Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 539 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 539. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 33. Das Messer ist weder jüdisch noch christlich, weder koscher noch „trete“. Das Inserat soll natürlich nur Diester zur Ausübung des rituellen Schächtens empfehlen. Wir haben auch schon von koscheren Cigarren für Peßach,* **)) rituellen Jom Kippur-Schuhen gelesen; man hat sogar schon von koscheren Sesseln u. s. w. gesprochen, doch scheint dieser Artikel rar, er wird nur selten ausgeboten. Alle diese Anzeigen sind absurd, und weil sie absurd sind, wirken sie stets negativ und machen die Sache lächerlich. Was unter koscher gemeinhin verstanden wird, wissen unsere -Aeser auch ohne weitere Erklärung. Es ist die Bezeichnung für solche Speisen, die uns zum Genüsse erlaubt sind, bei den Frömmeren auch für Bekleidttngsgegenstünde, bei deren Anfertigung die Vermischung von Wolle und Leinwand vermieden ivird. Es klingt allerdings paradox, wenn wir behaupten, daß auch in der Anwendung des Wortes „koscher" ein Unterschied zwischen den Juden in der Provinz und denen in unsrer Metropole bemerkbar ist. In der Provinz gilt z. B. das Fleisch von einem rituell geschlachteten Tiere mit Recht als koscher. Hier wird vieles als zum (Genüsse erlaubt bezeichnet und verbraucht, was mit der rituellen Handhabung nichts zu thun bat. In einer kleinen Gemeinde weiß jeder, dem es daraus ankommt, rituell zu leben, inwieweit er dem Schochet trauen dürfe; hier muß man das Vertrauen dem aufsichtsführenden Rabbinate uild seinen Organen übertragen. Freilich kann inan hier getrost sowohl dem Rabbinate als auch den Schächtern volles Vertrauen eittgegenbUngen, denn die Einrichtungen für diesen Zweck sind heute derart, daß beide Teile nur gewissenhaft ihres Amtes walten können. Roch vor ea. 12 Jahren herrschten hier in dieser Hinsicht andere Verhältnisse. Da wurde dem einzelnen Funktionär für jedes Stück Vieh, das er für koscher erklärte, eine bestinmrte Gratifikation in Bar und in natura gewährt. Und das Schechita-Amt war so lohnend und das Vieh war so koscher, daß einzelne Schächter es zu einem jährlichen Einkommen von 30000 — dreißigtaufend —■ Diark gebracht haben. Als aber einst der Präses der Gemeinde, ein angesehener Bankier, von der ersten Rangloge des Opernhauses aus in der gegenüberliegenden Fremdenloge den Gemeindeschüchter nebst Frau und Töchtern sitzen 'ah, da wurde eine „Kommission zur Beschaffung des Koscherfleisches" gebildet, wurden die Schochtim auf ein festes Gehalt in Höhe von 3000 Mk. gesetzt. Auch sonst bat die genannte Konunission Wandel geschaffen und eine itrenge Aufsicht auch über die Schlächter eingesührt, denn täglich wandert ein besonders dazu Angestellter durch die Fleischerläden, und kontrolliert die — Siegel. Ueber diese Neuordnung ist viel gesprochen, diese Neuordnung ist auch viel getadelt worden, denn die Aufsicht kostet den Schlächtern, je nach ihrem Umsatz, 000—1000 Mk. pro Jahr und dafür berechnen sie das Pfund Fleisch 10 Ps. teurer. Freilich wird diese Aussicht illusorisch durch die Gleichgiltigkeit vieler, ja der meisten jüdischen Frauen, die überall ihre animalischen Küchenbedürsnisse kaufen, wo eine Tafel mit der, in diesem Falle ominösen Aufschrift angebracht ist, oder in Läden, wo eine fromme Attrappe mit noch frömmere», Käppchen die Aussicht führt. Die meisten dieser Geschäfte, besonders. in den Markthallen, stehen nicht allein nicht unter Aufsicht, *) OJonteiut sind Eigarren, deren Spitze nicht mit Kleister, sondern mit Eiweiß geklebt sind. Wir haben bisher immer geelanbt, daß. die Spitzen vor dem Rauchen abgeschnitten werden. **) Ohne „Schatneß. sondern das Rituelle besteht nur in der Anbringung der Aufschrift und eines Siegels, das sie als Eigentum besitzen und nach Bedarf benutzen. Trotzdem der religiöse Sinn sich bei den hiesigen Inden nicht vermindert, — im Gegenteil, wir möchten behaupten, es gehe ein konservativer Zug durch die moderne Judenheit — hat der Verbrauch des Koschersleisches sich verringert. Während das Verlangen nach Vermehrung der Religionsschulen immer lauter, die Forderung nach neuen Bethäusern immer eindringlicher wird, sind die 22 Schlächter, die noch vor 10 Jahren unter Aussicht standen, ans 12 zurückgegangen. Dabei hat sich die jüdische Bevölkerung in diesem Zeitraum um 25% vermehrt. Eine Erklärung dieser Erscheinung liegt sehr nahe. Die frommen Juden wollen ihre leiblicherr Bedürfnisse nicht rroch ertra vom Schlächter besteuern lassen. Sie sagen: mag doch dieser die Steuer allein tragen, da er auch allein den Vorteil hat. Wir aber sagen, es wäre am besten, wenn man die Aussicht den Schlächtern kostenlos gewährte, dann würde eine große Zahl der Fleischhandlungen sich freiwillig der Aussicht unterstellen. — Es ist übrigens nicht zu leugnen, daß der Begriff Koscher bei den modernen Juden eine Deutung erfahren hat, von der unsere Alten sich nichts haben träuinen lassen. Viele Hausfrauen sehen strenge daraus, nur gesiegeltes und „getriebertes" Fleisch zu verwenden, das sie auch vorschriftsmäßig vor dem Kochen behandeln. Dian sieht aber oft dieselben Frauen ganz unbesorgt ein Beefsteak im — Franziskaner, oder wenn die Diittel es erlauben, bei Dresse, verzehren. Freilich ist auch diese Erscheinung erklärlich; sie entspringt der Rücksicht auf Aeltere oder Eltern. Unsere „altmodischen" Gemeindemitglieder, die noch nach dem Schnürchen leben, leiden nicht wenig unter der Abneigung unserer modernen Zeitgenossen gegen alles, was koscher ist. Sie sehen ihre Kinder heiraten und eine nicht koschere Küche einführen, und sie, die unter Diühen und Sorgen ihre Kinder erzogen, muffen im Alter und in guten Verhältnissen am Tische der eigenen Kinder hungern. Ja noch mehr, manche spielen sich als Lehrmeister ihrer Eltern aus: „Das ist nicht mehr modern, nicht mehr zeitgemäß!" Vater und Mutter sind geblendet von den Phrasen, welche die jungen, gebildeten Leutchen iin Munde führen; sie essen zwar nicht von den verbotenen Speisen, aber sie lauschen mit Bewtinderung der Worte, — sie sehen sich überflügelt, sind hinter der Zeit zurückgeblieben — mit einem Worte — sie haben sich überlebt! Die Zarteren, Rücksichtsvolleren aber wissen, wie oben dargethan, einen Ausweg zu finden. Sie haben für ihre Person mit der Tradition gebrochen, wollen aber ihre frommen Eltern nicht verletzen, noch sie an ihrem Tische vermissen, sie leben darum daheim koscher, außerhalb des Hauses aber nicht. Ob dieser Standpunkt gerechtfertigt, ob er zu billigen oder als Zwitterding zu tadeln fei, das möge unberührt bleiben. Eines aber ist sicher, eine solche Rücksichtnahine wird die gegenwärtige Generation von der künftigen nicht verlangen noch erlangen. Da werden die Jungen den Alten gleichen, da wird alles „modern", alles — „koscher" sein. Per „Aiigklilichk" aus dein „Deutschrn Nolksrecht". Es können Fälle gedacht werden, in denen die zeitweilige RamenSverheimlichung des Autors für die Person oder für