Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 541 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. H4. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 541. (Geistlichen ansgiebt, bineingelegt worden. Er muf? mit Jim zunehmenden Alter vorsichtiger werden, namentlich zu Fastnncht und in derzeit der sauren (Türken. - Wir aber legen den „Angeblichen" zu den Akten d. h. der Ablwardtschen. Dr. M. f clircrrlniii. Alan schreibt mio auo Westfalen: Am 11. August seierte der Lehrer Herr Länger in Schwerte sein 50 jähriges Amtsjnbiiäum. Der Jubilar, OK Jahre alt, körperlich und geistig rüstig, mns; im Skt ob er, nachdem er 40 Jahre in seiner Gerneinde gewirkt, sein Amt niederlegen. Es mußte befremden, daß die Synagogengemeinde Schwerte dem Jubiläum ihres Lehrers, dessen Schüler doch wohl die ganze jüngere Eleneration der Gemeinde ist, so wenig Teilnahme schenkte. Während der T--J. G.-B. den Jubilar in einem Schreiben beglückwünschte und ein Geldgeschenk übersandte, der Vorstand des rheinisch-westfälischen Lehrervereins, vertreten durch den zweiten Vorsitzenden Lehrer Steinweg- Rheda, eine schön ansgestattete Adresse überreichen ließ, die benachbarten jüdischen und christlichen Kollegen, sowie zahlreiche christliche Bürger der Stadt Schwerte durch ihr Erscheinen dem Jubilar ihre Aufmerksamkeit bewiesen, glänzte die jüdische Gemeinde durch Abwesenheit. Wir nehmen an, daß die Absicht vorlag, dem nun bald aus dem Amte scheidenden Lehrer bei seinem Abschiede eine Ovation zu bereiten, und daß nur aus diesem Grunde von einer Jubiläumsfeier jetzt Abstand genommen worden ist. — Tie jüdische Schule in Schwerte ist, wie die meisten in Westfalen, Privatschule, und der im Amte ergraute Lehrer hat leider keinen gesetzlichen Anspruch auf Pension; die Gemeinde hat aber ihre moralische Verpflichtung erkannt und eine Pension vcn jährlich 400 Mark ausgesetzt. Ist dies auch wenig, so wollen wir doch dies kleine Ruhegehalt als ein Zeichen dankbarer Anerkennung ansehen. Leider giebt es in Westfalen Gemeinden, welche glauben, dem Lehrer und Kultnsbeamten gegenüber keine moralische Verpflichtung zu haben. Wir wollen keine Flamen nennen, Tbatsache aber ist es, daß Lehrer nach langjähriger treuer Pflichterfüllung ohne die geringste Pension ans dem Amte entlassen worden sind. Warum auch einen alten, abgenutzten Mann, und wenn er noch so pflichttreu gewesen und wenn auch sein Gehalt ein noch so geringes war, noch länger im Amte behalten, es giebt ja jüngere Kräfte genug, die sich mit einem noch geringeren Gehalte begnügen, und warum eine Pension zahlen, zu welcher man nicht gesetzlich verpflichtet ist?!! — Ausfallen mußte uns die vom Rhein erhaltene Mitteilung sein, baß die Gemeinde Ruhrort, welche zu den größeren und gut situierten Gemeinden zählt, ihrcnr am 1. September aus dein Amte scheidenden Lehrer eine Pension von 000 Mar'k aus drei Jahre ansgesetzt habe. Wir wissen nicht, was bcn Lehrer K. veranlaßt hat, vor zehn Jahren auf Pensionierung zu verzichten, nehmen aber an, daß es gewichtige Gründe gewesen sein müssen, vielleicht die Aussicht ans eine in dem Falle zu erhaltende Gehaltsaufbesserung. Keineswegs wird ,vk'it K. damals geahnt haben, daß er weichen müsse, solange er noch zu wirken imstande sein iverde. Herr K. ist kaum 00 Jahre alt, körperlich und geistig rüstig, ein tüchtiger Lehrer, der noch manches Jahr seines Amtes hätte walten können. Was konnte die Gemeinde Ruhrort bestimmen, den noch rüsiigen Lehrer nach 21 jähriger Wirksamkeit zu entlassen? Keine Behörde entläßt einen angestellten Beamten, wenn dieser keine schwerwiegenden Amtsvernachlässigungen sich zu Schulden kommen läßt. In den jüdischen Gemeinden braucht der Lehrer nur irgend einem Vorstandsmitgliede, irgend einem einflußreichen Gemeindemitgliede nicht mehr genehin zu sein, und — weg mit ihm! heißt es, mag er sehen, wie er fertig wird. Die Gemeinde Ruhrort bewilligt eine Pension von 000 Mark ans drei Jahre. Rach Ablauf dieser drei Jahre kann ja der Lehrer wieder unterthänigst bitten, und die Gemeinde ist dann vielleicht so großmütig, aus weitere drei Jahre zu bewilligen. Auf diese Weise bleibt doch das Abhängigkeitsverhältnis erhalten und der Lehrer hübsch demütig und bescheiden. Ihr Korrespondent vom Rhein hat sehr recht, wenn er den jungen Leuten mahnend zuruft: Bleibt einem Berufe fern, der euch eine so unsichere Existenz, eine so trübe Zukunft bietet! Wir möchten noch weiter gehen (den jungen Leuten, die mit Begeisterung für den schönen Beruf sich diesem Stande widmen, fehlt in der Regel das Verständnis für die Erfahrungen der Alten) und erteilen den wohlgemeinten Rat: Schließet die Seminarien, bis die Gemeinden ihre Schulen zu öffentlichen machen oder aber, bis für einen ausreichenden Pensionsfond gesorgt ist! Traget nicht ferner dazu bei, daß talentvolle Jünglinge einem Berufe zugeführt werden, der sie im Alter der beschämenden öffentlichen Wohlthätigkeit anheimfallen läßt. Dir EinmMmgssragc in England. i- London, 19. Anguß. In der nächsten Session unseres Parlaments dürfte die Trage der Fremden-Ein Wanderung, die insonderheit das Schicksal der russischen und polnischen Juden berührt, einen breiten Raum einnehmen. Schon jetzt ist die öffentliche Diskussion über den Gegenstand eine sehr angeregte. Wie man in gewissen Kreisen der konservativen Partei sich zu der Sache stellt, bezeugt eine Betrachtung der St. James' Gazette, in der wir lesen: „Es ist klar, daß wir das Schicksal der Fremden nach unserem Besten gestalten müssen. Sind es holländische Juden, die „Havana"-Cigarren in Spitalfields rollen, deutsche Juden, die in Shoredith Möbel Herstellen oder Polen und Russen, die in den Schwitzhöhlen (sweating dens) des Tower Hamlets schneidern, so sind wir verpflichtet, sie als Engländer zu behand.In und uns unausgesetzt zu bemühen, sie zu anglisieren durch die Erziehung ihrer Kinder und durch die Mittel unserer Sanitäts- und Gewerbegesetzgebung. Aber es ist ganz etwas Anderes, eine stetige Vermehrung ihrer Zahl zuzulassen. Diese Ausländer-Kolonie in London allein jedes Jahr um Tausende zu verstärken, ist ein erstaunliches Zeichen nationaler Kurzsichtigkeit. Im Interesse dieser Fremden selbst so gut wie unseres eigenen Fleisch pnd Blutes sollten wir die Thore Englands vor dem jährlich immer größer werdenden Zuzug schließen, uns bringt er nur Mühsal und jenen Unglücklichen frommt er nicht. Der Kampf mns Dasein wird nur imn:er schwieriger und hoffnungsloser. Ueber 20 pro Mille der Bevölkerung stehen jetzt bereits unterm Armenrecht, ein Zehntel von dieser Auslese der Bedürftigkeit sterben in Arbeitshäusern, Spitälern und öffentlichen Irrenanstalten. Die Obdachlosen in London erreichen, je nach der Jahreszeit, die Ziffern zwischen K0 000 und 100 000. Wäre es nicht Heller Wahnsinn, angesichts solcher Zahlen jenen Strom immer weiter