Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 538 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 34. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 538. Rechte, auf alles, worauf sie als Menschen Anspruch haben, Verzicht leisten. Mögen sie für ihre Person sich der größten Bescheidenheit befleißen und sie im Handel und Wandel üben; hierzu sind sie verpflichtet als Menscheu und Juden. Aber sie haben kein Recht, bescheiden Konzessionen zu nrachen, wo mau ihre Religion angreist oder wo man die Rechte der Bekenner derselben in Frage stellt. Nach 2» Jahren. Leid-Arlikel eines Veteranen. Fast sämtliche deutschen Zeitungen bringen täglich Rückblicke und Episoden aus jener großen Zeit von 1870—71, die wir, in den mittleren Lebensjahren stehend, miterlebt, an denen wir mitgearbeitet aus den Schlachtfeldern oder in der Pflege der Verwundeten, tnindestens aber mitgewirkt durch Sammlungen. Es ist nicht unsere Ausgabe hier sestzustellcn, wie viele unserer Glaubensgeirossen im Felde gestanden, wie viele gefallen oder invalide geworden. Tie Beteiligung der Juden ist ohnedies durch die Armeelisten sestgeftellt und selbst der gewissenloseste Antisemit ist nicht imstande, eine Zahl davon hinwegzulügen. Was uns zu oiesenr Rückblick Stofs giebt, ist eine Festschrift, die nach der Siegesfeier in einigen Orten der Bayerischen Pfalz von der Behörde herausgegeben wurde. König Wilhelm depeschierte nach der Schlacht bei Sedan an die Königin Augusta: „Welch eine Wandlung durch Gottes Fügung!" Auch wir müssen ausrusen: „Welch eine Wandlung nach 25 Jahren!" Wenn Schreiber dieses nicht alles, was tu der Festschrift ausgesührt ist, miterlebt, an allem mitgewirkt hätte, — er würde dem gedruckten Berichte heute keinen Glauben mehr schenken. Wie ein Märchen aus alten Zeiten klingt es, wenn man jetzt das Festpropramm und die Reihenfolge des Festzuges liest. Hier das Aktenstück: 1) Das Festkomitee: der Pfarrer, der jüdische und der katholische Lehrer. 2) Bürgermeister und Gemeinderäte. 3) Hebräisches Transparent. (Psalm 29, 11.) 4) Die jüdischen Schüler. 5) Deutsches Transparent. (Uebersetzung des vorigen.) 0) Der Vorstand der jüdischen Gemeinde u. s. w. Daraus Festrede des jüdischen Lehrers. Pflanzung des Erinnerungsbaumes und wiederum Festrede des Judenlehrers. Und als die siegreichen Truppen heimkehrten, wurden sie an der früheren Grenze durch Beschluß der vereinigten politischen Gemeinde von dem jüdischen Lehrer mit einer Ansprache empfangen und man hat nicht gehört, daß es jenem preußischen General in der ferneren Karriere geschadet habe, weil er gerührt von einer besonders begeisterten Anrede, den Lehrer umarmt und geküßt. Der Judenlehrer war Monatelang der Held in der Provinz; er wurde überall, wo Siegesseste gefeiert, als Festredner eingeladen und reicher Beifall war der Lohn seiner patriotischen Thätigkeit. Heute ist derselbe Lehrer ein angesehener Beamter einer bekannten jüdischen Gemeinde und auch bei den Bürgern der Stadt als fähiger Mann bekannt. Auch heute werden, sobald er sich aus der Straße oder der Promenade zeigt, Zurufe laut, aber Zurufe anderer Art: „Jud! Jud!" und seine Familienangehörigen werden: „Judenbande!" tituliert. Vor 25 Jahren innig befreundet mit den Geistlichen und Lehrern der christlichen Konfessionen, im täglichen Verkehr mit Bürgermeister und Beamten, — heute isoliert uud össentlich oft beschimpft von dem süßen Pöbel. O, wir haben es herrlich weit gebracht in dem geeinten deutschen Vaterland! Das schöne Lied „Deutschland über alles," das wir mit derselben Begeisterung mitgesungen, ist jetzt das Kampflied der eigentlichen Reichsfeinde geworden. Dieselben; z Juden, die aus den französischen Schlachtfeldern geblutet oder! j zu Krüppeln geschossen worden sind, — heut sind sie nur f I I noch geouldet und werden sie einmal gröblich beschimpft, so l; ist der Einzelne nicht damit gemeint, sondern nur die Rasse. | ■; f „Durch Gold und Blut in die Dinte!" so bezeichnetc i s der König Ernst August II. vou Hannover die deutschen Farben im Jahre 1848. Auch wir können sagen, wir sind' : unschuldig (w e i ß) und durch Blut schließlich — an geschwärzt worden. Was wir iu diesen 25 Jahren verloren, * - wir können es in 50 Jahren nicht mehr erringen! Rach der , Gefangennahme Napoleons III. jammerten die Juden in L' . Elsaß-Lothringen: wir haben den Meschiach verloren und | \ dafür in der Zugehörigkeit zu Deutschland Anteil an dein f f preußischen Rischuß genommen! Selten haben wir einen? s leidenschaftlicheren Fanatismus, ja glühenderen Haß erlebt, j als den zwischen den Juden jenseits der Grenze und den f :; jüdischen Bewohnern der Pfalz. In unserem Erstaunen und Schmerz über diese befremdliche Erscheinung wurde uns doch klar, daß der Patriotisneus größer ist, als die gemeinsame Gebetsprache und Abstammung. Wir aber haben gejubelt als der Feind gefallen; mir haben gehofft, daß mit dem Ausbau des deutschen Reiches . auch die Gleichberechtigung der Konfesstouen gleichen Schritt halten würden und wir bekamen dafür den — Antisemitismus, der im Verborgenen wühlt viel gefährlicher wirkt als die Turt, kos mit ihren wilden Katzen, die nirgends existierten. I . Auch wir danken Gott mit allen Deutschen für die Siege, j: aber wir verkennen es nicht, daß damals die deutschen j. Länder geeinigt, die Menschen und die Bürger eines jetzt! mächtigen Staates aber auseinander gerisseir wurden. Koscher. Vou Bar Minan. s' Zwei hebräische Worte haben allmählich in der Verkehrs spräche Bürgerrecht erlangt unb zwar nicht allein in jüdischen, sondern auch iir christlichen Kreisen. Diese zwei Worte lauten: „Koscher" (nsw) und „Rosche" (yen) Jeder Jude, auch der nicht koschere, weiß, ivas ein Rosche, und jeder Rosche, auch der arischeste, weiß, was koscher ist. , Mit beut Rischus wollen wir uns in einen: besonderen; Artikel befassen und heute nur über den in der UeberschriN : bezeichneten Begriff sprechen. i; Was ist „koscher?" ,, l.; Das Wort ist in der Bibel nur ein Mal (Esther g vertreten, und auch iu diesem eineu Falle in ganz anderem J| j Sinne als dem gebräuchlichen zu verstehen. Vielleicht wird, W; weil wir dieses Buch am lustigen Purim vorlesen, das Wort 4: selbst von frommen Juden oft im possenhaften Sinne an $■ gewendet. — ... J Sehr richtig ist die Benrerkung der Redaktion dieies , Blattes in Ro. 30, daß man die Empfehlung koscherer JW j- Herde eigentlich als groben Unfug bestrafen müßte. I Ebenso lächerlich ist aber die Annonce, die in einzelnen M scheu Blättern wiederkehrt: _ . „ . - g. „Rituelle (d. h. also „koschere") jüdische Schächtmell" M, empfiehlt u. s. w." J;