die Spaniolen mit ihrem Kauderwälsch-Spaniolisch. Was kann aber unseren jüdischen Blassen und deren Repräsentanten imponieren? In allererster Linie der jüdische Typus, der imposante Gesichtsausdruck, in letzterer Beziehung schwebt ihnen die rechtgläubige (prawoslawny) Geistlichkeit mit ihren langwallenden Bärten als Prototyp eines echten Jehudi und Rabbiners vor, die zugestutzten, gar bartlosen, Prediger der Todescos machen auf alle Spaniolen einen geradezu peinlichen Eindruck. Hingegen empfinden die Spaniolen keine Aversion gegen das Anlegen eigener Rabbinergewänder, sie ließen dem Rabbiner Grünwald sogar einen eigenen großen, mit Silberbeschlag gezierten Stab anschaffen und wird eö nach meinem Dafürhalten keinen Kampf kosten, ein modernes Gotteshaus mit Männerchor zu installieren. Sie, die Spaniolen dulden es, daß ihre Ehachamim und Ehazanim eine Art Priesterkleid tragen und sich dessen bei feierlichen Anlässen bedienen. Man wird aus alldem schließen dürfen, daß unbeschadet ihres Konservatismus ein Fortschreiten aus der Bahn europäischer Reformen, welche dem Wesen des Judentums nicht zuwiderlaufen, möglich und durchführbar, — somit das ,4eld für eine ernste und ersprießliche Thätigkeit eines fälligen Seelenhirten von selbst gegeben ist. Wenn bei alldein die beiden europäischen Grandrabbins in fünf Jahren keine ersprießliche Thätigkeit entfalteten, unter den früher stets geeinten Gemeindemitgliedern Zank und Hader entstand, wenn das Schulwesen im beklagensnwrtesten Zustande unter den beiden sich befand und sie selbst Schritte zur Auflösung der jüdischen Schulen thaten, was gleichbedeutend mit Vernichtung des jüdischen Nachwuchses in Sofia; wenn ferner das Konnte demonstrativ dem seligen Dr. Grünwald ein volles Jahr (von den zwei FunktionSjahren)^ den Rücken gekehrt und keiner seiner zahlreichen Einladungen^Folge geleistet hat, so muß schließlich das Fehlschlagen auch in der Persönlichkeit der Rabbiner zu suchen sein. Das Facit beider Rabbiner, wie sehr sie auch in ihrec Denk- und Handlungsweise verschieden, blieb das völlige Mißglücken ihrer so schönen Mission. Es fragt sich nun, das Kulturwerk liegen gelassen werden, sollen die Spaniolen keinen neuen Rabbiner mehr anstellen und auf die uralff Ehachaminstitution zurückgehen -- ein Gedanke, welcher ui Sofia besonders gern gehört wird, — oder sollen etwa lne deutschen Rabbiner Bulgariens Großrabbinat boykottieren. r s J f i '• , V' i ä|i

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