Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608849--0689-9608853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Geile 540. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. die Sache zweckdienlich sei — das ist zuweilen Geschmacksache, manchmal auch Bescheidenheit, nicht selten auch liegt die Anonpmität in den Interessen des Schreibers oder der Sache, die er vertritt, begründet. Wer aber hinter dieser vorzüglichen Deckung hervor Angrisse schleudert, der ist um kein Haar besser als ein Wegelagerer, wer diese seine losgeschnellten Pfeile zum Ueberslusse mit einer giftigen Salbe bestreicht, der verdient den Ehrennamen eines Meuchlers, und diesem vergleichbar ist derjenige, welcher zu seinen unqualifizierbaren Schmähungen zwar nicht seinen wahrscheinlich sehr unbedeutenden Namen hergiebt, wohl aber das Schwergewicht seines amtlichen Charakters in die Wageschale wirft. Diesen Eindruck ruft der Berf. der „Schattenbilder aus der Geschichte Israels" hervor, der angeblich ein evangelischer Geistlicher sein soll, dessen Kompetenz zu seiner neuartigen Bibelexegese im Publikum natürlich keinem Zweifel begegnen kann. Hätten wir es thatsächlich mit einem „Geistlichen" zu thun, der den geschichlichen Büchern der hl. Schrift, also auch dem Pentateuch den Charakter von Ehre, Treue und Vertrauen abspricht, der sich lieber an den alten deutschen Gesängen, welche Odin und Frepa verherrlichen, als an der biblischen Geschichte ergötzen will, weil letztere mit schlichter Ehrlichkeit auch die Fehler der hl. Männer nicht verschweigt — dann würden wir uns bei dem Aufwärmen dieser „ollen Kamellen" mit den „Schattenbildern aus der Geschichte evangelischer Geistlicher" von Weißensee, Oldenburg und benachbarten Staaten aus al lerneuester Zeit revanchieren. Da aber „diese kleine Artikelserie den Ahlwardt- Böckelschen Firmenstempel „Deutsches Volksrecht" an der Stirne trügt, so dürfen wir mit Fug und Recht annehmen, daß das edle Paar sich wie gewöhnlich die — Freiheit herausi genommen hat, zu flunkern, und wir es mit einem evangel. Geistlichen eigener Fabrikation der Firma zu thun haben; es muß also mindestens heißen: „von einem angeblichen evangel. Geistlichen". Was dieser „Angebliche" nicht sagt, muß fürchterlich sein, da er selbst zugesteht, daß er fürchtete wegen Beleidigung einer bestehenden Religionsgesellschaft in Anklagezustand versetzt zu werden, was noch keinem Menschen wegen seiner Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe passiert ist. Außerdern sollte der „Angebliche" wirklich so naiv sein, die neueste Witzserie der Frau Themis nicht zu kennen mit der köstlichen Pointe, daß wer die Juden angreift, stets nur ihre Rasse meint, und diese könne gar nicht beleidigt werden, da es sich ja lediglich um — anthropologische Studien handelt? Also nur zu, Herr „Angeblicher", bedienen Sie sich, Sie.brauchen selbst bei dem Dekalog nicht mehr Halt zu machen, denn auch die zehn Gebote sind — nach einer Entscheidung des dritten Senats des Reichsgerichts — weder eine Einrichtung der christlichen Kirche, noch auch eine solche der jüdischen „Religionsgesellschaft" — schönes Wort! Also verleumden und lügen Sie ruhig weiter, und machen sie auch ihren werten Namen dabei unsterblich und lächerlich, es bleibt immer etwas hängen! Was der „Angebliche" aber sagt, ist nichl neu, das hat er älteren Gesinnungsgenossen nur nachempfunden. Der erste Artikel ist uns nicht gegenwärtig, er handelt jedenfalls von der Geschichte der Erzväter, und mit welch liebevoller Gesinnung er an sie herantritt, erkenneil wir zur Genüge an den Schlußworten, in denen der Schreiber mit Befriedigung und Behaglichkeit — aber mit wenig Witz — erklärt, daß er seine -- er sagt „unsere^ Ausgabe für erledigt halte. indem er hinlänglich bewiesen zu haben glaubt — ipsissima verba — „daß die Person eines Abraham, Jakob, Salomo keinerwegs geeignet sind, als Vorbilder für Deutsche verwandt zu werden." Die beiden vorliegenden Artikel behandeln etwas summarisch den kleinen Rest der Geschichte von Joseph bis zur Zerstörung Jerusalems — an eine Kritik des R. T. wagt der „Angebliche" sich nicht heran — Alles auf vier Spalten durcheinander: Lob der Propheten, weil sie Isaak ausschimpfen, und Tadel der übrigen Gesellschaft, der er zu seinem eigenen Bedauern den religiösen Zusammenhang mit dem Christentum nicht absprechen kann. Man hört ordentlich sein Richtschwert durch die Lust sausen, man glaubt das Zischen des Hiebes zu vernehmeil mit dem er, nachdem er in Nero — namhafter Weise dem alteil Israel nur einige wenige Köpfe aussetzt, diese fein säuberlich ab hackt — das ist auch das einzige „Saubere" an der ganzeil Arbeit. Wir wollten eigentlich nur den „Angeblichen" schildcru, seine Kanipsesweise charakterisieren, ohne uns näher mit ihm zu beschäftigen, denn was er sagt, haben wir schon des Oefteren vorher widerlegt, aber ganz unbefriedigt wollen wir die Neugierde des Lesers nicht lassen. Das Bild, das er von Joseph entwirft, in dessen Geschichte er das erste und zweite Buch Mosis willkürlich durcheinander rüttelt und schüttelt, ist das bekannte ' anmutige; er rechnet ihm prozentweise nach, was er all dem riesigen Getreideauskauf und an der dadurch hervorgerufellen — füll heißen „geweissagteu" — Teuerung verdient hat, natürlich für seine Tasche. Die Stelle in Gen. 41,54, wo berichtet wird, daß in allen Ländern, deren Getreide er doch nicht auch ausgekaust haben konnte, um ä la hausse zu spekulieren, Mangel war, unterschlägt er vorsichtigerweise, ebenso auch, daß bei dieser angeblichen künstlichen Preistreibung des Getreides die Geistlichkeit der Landeskirche und der König selbst mit einem erkleklichen Profitchen beteiligt waren, cf. Gen. 47, 22 ss. Aus der Richterperiode ist es das Weib Jael, aus deren grausamen Tötung des Sissera er den Israeliten einen Strick zu drehen versucht. Entweder ist der „Angebliche" ein Ignorant und ein blinder Zelote, oder er ist ein Lügner, denn er muß dock wissen, daß Jael keine Jüdin, sondern eine Kenitin war cf. Judicum cap. 4. In Gibea kam allerdings eine Schandthat vor, die in der Schrift an mehreren Stelleil als eine Schandthat bezeichnet wird, „iv i e f i e i n I s r a e l n o ch nie d a g e w e f e n i >t," und sie findet eine beispiellose Sühne in der annähernden gällzlichen Vernichtung eines Stammes. Der „Angebliche" aber rnacht sich eine andere Lesart zurecht, um seine Erzählung mit den von sittlicher Entrüstung triefenden Worten schließen zu fönnen: „Ganz Israel hat an dieser empörenden Feigheit nichts auszusetzen!" .... Pfui über solche Bibelkritik! Noch einige Seitenhiebe aus David und Salomo — deren Vorzüge und Schattenseiten die Schrift nicht verheimlicht, bei denl „Angeblichen" überwiegen letztere die ersteren bei Weitem; es folgt, um den Artikel zu füllen, eine große Serie von Prophetenstellen, in denen dem Volke Israel seine Sünden vorgehalten wurden, welche — die Stellen nämlich — knm vollen Beifall des „Angeblichen" finden, und damit ist dieser mit seinem Latein und wir mit ihm zu Ende. Der „sachverständige" Ahlwardt ist von einem Schalk oder einein Flunkerer, der sich oder den er für einen evangelischen